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«Angst, sich durch den Zugang der Frauen selbst zu zerstören»: Wie Ausserrhoder Frauen um ihr Stimmrecht kämpfen mussten

Heuer jährt sich die Annahme des Frauenstimmrechts in Ausserrhoden zum 30. Mal. Bis zur politischen Gleichstellung von Mann und Frau war es ein langer Weg, der nicht zuletzt mit der Tradition der Landsgemeinde zusammenhing.
Alessia Pagani
Ausserrhoder Frauen stehen in den 1980er-Jahren in Bern für ihre Rechte ein. Dies führte in der Heimat zu Unmut. Die Aktion wurde als «lächerlich» abgetan. (Bild: PD)

Ausserrhoder Frauen stehen in den 1980er-Jahren in Bern für ihre Rechte ein. Dies führte in der Heimat zu Unmut. Die Aktion wurde als «lächerlich» abgetan. (Bild: PD)

Sie fiel in eine Zeit, in der via Zeitungsannonce noch nach Frauen für den «Haushalt» gesucht wurde, in der in der «Appenzeller Zeitung» noch in regelmässigen Abständen «Die Seite der Frau» abgedruckt wurde: die Annahme des Frauenstimmrechts in Appenzell Ausserrhoden. In der Schweiz 1971 eingeführt, sollte es noch bis zum 30. April 1989 dauern, bis auch in Ausserrhoden Frauen ihre politische Meinung kundtun durften. Bis dahin war es ein steiniger Weg, und einer, der hauptsächlich von emotionalen Gesichtspunkten, von Tradition und Brauchtum geprägt war.

Noch 1971 stimmten rund 60 Prozent der Ausserrhoder gegen das Frauenstimmrecht – darunter auch viele Frauen. Erst durch die Einsetzung einer Kommission aus 27 Mitgliedern unter der Präsidentschaft von Regierungsrat Hans Höhener fand 1987 das notwendige Umdenken statt. Im Kanton war die Frage des Frauenstimmrechts eng und unweigerlich mit der Landsgemeinde verknüpft.

Auf der einen Seite hatte man nichts gegen die politische Gleichberechtigung von Mann und Frau. Dies zeigt die Tatsache, dass Frauen schon im Jahr 1972 auf Gemeinde- und Bundesebene aktiv mitwirken konnten. Auf der anderen Seite befürchtete man, dass die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene das Ende der Landsgemeinde bedeuten würde. Und so lag die Hauptaufgabe der Befürworter darin, eine Mehrheit der Männer dazu zu bringen, ihre eigene Institution zu ändern. Was sich als nicht ganz einfach herausstellte. Es ging zwar um die politische Gleichstellung. Noch zentraler war allerdings die Frage um den Weiterbestand einer Tradition. Immer wieder wurden Vorstösse gestartet und 1983 reiste eine Gruppe von zirka 20 Frauen nach Bern zwecks Übergabe einer Petition.

Die Kommission führte 1989 die erste detaillierte Analyse der Landsgemeinde durch, wobei sie sich nicht auf die Frage konzentrierte, ob überhaupt, sondern wie die Landsgemeinde mit Frauen durchgeführt werden könne. Anhand des Schlussberichts der Kommission entschied sich der Regierungsrat erstmals einstimmig für das Frauenstimmrecht und empfahl es der Landsgemeinde zur Annahme. Man entschloss sich, die Frage betreffend Frauenstimmrecht beim Wahlablauf vor das Geschäft Landsgemeinde zu stellen.

«Frauenstimmrecht ist ein Grundrecht»

Wie diffizil die Thematik war, zeigt auch eine damalige Stellungnahme des Regierungsrates: «Dieses Recht müsse aus eigenem Entschluss, wenn auch nicht mit Begeisterung, eingeführt werden.» Es schien fast unmöglich, die Thematik nüchtern zu diskutieren, wie 1989 auch Ruth Treichler, Kantonalpräsidentin der SP, am Parteitag feststellte:

«Das Frauenstimmrecht ist ein Grundrecht, ein Menschenrecht – aber was tun wir, wenn sachliche Argumentation nichts nützt?»

Die Negativhaltung manifestierte sich kurz vor Annahme des Frauenstimmrechts im April 1989 vor allem auch in Leserbriefen und Inseraten, welche der «Appenzeller Zeitung» zugestellt wurden – und dies erstaunlicherweise nicht nur seitens des männlichen Geschlechts. So schrieb eine Frau:

«Lassen wir doch unseren Männern ihren ‹Vatertag› und damit auch einen alten und wunderbaren Brauch in unserem Kanton. Es gibt doch heute genug Möglichkeiten, wo wir Frauen uns privilegieren können (...).»

Eine andere Ausserrhoderin meinte: «Aber gebt doch zu, dass wir stolz sind, wenn unsere Männer mit dem Säbel an die Landsgemeinde gehen.»

Unverständnis herrschte schweizweit, wie kritische Publikationen zeigten. Die NZZ urteilte 1984, nachdem eine neuerliche Initiative an der Landsgemeinde zurückgewiesen wurde: dass, «die seit über 100 Jahren unverändert gebliebene Landsgemeinde in der überlieferten Form an sich festhalten will und Angst hat, sich durch den Zugang der Frauen selbst zu zerstören.»

Die Annahme des Frauenstimmrechts fiel auch 1989 knapp aus. Die Zahl der Gegner wurde auf zwei Fünftel der Teilnehmer geschätzt. Die Landsgemeinde sollte anschliessend noch bis 1998 weiterleben.

Quelle: «Brauchtum und Politik: Die Landsgemeinde in Appenzell Ausserrhoden» von John Bendix.

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