Kultur für 20 000 Besucher

«Kul-tour auf Vögelinsegg» wird applaus-Verein des Jahres in der Sparte Kultur. Aus diesem Anlass werfen wir einen Blick hinter die Kulissen von rund 50 Appenzeller Kulturvereinen.

Guido Berlinger-Bolt
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Kleine Bühnen für grosse Musik und für die Kleinkunst, die aus den Städten aufs Land kommen kann. (Bild: Archiv/Hannes Thalmann)

Kleine Bühnen für grosse Musik und für die Kleinkunst, die aus den Städten aufs Land kommen kann. (Bild: Archiv/Hannes Thalmann)

APPENZELLERLAND. Gestern Abend fand in Herisau die applaus-Nacht statt: Der Verein «Kul-tour auf Vögelinsegg» wurde im Hema-Zelt zum Kulturverein des Jahres gekürt. Anlass für die Kulturredaktion dieser Zeitung, im wahrsten Sinn des Worts hinter die Kulissen zu schauen. Was leisten die Kulturvereine landauf, landab? Warum nehmen da gestandene Männer und Frauen nach Feierabend den Aufwand auf sich, Verhandlungen mit Künstleragenturen zu führen, Scheinwerfer zu richten, an einer Kasse zu sitzen, über Ansagen für Kleinkunstschaffende zu brüten, Rechnungen und Homepages zu führen oder – wie im Fall des Preisträgers «Kul-tour auf Vögelinsegg» sogar stundenlang in der Küche zu stehen?

«Das Konzept», sagte Hanspeter Masina gestern abend in seiner Laudatio, «könnte bestechender nicht sein: Kulinarischer und kultureller Genuss auf hohem Niveau – und beides am gleichen Abend, unter dem gleichen Dach.» Tatsächlich seien sie in die Sache hineingerutscht, so Elsbeth Gallusser. Sie ist zusammen mit Peter von Tessin die Initiatorin der «Kul-tour». In der alten Dorfkäserei von Speicher habe ihr Sohn ein Tonstudio eingerichtet und darin mit Manuel Stahlberger (damals noch ein Teil des Duos «Mölä & Stahli») eine CD aufgenommen, erzählt sie. Dann kam der Wunsch der Künstler, darin ein Konzert zu geben, man besorgte sich im Brockenhaus Stühle und Tische, ihr Mann habe die Gäste bekocht – und die seien von der Mischung begeistert gewesen. Das war vor 10 Jahren. Das Konzept – Viergangmenü und Kultur – hat sich seither nicht verändert.

Der Gewinn (und das Trinkgeld) fliessen in die Stiftung Pro Latina; mit dem Geld werden Bauern in den Ecuadorianischen Anden unterstützt. Man habe zum Beispiel gemeinsam mit lokalen Partnern bereits eine Käserei gebaut, sagt Elsbeth Gallusser.

Total 20 000 Besucher

370 Veranstaltungen mit total 20 000 Besucherinnen und Besuchern stellten alle Appenzeller Kulturvereine letztes Jahr gesamthaft auf die Beine. Die Vereine holten so grosse Namen der Kleinkunstszene wie Pedro Lenz (Kulturkommission in Wolfhalden), Manuel Stahlberger (Kultur is Dorf in Herisau), Joachim Rittmeyer (Kulturgruppe in Appenzell) ins Appenzellerland. Michel Gammenthaler wird noch kommen, ebenso wie Heinrich Müller, das Dusa Orchestra und viele andere mehr. Welche Funktionen übernehmen die Kulturvereine damit in den Dörfern? – Sie werden zu lokalen, in praktisch allen Fällen über das Dorf hinaus wirkenden Orten des Zusammenseins – eben: Kulturorte, die im positiven Sinne beides zulassen, sehen und gesehen werden.

Sehen und gesehen werden

Gesehen werden: Die Kulturvereine stellen Gemeinschaft her; Gleichgesinnte finden zusammen. Neben den von einer kleinen Gruppe auf Eigeninitiative hin gegründeten Vereinen bestehen, so Hanspeter Masina, historisch gewachsene. Der langjährige Präsident der Appenzeller Kulturkonferenz erwähnt einige Lesegesellschaften. Als dritte Gruppe nennt er Veranstalter von hochkonzentriert stattfindenden Events: Rock in Appenzell ist so einer.

Und sehen: Die Kulturvereine bringen die einst urbane Kleinkunst-Kultur aufs Land, wie sich Hanspeter Masina ausdrückt. Oder genereller: «Alle haben das gleiche Ziel: Die grosse weite Welt ins kleine Dorf zu tragen. Sie tun dies, indem sie Kleinkunst vermitteln.» Begonnen habe das mit Namen wie Mani Matter und Emil; die grossen Namen seien freilich viel zu teuer gewesen für die kleinen Veranstalterorganisationen auf dem Land, und so habe man sich auf die Suche nach Nachwuchs gemacht, den man sich leisten konnte – bei 80 bis 100 zahlenden Gästen. Hanspeter Masina nennt als ein Beispiel den etwas kleineren Assel-Keller in Schönengrund.

So sind die Kulturvereine des Appenzellerlands denn eigentliche Selbsthilfe-Gruppen? – «Ja», sagt Hanspeter Masina. Die Organisatorinnen und Organisatoren wollten, dass etwas läuft im Dorf, und sie wollten eines nicht: Das Dorf als kulturelles Niemandsland in Bezug auf die Kleinkunst.

Bestes Beispiel dafür ist die Viertel-Bar in Trogen. Hier fanden vor bald fünf Jahren Kantischülerinnen und -schüler und Ehemalige zusammen mit dem Wunsch, ein Ausgangsprogramm für 18- bis 26-Jährige zu schaffen. «Damit wir nicht immer nach St. Gallen müssen», so Elias Wick, Programmverantwortlicher in der Viertel-Bar. Den alten Schlachthof in der Dorfmitte bauten die jungen Erwachsenen gemeinsam mit Freunden um. Heute ist die Bar zweimal die Woche, donnerstags und samstags, geöffnet; und die Jungen spielen nicht nur Musik, sondern auch Schach, Karten oder – wie morgen – Golf. «Was wir suchten», so der Walzenhauser Elias Wick, «war und ist nirgends fixfertig zu haben. So organisieren wir selber, was uns gefällt.» Vieles hänge, und das gilt für alle Vereine im selben Masse, mit der Eigeninitiative der Beteiligten zusammen: ehrenamtliche Arbeit, eine gewisse Grosszügigkeit, ja Freigebigkeit – gepaart mit viel Enthusiasmus.

Erfolg ist relativ

Erfolg, sagt Hanspeter Masina, heisst für jede und jeden Engagierten etwas anderes. Für Elias Wick von der Viertel-Bar ist es ein Erfolg, wenn sich zu Künstlern Freundschaften entwickeln, wie zu einer Reihe kanadischer Folkmusiker. Und für Elsbeth Gallusser ist es ein Erfolg, wenn Gäste und Künstler wiederkommen. In der «Kul-tour auf Vögelinsegg» sind das zum Beispiel Michel Gammenthaler, Flurin Caviezel oder Micks jüngerer Bruder, Chris Jagger.