Kultursommer
Von Wiesen, Bäumen und Bienen: Im Rahmen des Appenzeller Kultursommers die regionale Biodiversität kennen und schätzen lernen

Das «Heidler» Haus, die Flatterulme, der «Planterwald». Wer sich darunter nichts vorstellen kann, keine Sorge. Beim Spaziergang durch den Gaiser Wald lernen Interessierte nicht nur diese Begriffe, sondern einiges mehr über die heimische Natur.

Damian Allenspach
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Ist seit gut fünf Jahren dabei: Hansjürg Hörler erklärt mit Freude die Zusammensetzung des Bodens.

Ist seit gut fünf Jahren dabei: Hansjürg Hörler erklärt mit Freude die Zusammensetzung des Bodens.

Bild: Damian Allenspach

Das Thermometer zeigt an diesem Morgen fast 20 Grad an. Dabei ist es gerade erst kurz nach neun. Wie viele werden wohl bei diesen Bedingungen den Weg zur Zughaltestelle Rietli in Gais finden? Kurz vor Beginn sind es mehr als ein Dutzend, vorwiegend ältere Personen, welche gerne mit einem Rundgang durch die hiesigen Wälder den Tag beginnen wollen.

Der gelernte Agronom Hansjürg Hörler gibt, mit entsprechender Outdoorbekleidung ausgestattet, an diesem Morgen sein Wissen weiter. Einige von ihnen kennen sich bereits untereinander, die Stimmung in der Gruppe ist von Beginn weg sehr ausgelassen.

Bauen ohne Nägel – das geht

Bereits neben dem Parkplatz beginnt Hörler zu erklären, warum die Landschaft heute so aussieht, wie sie aussieht. Vor 200 Jahren habe es hier rund 300 kleine Bauernliegenschaften gegeben. Diese hatten oft Webstühle, um sich neben den herkömmlichen Einnahmen etwas dazuzuverdienen. Die Bauart der Häuser ist unterschiedlich, der Kenner oder die Kennerin kann hier beispielsweise «Heidler Häuser» sehen. «Das Aussergewöhnliche an denen ist, dass sie ohne Nägel gebaut wurden. Deshalb sind die Dächer auch flach», führt der Guide aus.

Nach diesem kurzen Input geht es nun los. Oder doch nicht? Beim Weiher neben dem Parkplatz gibt es bereits die nächsten Infos. Von diesem kleinen Gewässer hing bis vor einigen Jahren der Betrieb einer Sägerei ab. Wenige Stunden reichte das Wasser aus, um arbeiten zu können, bis die Schleusen wieder geschlossen werden mussten. Direkt am Weiher steht ein Baum, der für die Region untypisch sei: die Birke. Bis zu 100 Liter Wasser kann eine am Tag verbrauchen, deshalb stehe sie oft in Ufernähe.

Der Waldrand erfüllt viele Funktionen

Jetzt geht's los. An der Starkenmühle vorbei schlendert die Gruppe Richtung Wald. Es wird geredet, gelacht und gegenseitig Dinge erklärt. Alle an diesem Morgen scheinen bei bester Laune zu sein. Neben einer ersten Infotafel ist der nächste Halt. Entlang des ganzen Weges stehen solche, welche den Spazierenden Aspekte des Waldes und der Region näherbringen sollen. Zudem gibt es jeweils drei Fragen, um sich selbst testen zu können.

Die erwähnte erste Tafel zeigt, dass es drei Rhoden in Gais gibt. Ebenfalls zu sehen ist ein Gemälde von Ueli Fitzi. Hansjürg Hörler versuchte, von dem dargestellten Landstrich ein Foto zu machen. Vergleicht man das Gemälde mit dem Foto, wird klar: Der Wald ist heute ausgeprägter als damals. «Der Wald in der Schweiz wächst jedes Jahr um 2,5 Hektare», weiss er.

Auf der grossen Wiese neben dem Weg sehe man, wie die intensive Bewirtschaftung einer solchen aussieht. Diese Wiese werde mehrmals im Jahr genutzt, was nicht gut für die Biodiversität, aber für das Futter der Tiere auf den Höfen notwendig sei. Immerhin: Der Landwirt hat hinsichtlich des Waldrandes alles richtig gemacht. Für Vögel und Rehe zum Schutz, aber auch wenn der Wind gehe, sei es wichtig, dass genügend Grün den Waldrand bedecke. Neben dem Weg steht der Baum des Jahres 2019, welchen es im ganzen Appenzellerland nur dort gibt: die Flatterulme.

