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KÜNSTLERFAMILIE: Familiensaga aus dem Toggenburg: Von der Salpeterhöhle bis an den Broadway

Nächstes Jahr feiert Rigolo Swiss Nouveau Cirque sein 40-jähriges Bestehen. Einst als Strassen- und Kindertheater entstanden, kämpft er um seinen Platz im Unterhaltungsgeschäft. Die Ablösung von der Gründergeneration findet gerade statt.
Michael Hug
Mädir Eugster und seine Töchter Lara und Marula beherrschen die weltberühmte «Sanddorn-Balance». Marula Eugster zeigt sie als Höhepunkt im aktuellen Programm «Wings». (Bild: PD)

Mädir Eugster und seine Töchter Lara und Marula beherrschen die weltberühmte «Sanddorn-Balance». Marula Eugster zeigt sie als Höhepunkt im aktuellen Programm «Wings». (Bild: PD)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

15 Tonnen Sand im Probenraum – eine ziemlich schräge Idee. 15 Tonnen Sand und ein paar Stecken aus Holz. Der Choreograf Paul Loomans gibt das Thema vor: Balance. Die Artisten müssen improvisieren. Mit den Stäben balancieren, aufrecht, waagrecht, zusehen, wie das labile Übungsgerät reagiert, warum es zu Boden fällt und wie es in Balance bleibt. Alles im knöcheltiefen Sand. Höchste Konzentration, anstrengende Beinarbeit. Die Luft im Raum zittert wie in der Hitze der Sahara. So schildert Mädir Eugster seine Erinnerung an die Entstehung der «Sanddorn-Balance»: «Ich habe immer einen weiteren Stecken unter den letzten gelegt und versucht, alles in Balance zu halten.» Hinter etwas genial Einfachem stecke oft ein grosser Aufwand, sagt Eugster.

Vor Schwedens Königspaar, am Broadway und bei André Heller

Aus der Improvisation von 1996 wurde die weltberühmte «Sanddorn Balance» mit den Palmblattrippen. Heute, 21 Jahre nach der schweisstreibenden Übung im Sand des Wattwiler Übungsraums, zeigt Mädir Eugster, mit Lena Roth Mitgründer des «Rigolo» und Erfinder der «Balance», seine Nummer weltweit in Variétéshows und Galas: «Einmal habe ich sie bei der Eröffnung des schwedischen Parlaments vor dem Königspaar vorführen können.» Gute zehn Jahre brauchte die Nummer, bis sie ausserhalb der Schweiz Beachtung fand. Eugster: «Dann ging es los. Ich konnte sie am Broadway zeigen, beim Circus Roncalli und bei André Heller.» Zum Höhepunkt wird Mädir Eugster 2013 in Japan mit dem Kamizawa-Preis – «Meister mit übermenschlichen Fähigkeiten» – ausgezeichnet. Die «Balance» hatte es aufs internationale Parkett geschafft.

Engagement für Tochter Lara Eugster im Cirque du Soleil

Für Eugster und Roth ist es Genugtuung für jahrelange Arbeit: «Die Nummer hat in namhaften Häusern bewiesen, dass auch eine still-besinnliche Performance das Publikum begeistern kann.» Auch der weltbekannte Cirque du Soleil wurde aufmerksam: «Ich hätte sie bei ihm zwei Jahre lang aufführen können, das wollte ich aber nicht, ich hätte keine Zeit mehr für den ‹Rigolo› gehabt.» Die Lösung lag in der Familie. Eugsters damals 28-jährige Tochter Lara Jacobs hatte in den USA Tanz studiert. Der Vater übte mit seiner Tochter die «Balance» ein und der Cirque du Soleil engagierte für sein in Nord- und Südamerika gezeigtes Programm «Amaluna» die Tochter anstelle des Vaters. Nachdem Mädir Eugster den Kopf wieder frei hatte, kreierte er mit Lebenspartnerin Lena Roth die Show «Wings» und übertrug darin die «Sanddorn-Balance» seiner jüngsten Tochter Marula Eugster. Später übernahmen zwei weitere Artisten den Act und sorgen heute mit ihren Lizenzabgaben für den verdienten Lohn des Erfinderpaares.

