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«Langnasen» im Reich der Mitte

Die Ernst Hohl-Kulturstiftung ist mit einem Volkskunst-Projekt am Kulturaustausch Schweiz–China der Pro Helvetia beteiligt. Kürzlich reisten Vertreter der Stiftung mit Schweizer Papierschneidern und Musikanten in den Südosten Chinas.
Monica Dörig*

Beijing. Der Begriff Kulturaustausch kann je nach Absicht mit den unterschiedlichsten Inhalten gefüllt werden. Kulturaustausch betreiben wir auch, wenn wir uns im Ferienland auf die lokale Küche einlassen oder wenn wir Weltmusik hören. Man sagt, Kulturaustausch erweitere den Horizont, mache toleranter, verändere auch den Blick auf die eigene Kultur. Im besten Fall fördert er den Respekt und das Verständnis für das Andere.

Nonverbale Sprache versagt

Verständnis setzt Verständigung voraus. Obwohl China die von der Partei verordnete «Politik der offenen Türen» exzessiv praktiziert – Wirtschaftswachstum, Bauboom, Konsumrausch –, sprechen nur wenige Chinesen so gut englisch, dass eine Unterhaltung möglich ist. Selbst die nonverbale Sprache versagt. Unsere Körpersprache wird dort ganz anders gedeutet; nicht einmal die Zahlen kann man wie gewohnt mit den Fingern zeigen.

Im Umgang mit Chinesen, vor allem mit Vertretern von Institutionen oder gar der Regierung, gilt es, viele Regeln einzuhalten. Der Ablauf der offiziellen Veranstaltungen musste unter Beachtung der Hierarchien akribisch geplant werden. Als einmal die Schweizer mit Stiftungsratsmitglied und Ständerat Hans Altherr quer über den Tisch scherzten, sorgte das bei den Chinesen für Befremden. Nie würde sich ein Chinese trauen, einen hohen Parteikader als seinesgleichen zu betrachten.

Zu Kunstwerken verarbeitet

Der in Urnäsch wohnhafte Ernst Hohl kennt diese Gepflogenheiten. Seit Jahren pflegt er geschäftliche und private Beziehungen in China. Die von ihm gegründete Kulturstiftung präsentiert im Haus Appenzell in Zürich regelmässig Kulturgut aus der Säntisregion. Vor zwei Jahren wurden fünf der bekanntesten Scherenschnittkünstler aus dem Reich der Mitte eingeladen, Land und Leute rund um den Alpstein kennenzulernen. Die Eindrücke wurden zu papierenen Kunstwerken verarbeitet und letzten Herbst in Zürich ausgestellt.

Diesen März und April wurde eine Auswahl davon im Südosten Chinas gezeigt. Zwei bekannte Schweizer Papierschneider, Ernst Oppliger und Bruno Weber, reisten mit; ein Querschnitt durch die aktuelle Schweizer Scherenschnittszene ergänzte die Ausstellung. Zusammen mit vier Schweizer Volksmusikanten war die Delegation aus dem Haus Appenzell an der Tsinghua-Universität in Beijing und an der Chinese Academy of Arts in Hangzhou zu Gast.

Oppliger und Weber hielten Referate vor Studenten und zeigten in Workshops ihre Art des Papierschneidens.

Plötzlich in exotischem Licht

Kulturaustausch verändert den Blick auf das Eigene. Das ländliche Leben und die Traditionen des Appenzellerlandes, die die chinesischen Papierschneider abgebildet haben, erschienen plötzlich in einem exotischen Licht.

Die Begeisterung der chinesischen Ausstellungsbesucher für die Schweizer Scherenschnittkunst wirkte ansteckend. Die Gäste der Vernissagen fotografierten unermüdlich die Werke. Am liebsten liessen sie sich aber zusammen mit den Schweizer Männern ablichten, begleitet von Gekicher und kindlicher Freude an den Fotos mit den «Langnasen».

Kulturaustausch verstehen die Chinesen vor allem als Gelegenheit, zu sehen wie es andere machen und es ihnen nachzutun. So haben die beiden Papierschneider an den Workshops ihre liebe Mühe gehabt, die Studierenden zum freien Arbeiten zu motivieren. Der Meister macht vor, der Schüler kopiert – das spürte man auch bei den Atelier-Besuchen an den Kunstakademien.

Kulturaustausch ist auch Vergleichen. Anregend wirkten die Abteilungen der Universitäten, an denen Volkskunst gelehrt wird. Klassen für Kalligraphie und Lackarbeiten, Keramikwerkstätten und Musikakademien, wo traditionelle Instrumente unterrichtet werden, haben in China einen hohen Stellenwert. In der Schweiz kann typisches, überliefertes Kunsthandwerk (und bis vor kurzem auch Volksmusik) nur bei Ausübenden erlernt werden und hat oft ein angestaubtes Image.

