KUNST: Die ganze Welt vereinigt um die Krippe

Im Kloster Fischingen ist ein einzigartiges Kunstwerk zu bewundern: Die vom Neckertaler Künstler Karl Uelliger geschaffene Grosse Weihnachtskrippe, bestehend aus 123 geschnitzten und bemalten Holzfiguren.

Peter Küpfer
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Die Krippe als Zentrum der Welt, umringt von Grossen und Kleinen – mehr «Kleinen» als Grossen. (Bild: Peter Küpfer)

Die Krippe als Zentrum der Welt, umringt von Grossen und Kleinen – mehr «Kleinen» als Grossen. (Bild: Peter Küpfer)

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@toggenburgmedien.ch

Die künstlerisch grossartig gestaltete Krippe befindet sich im öffentlich zugänglichen Klostergang. Sie stammt von Karl Uelliger, aufgewachsen im damals weit abgelegenen Saanetal. Er verbrachte besonders intensive Künstlerjahre in einem Bauernhaus im Neckertaler Dicken, dessen Inneres und Fassade noch heute seine Spuren tragen. Uelliger wurde, zumindest in seiner ersten Lebenshälfte, nichts geschenkt. Dagegen fasste der ehemalige Verdingbub und langjährige Gelegenheitsarbeiter seine Kunst als Verpflichtung auf, seinerseits zu schenken. Seine Aufgabe als Künstler sei es, Freude zu bringen, sagte er oft, meinte es auch und realisierte es. In Bildern, welche seine Lebenswelt als Kind und Jugendlicher im damals abgelegenen Berner Oberländer Dorf Saanen in eine ganz eigene Bildersprache kleideten. Eine Lebenswelt, die damals auch für Kinder von harter Arbeit geprägt war, im Falle Uelligers auch von grosser Armut. Sie wurde noch bedrängender, als der Vater sich von der Familie verabschiedete und seine eigenen Wege ging. Die karge Jugend wurde überstrahlt von einer sorglichen Mutter, einer grossen Persönlichkeit, die Karl ganz besonders ins Herz geschlossen hatte.

Beheimatung im Neckertal

Als entscheidendes Geschenk wertete Uelliger seine Verheiratung mit Hanna Montfort im Jahr 1950. Sie erkannte sofort sein künstlerisches Potenzial und förderte es mit allen Kräften. Hanna Uelliger-Montfort schuf durch ihre Berufsarbeit die ökonomische Basis dafür, dass ihr Mann nun ganz in seiner Kunst leben konnte. Nach einigen Wohnortswechseln in der Ostschweiz fand das Paar seine endgültige Bleibe im Neckertaler Dorf Dicken: ein altes Bauernhaus im regionalen Stil, das dem heimatlosen Künstler zur endgültigen Heimat wurde. Er bemalte das fünfgeschossige Haus von der Stube bis in die Dachkammern vollständig, und zwar innen wie aussen. Auch fand der ursprünglich «naiv» malende Uelliger hier zu seiner expressiven eigenen Bildersprache, die irgendwo zwischen Ludwig Kirchner und Paul Klee anzusiedeln ist. Es folgten Ausstellungen, später auch Publikationen. Und vor allem: ein nicht mehr abreissender Strom von gleichbleibend ausdrucksstarker Kunst.

Weihnachtskrippe im Weltzentrum

Zu diesem nie abreissenden Schaffenszug gehörte auch die Grosse Weihnachtskrippe. Uelliger vertauschte in der Adventszeit seinen Pinsel mit Schnitzwerkzeugen. Das Material dazu holte er sich aus seinem Brennholzvorrat – grobe Klötze, die einen hart, die andern weich. Oft inspirierte ihn die Formung des Stücks, seine Materialität zu den Figuren, die er schnitzte. Auch hier in einer ganz eigenen Sprache, die kaum Vorbilder kennt. Die grobgeschnitzten Figuren sind alle von ganz eigentümlicher Originalität und grosser Ausdruckskraft. Mit sicheren Schnitten ist hier ein düsteres Gesicht entstanden, dort ein zufriedenes, sogar ein Lächeln ist angedeutet oder ein Stöhnen unter einer riesigen Last, die zur Krippe getragen wird: Denn alle, die ganze Welt, sogar der Kosmos mit Sonne, Mond und Sternen, bringen dem Christkind, das man in dieser Menge zuerst suchen muss, ihr persönliches Geschenk: der Senn Heu, der Bauer Kartoffeln, der Briefträger einen Brief – der Künstler selbst ein Bild, seine Frau einen Topf Honig.

Die Krippe wurde im Dickler Bauernhaus alljährlich in der Adventszeit um den grossen Kamin herum aufgestellt. Jedes Jahr trat mindestens eine neue geschnitzte Figur dazu, kunstvoll bemalt. Uelligers 2004 gestorbene Witwe drängte darauf, dass die Krippe vollständig erhalten bleibe und einen öffentlich zugänglichen Platz erhalte. Sie war glücklich, als dies im Kloster Fischingen gelang.