Kunst für die entzauberte Welt: Die Künstlerin Marisa Fuchs stellt ihre neusten Werke im Rechtobler Atelierhaus Tolle Art & Weise aus

Lichtkuben von Maria Fuchs und Fotografien ihres Mannes, Mäddel Fuchs, zieren derzeit die Gruppenausstellung in Rehetobel. Während 15 Jahre widmete sich die Künstlerin der Ikonenmalerei und will dabei mehrmals die Erfahrung eines «heiligen Moments» gemacht haben.

Hanspeter Spörri
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Blick in die Ausstellung: Lichtkuben von Marisa Fuchs, Fotos von Mäddel Fuchs.

Blick in die Ausstellung: Lichtkuben von Marisa Fuchs, Fotos von Mäddel Fuchs.

Bild: Hanspeter Spörri

Das Heilige hat in der entzauberten Welt einen schweren Stand. Man meidet das Wort und seine Bedeutungen, fürchtet die Nähe zu Anmassung und Täuschung. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Heiligen gelingt allenfalls im geschützten Raum der Kunst, wo kein Rechtfertigungsdruck und kein Erklärungszwang bestehen.

Diesen Weg geht Marisa Fuchs, deren neuste Arbeiten gegenwärtig in der aktuellen Ausstellung im Atelierhaus Tolle Art & Weise in Rehetobel zu sehen sind. Dort hat sie zuvor während zweier Monate gearbeitet und ihre Lichtkuben weiterentwickelt, die sie nun zusammen mit Schwarz-Weiss- Fotografien ihres Mannes Mäddel Fuchs zeigt.

Weltliche Ikonen zerfallen

Im knappen Begleittext verrät Marisa Fuchs, dass am Anfang ihrer Arbeit die Ikonenmalerei stand. Ihr hat sie sich während 15 Jahre gewidmet, nach einem inspirierenden Erlebnis mit einer orthodoxen Liturgie in der Kathedrale St.Gallen. Ikonen dürfen gemäss der orthodoxen Tradition nicht kreiert, sondern nur kopiert werden.

Dies hat Marisa Fuchs mit grosser Ausdauer getan und dabei mehrfach die Erfahrung eines «heiligen Moments» gemacht; dann, wenn sie nach 150 Stunden konzentrierter Arbeit am Goldgrund, am Faltenwurf des Gewands das Gesicht der Heiligenfigur malte und sich darin plötzlich selber gespiegelt sah.

Gleichwohl wuchs in ihr der Wunsch, die Grenzen der Ikonenmalerei zu überschreiten und sich künstlerisch zu betätigen. Aus Interesse an buddhistischer Kultur reiste sie nach Myanmar, das damals noch Birma hiess, war beeindruckt von den Blattgold-Arbeiten – und von Aung San Suu Kyi und ihrem unbeugsamen gewaltlosen Widerstand gegen die Diktatur.

Marisa Fuchs erlebte die Friedensnobelpreisträgerin als lebende Ikone. Und wurde später enttäuscht, als die Politikerin sich als engherzige Nationalistin erwies, die sich nicht von der gewaltsamen Unterdrückung der muslimischen Rohingyas distanzieren mochte.

Weltliche Ikonen zerfallen – eine entscheidende Erfahrung. Marisa Fuchs’ Lichtkuben wurden danach noch fragiler, lichter und leichter. Das formgebende Gerüst aus Armierungseisen trat mehr und mehr in den Hintergrund. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall verändern die Skulpturen mit ihren zahllosen Lichtfahnen aus halbtransparentem Material ihre Ausstrahlung. Sie verändern damit auch die Stimmung im umgebenden Raum, entfalten eine Kraft, die an die überpersönliche Ikonenmalerei erinnert. Wie diese können sie als Himmelsfenster gesehen werden, als gewährten sie Einblick in verschlossene Welten und drückten den Schauer einer Ahnung des Überzeitlichen aus.

Galeristin stellt Atelier unentgeltlich zur Verfügung

Die Aufnahmen von Mäddel Fuchs stehen zur Farbigkeit der Skulpturen in starkem Kontrast, sind ihnen aber zugleich ähnlich: Holzschindeln, die dem Schutz gegen Wind und Wetter dienen, mit der Zeit verwittern und zerfallen. In allen Phasen dieses Prozess zeigen sie ein ästhetisches Eigenleben, Rhythmus, Struktur, Tiefe – Zeichen des unaufhaltsamen Wandels.

Die Ausstellung in der Galerie Tolle Art & Weise ist coronabedingt nur auf Voranmeldung zu besichtigen. Die Galeristin Nicole Tolle, ausgebildete Kunst- und Farbtherapeutin, stellt das Atelierhaus an der Bergstrasse unentgeltlich zur Verfügung. Gegenwärtig stellt Tolle auch eigene Arbeiten aus. Sie spürt unter dem Thema «Aufraum» dem inneren Licht nach und versucht widersprüchliche Gefühle in geordnete Bahnen zu lenken. Zudem ist in der Ausstellung eine Begegnung mit der «Autorin in Residence» Conny Germann möglich.