Äusserst robust gegen den Klimawandel und Krankheiten und dennoch kaum verbreitet in der Schweiz: die Flatterulme.

Äusserst robust gegen den Klimawandel und Krankheiten und dennoch kaum verbreitet in der Schweiz: die Flatterulme.

Bild: Damian Allenspach

Laubbäume waren nicht gefragt

Der Weg führt leicht abwärts, tiefer in den Wald. Währenddessen gibt Hörler seine Kenntnisse zu den einzelnen Pflanzen zum Besten. Katzenschwanz oder Schachtelhalm heissen diese. Aus den hier wachsenden Beeren habe man früher sogar Besenstiele gemacht, der Katzenschwanz sei für die Herstellung von Steinmehl genutzt worden.

Wenn es runtergeht, muss es irgendwann auch wieder hochgehen. Dort, wo der Boden von Baggern platt gefahren wurde, kann sich die Gruppe von dem Anstieg erholen. Hier wurde Mondholz abgebaut, welchem spezielle Eigenschaften zugeschrieben wird. Ebenfalls wird klar, warum es wichtig ist, Bäume zu fällen. Ausgewachsen werden die Bäume bis zu 40 Meter hoch. Stehen gleich mehrere an einer Stelle, gelangt das Sonnenlicht nicht bis zum Boden. Im Alter zwischen 150 und 250 Jahren werden die Riesen gefällt. Da in der Vergangenheit mit den Bäumen gewirtschaftet wurde, hatten die Bauern die Laubbäume entfernt und dafür welche mit Nadeln gesetzt, was man heute sehen kann.

Regenwurmkot und «Planterwald»

Etwas weiter dem Weg entlang bleibt Hörler stehen und packt aus seinem Rucksack eine kleine Gartenschaufel aus. Er läuft einige Schritte auf der Wiese und sticht dann mit der Schaufel in die weiche Erde. «Die oberste Schicht ist barer Ton, wie man ihn aus der Schule kennt», beschreibt er, «eigentlich ist diese Schicht nichts anderes als Regenwurmkot.» Auch hier bricht innerhalb der Gruppe eine rege Diskussion über die Pflanzen auf dieser Wiese und die Region im Allgemeinen aus – nicht die erste an diesem Tag.

Mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung geht es weiter. Einige Meter später kann auf der rechten Seite ein «Planterwald» bestaunt werden. Von so einem ist die Rede, wenn Bäume in allen Generationen vorzufinden sind. Um das zu erreichen, müssten alle 10–20 Jahren die Ältesten gefällt werden. Aus dem Wald raus findet sich nach kurzer Strecke etwas, was weniger mit Bäumen zu tun hat: ein Wildbienenhaus. Dieses hat Hansjürg Hörler zusammen mit einer Schulklasse gebaut. Auf einer Tafel sind die Lebensphasen der Tiere ersichtlich, welche der Agronom einzeln erklärt.

Gemütliches Grillen als Abschluss

Der Rundgang durch den Gaiser Wald nähert sich langsam dem Ende. Als letzte Station steht oder liegt der «Elfistein» auf dem Weg. Dieser heisse so, weil er sich angeblich immer um elf Uhr umdrehe. Neben dem Felsen kann man Gesteinsproben aus der Region begutachten. Damit endet der geführte Teil des Spazierganges. Wer möchte, darf beim Unterstand des Walderlebnisraumes den Vormittag mit gemütlichem Grillen abschliessen. Für die Kleinen gibt es auf dem Platz verschiedenste Spielgeräte.

Der grosse Unterstand mit dazugehöriger Feuerstelle und Spielgeräten ladet am Schluss zum Verweilen ein.

Der grosse Unterstand mit dazugehöriger Feuerstelle und Spielgeräten ladet am Schluss zum Verweilen ein.

Bild: Damian Allenspach

Hansjürg Hörler macht hier den Abschluss. Die Gruppe zeigt sich durchgehend begeistert. Manche finden, knapp zwei Stunden seien zu wenig. Sie könnten den ganzen Tag durch den Wald schlendern und zuhören. Um sich bei ihm erkenntlich zu zeigen, geben sich einige bei der Waldkollekte äusserst grosszügig. Die Führung an sich ist aber kostenlos.

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