Szene aus dem Programm «Geister der Erde» in der Salpeterhöhle bei Gossau 1993. (Bild: PD)Szene aus dem Programm «Geister der Erde» in der Salpeterhöhle bei Gossau 1993. (Bild: PD)
"Ananas und Flieder" aus dem Programm «Weltenbau» 1986. (Bild: PD)"Ananas und Flieder" aus dem Programm «Weltenbau» 1986. (Bild: PD)
Elfen aus «Mondaufgang» 1990-1992, im Vordergrund die sechsjährige Lara Eugster. (Bild: PD)Elfen aus «Mondaufgang» 1990-1992, im Vordergrund die sechsjährige Lara Eugster. (Bild: PD)
Die Rigolo-Familie lässt sich selten an einen Tisch bringen: Marula Eugster, Nuria Eugster, Mädir Eugster und Lena Roth. (von links) Lara Eugster (Bild auf Tablet). (Bild: PD)Die Rigolo-Familie lässt sich selten an einen Tisch bringen: Marula Eugster, Nuria Eugster, Mädir Eugster und Lena Roth. (von links) Lara Eugster (Bild auf Tablet). (Bild: PD)
Gong-Balance mit Mädir Eugster aus «Escalier d’Archimèdes» 2002. (Bild: PD)Gong-Balance mit Mädir Eugster aus «Escalier d’Archimèdes» 2002. (Bild: PD)
Ein aussergewöhnliches Zirkuszelt: Das Weidenzelt «Palais Lumières», gebaut 1989. (Bild: PD)Ein aussergewöhnliches Zirkuszelt: Das Weidenzelt «Palais Lumières», gebaut 1989. (Bild: PD)
Marula Eugster zeigt zum Höhepunkt in «Wings» die weltberühmte Sanddorn-Balance. (Bild: PD)Marula Eugster zeigt zum Höhepunkt in «Wings» die weltberühmte Sanddorn-Balance. (Bild: PD)
Internationale Spitzenartisten: Karyna Konchakivska (UKR) und Suren Boyzan (RUS). (Bild: PD)Internationale Spitzenartisten: Karyna Konchakivska (UKR) und Suren Boyzan (RUS). (Bild: PD)
Szene aus «Wings». (Bild: PD)Szene aus «Wings». (Bild: PD)
Lena Roth und Mädir Eugster mit der 6-jährigen Lara in einer Rigolo-Show um 1988. (Bild: PD)Lena Roth und Mädir Eugster mit der 6-jährigen Lara in einer Rigolo-Show um 1988. (Bild: PD)
Rigolo als Strassentheater in der Altstadt von Wil. (Bild: PD)Rigolo als Strassentheater in der Altstadt von Wil. (Bild: PD)
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40 Jahre Zirkus Rigolo

Wäre die «Sanddorn-Balance» nicht, man würde den kleinen «Rigolo» aus der Schweiz im Ausland wohl noch immer nicht beachten. Tatsächlich hat es das Rigolo-Tanztheater aus Wattwil schwer, sich zu behaupten. Der traditionelle Zirkus hat das Interesse des Publikums verloren, im Gespräch zu halten vermag sich nur der sogenannte Nationalcircus. Auch im moderneren Genre des Nouveau Cirque gibt es nur einen Namen, der in den Köpfen hängen bleibt – der Cirque du Soleil. Doch «Rigolo» auf die «Sanddornnummer» zu reduzieren, wäre unangebracht. Im Programm «Wings» zeigt Marula Eugster die Nummer als Metapher für die Ausgewogenheit im Leben. Sie ist der Höhepunkt einer theatra­lisch und artistisch erzählten Geschichte über das Wahrmachen von Lebensträumen.

Lebensträume. Solche hatten auch Martin «Mädir» Eugster aus Oberuzwil und Lena Roth aus Flawil, als sie vor 40 Jahren das Lehrerseminar in Rorschach abschlossen und nach Paris zogen. Noch während die beiden verschiedene Tanz-, Mimik- und Theaterschulen absolvieren und gemeinsam bei der Ecole de Mîme Jacques Lecoq abschliessen, gründen sie das Strassen- und Kindertheater Rigolo. In den Anfangsjahren treten sie in Kleintheatern auf und realisieren aufwendige Theaterstücke und Freiluftspektakel. Nach zehn Jahren baut «Rigolo» zum ersten Mal das «Palais Lumière» auf. Das märchenhafte Weidenzelt wird zum Markenzeichen. Es wird Spielstätte von Produktionen wie «Mondaufgang», «Sanddorn» und «Same Sun – Same Moon – Same Water». Das Palais wird dort aufgestellt, wo es Platz hat und es eine Bewilligung der Behörden dafür gibt.