Die Landschaft löst sich auf

Papierschneiden ist hierzulande eine Nischenkunst. In China sind Scherenschnitte tausendfach vervielfältigte Alltagskunst. An den Fenstern der Wohnsilos werden sie zum Frühlingsfest aufgeklebt, in Restaurants zur Dekoration; sie zieren Produkte des täglichen Bedarfs und Werbeplakate, sie werden in Museen gezeigt oder an Ständen in den Fussgängerzonen verkauft.

Die chinesischen Papierschnitte haben sich in ihrem tausendjährigen Bestehen aber lange kaum verändert. Nur einzelne Künstler arbeiten heute abstrakt.

Wohl auch deshalb stiessen die modernen Schweizer Papierschnitte auf grosse Neugier. Nicht nur die Studenten bestürmten die beiden Repräsentanten und die Ausstellungsmacher mit Fragen, auch Journalisten von Zeitungen, Kultur- und Lifestyle-Magazinen, Radio- und Fernsehstationen standen Schlange.

Kulturelle Begegnungen verrücken die Wahrnehmung. Wenn man mit Scherenschnittkünstlern unterwegs ist, wenn man Kalligraphen über die Schulter geschaut hat, einer Zitherspielerin zugehört hat, ist es, als ob die chinesische Landschaft sich in Konturen und Silhouetten auflöst. Baumreihen spiegeln sich wie gefaltete Scherenschnitte im stillen Wasser der künstlichen Kanäle. Die Fassaden der gigantischen Wolkenkratzer spielen mit Licht und Schatten. Die Konturen der grossen Mauer sind Tuschezeichen am dunstigen Horizont.

Elsternnester thronen in den Pappeln – Vorbilder für das Olympiastadion in Beijing? Blühende Zweige sind Poesie, das Rascheln der Bambushaine Musik. Die geschwungenen Dächer der wenigen verbliebenen historischen Gebäude erzählen vom Kaiser von China. Die Reise über Land von Beijing nach Shanghai bot eine Fülle von Einblicken, auch in das bescheidene Leben der Bauern oder in die bedrückende Atmosphäre der Industriestädte.

Tabuthema Politik

In vielen Begegnungen gaben die chinesischen Gesprächspartner zu, dass sie mit der Schweiz Uhren und Schokolade verbinden. Viele glauben, die Schweiz sei ein sauberes grünes Paradies, von friedliebenden freundlichen Menschen bevölkert. Dass einige Bewohner dieses winzigen Landes mit den Chinesen die Liebe zu Scherenschnitten teilen, freue ganz besonders, meinte einer der Vernissagenredner.

Versichert wurde von allen Rednern, dass sie sich einen vertieften Austausch auf kultureller Ebene wünschen.

Über Politik wurde nicht gesprochen. Nur einmal hat die Vertreterin einer Akademie unter vier Augen zugegeben, dass der grosse Vorsitzende neben all dem Guten für das Land, den Menschen auch viel Leid angetan habe.

Die nachkommenden Generationen versuchen diese Schatten abzuschütteln; sie sind in rasendem Tempo auf der Überholspur unterwegs Richtung Kapitalismus. Es könnte einem beim Zusehen schwindlig werden. Im Band der jahrtausendealten Kultur klafft ein Riss. Manche Chinesen spüren die Gefahr, dass sich uralte Werte verschieben, dass der Kontakt zu den kulturellen Wurzeln auf der Strecke bleiben könnte. Das Schweizer Beispiel habe sie dafür sensibilisiert, haben sie gesagt.

* Monica Dörig, Journalistin aus Appenzell, begleitet Projekt und Ausstellung «Wenn Ost und West sich begegnen» der Ernst Hohl-Kulturstiftung seit zwei Jahren. Sie verfasste u.a. Texte für den Katalog der Schweizer Ausstellung im Haus Appenzell sowie für jenen der Ausstellung in China.

Impressionen eines Kulturaustausches: Das Gruppenbild entstand anlässlich der Vernissage der Scherenschnitt-Ausstellung in Hangzhou; in der ersten Reihe (u. a.) Ernst Hohl und Hans Altherr, Vertreter des chinesischen Kulturministeriums, der Pro Helvetia und des Schweizer Konsulats in Shanghai. Zu den weiteren Bildern: Kalligraphie-Klasse AAC in Hangzhou (oben links); die Chinesische Mauer (unten links); eine Besucherin fotografiert in Hangzhou Schweizer Scherenschnitte; Licht und Schatten spiegeln sich in der Skyline Shanghais. (Bilder: Monica Dörig)

Impressionen eines Kulturaustausches: Das Gruppenbild entstand anlässlich der Vernissage der Scherenschnitt-Ausstellung in Hangzhou; in der ersten Reihe (u. a.) Ernst Hohl und Hans Altherr, Vertreter des chinesischen Kulturministeriums, der Pro Helvetia und des Schweizer Konsulats in Shanghai. Zu den weiteren Bildern: Kalligraphie-Klasse AAC in Hangzhou (oben links); die Chinesische Mauer (unten links); eine Besucherin fotografiert in Hangzhou Schweizer Scherenschnitte; Licht und Schatten spiegeln sich in der Skyline Shanghais. (Bilder: Monica Dörig)

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