Der Herisauer Kunstmakler des Blauen Kreuzes

Nach fast 40 Jahren beim Blauen Kreuz ist Werner Lieberherr nun pensioniert. Der 66-Jährige prägte viele Brockenstuben – und wusste immer, wie man für etwas den besten Preis bekommt.

Philipp Wolf
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Werner Lieberherr ist beim Blauen Kreuz auch nach der Pensionierung noch ein gefragter Mann. (Bild: Philipp Wolf)

Werner Lieberherr ist beim Blauen Kreuz auch nach der Pensionierung noch ein gefragter Mann. (Bild: Philipp Wolf)

Eigentlich ist Werner Lieberherr seit einigen Wochen pensioniert. Eigentlich. Denn nach wie vor ist er in vielen Ostschweizer Brockenstuben des Blauen Kreuzes für die Schätzung von Gemälden zuständig.

Nachdem der 66-Jährige während der meisten seiner 37 Jahre beim Blauen Kreuz für Brockenstuben zuständig war, ist seine Erfahrung nur schwer zu ersetzen. Der Herisauer hat in den beinahe vier Jahrzehnten viele Läden aufgebaut, eröffnet, geführt und renoviert sowie die Geschäftspraktiken dem Geist der Zeit angepasst.

Während das Grundprinzip von Brockenstuben gleich geblieben sei, hätten sich die Kundschaft und deren Interessen stark gewandelt, sagt Lieberherr. Früher hätten beispielsweise Bauunternehmen noch mehr Saisonniers gehabt, und für diese jeweils Wohnungen eingerichtet, so Lieberherr. «So konnten wir jeden Frühling gutes Geld verdienen.»

Mehr Gewinn im Internet als im Laden

Heute kommt immer wieder Geld in die Kasse des Blauen Kreuzes dank des Internets. Seit geraumer Zeit stellte Lieberherr Gegenstände online zum Verkauf, weil sie dort mehr Gewinn abwarfen als im Laden. Militärmesser seien so ein Beispiel. Er sagt:

«Während diese im Laden für etwa 30 Franken weggingen, erhielt man im Internet zeitweise 100 bis 200 Franken dafür.»

Zudem nutzt Lieberherr das Internet nach wie vor, um Preise für Artikel besser festlegen zu können und um Gemälde zu verkaufen. Manchmal finden diese gar den Weg an Auktionen. Er habe guten Kontakt zur Galerie Widmer, sagt Lieberherr. Dort holt er Rat bezüglich des Wertes von Kunstwerken ein und kann ab und zu ein Bild versteigern lassen. So brächten Gemälde, die das Blaue Kreuz gratis erhalten hat, der Organisation manchmal Hunderte von Franken ein.

Seine Erfahrung aus den eigenen Brockenstuben machte sich Lieberherr immer wieder in seiner Freizeit zu Nutzen. Hin und wieder kaufte er Bilder in Brockenstuben anderer Organisationen und stellte sie danach im Internet zum Verkauf, weil er überzeugt war, dass sie noch mehr wert sind. Das grosse Geld verdiene er dabei aber nicht, vielmehr sei es ein unrentables Hobby, sagt Lieberherr.

Nüchtern aus Protest

Dass sich Lieberherr beim Blauen Kreuz zum inoffiziellen Kunstexperten mausern würde, war ursprünglich nicht so geplant. Eigentlich heuerte ihn die Organisation nach der RS als Sozialarbeiter an. «Später, nach der Ausbildung zum Sozialarbeiter habe ich schnell gemerkt, dass mir das Organisatorische mehr liegt», sagt Lieberherr, der vor der RS in der Jugendgruppe des Blauen Kreuzes aktiv war.

Mit seiner Arbeit für die Organisation für Alkohol- und Suchtfragen verbindet Lieberherr zeitlebens Abstinenz. Als er dem Blauen Kreuz beitrat, war diese für deren Mitarbeiter noch Pflicht – heute ist dem nicht mehr so.

Das Leben ohne Alkohol hat Lieberherr derweil nie gestört. «Es gab Situationen, in denen ich mich erklären musste, beispielsweise in der RS.» Doch sei er immer überzeugt gewesen, dass es eine gute Haltung sei, sagt er und fügt an:

«Als Junger war es für mich auch noch eine Protesthaltung gegen Trinksitten und -zwänge.»

Und auch heute provoziere Alkoholverzicht hie und da noch immer Diskussionen.

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