Anajon möchte Artist werden – die dritte Generation steht bereit

Die Heimat aber bleibt Wattwil. Hier werden gemeinsam neue Programme ausgedacht und mit Artisten eingeübt. Hier brüten Lena Roth (61) und Mädir Eugster (62) über neuen Ideen, neuen artistischen und theatralischen Formen, neuen Ausstattungen, neuen Bildern. Im Toggenburg entsteht auch die junge Familie Eugster-Roth. Als Erste kommt Lara, dann Nuria und schliesslich Marula. Die drei Töchter schlüpfen in die Schuhe ihrer Eltern. Lara und Marula lassen sich in Tanz ausbilden, Nuria in General Management. Lara (35) gehört heute zum Ensemble des Cirque du Soleil, Marula (26) ist Hauptdarstellerin in «Wings» und Nuria (30) hat dieses Jahr die Rigolo GmbH in St. Gallen gegründet, die nun «Wings» produziert. Die dritte Generation steht bereit: Anajon, der 14-jährige Sohn von Lara und Andreis Eugster-Jacobs, wächst in der «Rigolo»-Familie auf und möchte Artist werden.

Im Freien, im Palais, in einer Sulzer-Halle, aber nie im Zirkuszelt

Die im Mai dieses Jahres gegründete Rigolo GmbH zeigt: die Ablösung hat stattgefunden. Mädir Eugster: «‹Wings› hat Flügel bekommen und fliegt jetzt mit der nächsten Generation. Lena und ich entwickeln neue Nummern.» Lena Roth: «Ich kümmere mich schon seit je um das Feuer im Hintergrund, ich schaue, dass unsere Leidenschaft nie erlischt. Die Flügel bei ‹Wings› sind ja auch meine Flügel, mein kreativer Geist.» Derzeit wird die erfolgreiche Show «Wings» aus dem Jahr 2014 wieder aufgenommen. Wie schon bei der ersten Auflage erfolgte der Start in St. Gallen.

Noch nie besass der «Rigolo» ein echtes Zirkuszelt, ein Chapiteau. Mädir Eugster: «Wir spielten im Freien, im Palais, in einer Höhle oder vor zwei Jahren in einer alten Sulzer-Halle in Winterthur, aber nie in einem Zirkuszelt.» Vor drei Jahren zeigte man «Wings» vor 10 000 Zuschauenden in St. Gallen und 15 000 in Winterthur.

Der «Rigolo» verstand sich nie als Zirkus im überlieferten Sinn: «Wir sind ein lebendiges Experiment und streben die Ganzheit von Tanz, Artistik, bildender Kunst und Musik in raffinierter Ausstattung an. Wir wollen das Publikum in all seinen Sinnen ansprechen: mit Farben, Gerüchen, lebenden Bildern und Klängen.» Im «Rigolo» taucht der Besucher in eine ungewohnte, eigenen Gesetzen gehorchende Welt, in der sich zugedeckte, archaisch-mystische Vorstellungen auf rätselhafte Weise neu öffnen. Seit der Begriff «Nouveau Cirque» vor rund zwei Jahrzehnten auch in Europa aufkam, hat der «Rigolo» seine Genre-Ecke und er wurde zum «Rigolo Swiss Nou­veau Cirque».

«Unsere Produktionen verlangen grosse, hohe Bühnen»

Doch das Genre hat in der Schweiz einen kleinen Markt. Geschäftsführerin Nuria Eugster: «Unsere Produktionen verlangen grosse, hohe Bühnen. Und weil wir uns in einem Nischen-Genre bewegen, können wir solche Säle oder Hallen nur in grossen Städten füllen. Da stösst man in der Schweiz halt schnell an Grenzen.» Erste Auslanderfahrungen habe man schon gemacht, meint Nuria Eugster weiter, «zurzeit ziehen wir alle Register, um ‹Wings› in Europa, vielleicht einmal in Amerika zu zeigen». Der Türöffner dazu ist die «Sanddorn-Balance». Doch dabei bleibt es nicht, Mädir Eugster: «Ich stelle international ein steigendes Interesse an neuen, aussergewöhnlichen und artistisch anspruchsvollen Nummern fest. Darum wollen wir weiterhin solche Nummern entwickeln.» Doch der Tanz auf den Bühnen des Nouveau Cirque bleibt eine Balance.

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