Küng kämpft für Lebenstraum

Bei der ersten Weltcup-Abfahrt in Beaver Creek ist die Skirennfahrerin Mirena Küng nicht dabei. Im Sommer verletzte sie sich im Trainingslager in Chile an der Schulter. Doch die zähe Appenzellerin will sich nicht unterkriegen lassen.

Michael Genova
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Trotz Verletzung arbeitet Mirena Küng im Kraftraum täglich an ihrer Rückkehr in den Ski-Rennsport. (Bild: mge)

Trotz Verletzung arbeitet Mirena Küng im Kraftraum täglich an ihrer Rückkehr in den Ski-Rennsport. (Bild: mge)

ZÜRICH. Noch während des Sturzes wusste Mirena Küng: «Es ist wieder die Schulter.» Im letzten Training im chilenischen La Parva passierte es: Der Appenzellerin verschnitt es die Ski, und sie stürzte beim Riesenslalom schwer. Dabei kugelte sie sich die rechte Schulter aus und zog sich eine leichte Hirnerschütterung zu. «Im ersten Moment spürte ich wegen des Adrenalins keinen Schmerz», sagt die Skirennfahrerin. Bei der Bestellung des Rettungshelikopters kam es zu einer Verwirrung, und weil die Ärzte befürchteten, der Oberarm sei gebrochen, wurde die Schulter nicht sofort wieder eingerenkt. Am Ende war die Schulter zwei Stunden lang ausgekugelt, bevor Küng im Spital der Hauptstadt Santiago behandelt werden konnte.

Den Tag voller Therapien

Das war vor sieben Wochen. Mirena Küng sitzt in der Cafeteria der Uniklinik Balgrist in Zürich und zeigt auf einen roten Fleck an ihrem Hals. «Er kommt vom Riemen des Helms, der sich während des Sturzes in die Haut schnitt», sagt sie. Doch das ist im Vergleich ein kleiner Kratzer. Bei einer Folgeuntersuchung fanden die Ärzte heraus, dass es beim Unfall zu einer Schädigung des Nervengewebes kam. Kraft und Gefühl im rechten Arm sind deshalb noch eingeschränkt. Seit drei Wochen besucht die Appenzellerin täglich mehrere Therapien: Physiotherapie für die Schulter, Ergotherapie, Wassertherapie, Sport-Physiotherapie, Elektrotherapie. Das Programm ist dicht, doch Küng fühlt sich wohl: «Ich bin beschäftigt und muss nicht ständig rumsitzen.»

Wenn keine Therapien anstehen, besucht sie das Krafttraining, macht Gleichgewichtsübungen, geht Velo fahren oder spazieren. Sie will ihre gute Form nicht ganz verlieren. In der ersten Woche habe sie sich erst an Zürich gewöhnen müssen. «Ich bin eine Landpomeranze, und die vielen Eindrücke haben mich etwas ermüdet.» Sie vermisse die Berge schon und könnte nicht immer in der Stadt leben, sagt Küng. Deshalb kehrt sie am Wochenende zurück ins Elternhaus nach Appenzell. Dort geht sie «zBerg», trifft Freundinnen und geht in den Ausgang. Für einmal ist dann ihre Verletzung kein Gesprächsthema.

Kleine Fortschritte

«In den ersten Tagen glaubte ich noch an eine vorübergehende Störung.» Seit einer Woche ist diese Hoffnung getrübt. Bei einer Untersuchung fand Küngs Neurologe heraus, dass der Achselnerv stark beschädigt ist. «Der Nerv kommt wieder, aber es kann Monate dauern.» Die Ärzte liessen alles noch sehr offen, sagt die Spitzensportlerin. Seitdem denke sie zum erstenmal nur an ihren Arm und nicht an die sportliche Zukunft. «Trotzdem plane ich nicht, dass die ganze Saison futsch ist», sagt Küng. Sie schaut von Tag zu Tag und freut sich über die kleinen Fortschritte. «Erst konnte ich weder den Arm bewegen noch eine Faust ballen.» Seit letzter Woche könne sie sogar Bizeps und Trizeps wieder bewegen, sagt sie.

«Ich komme zurück»

In zwei Wochen reisen die Schweizer Skirennfahrerinnen in die USA und bereiten sich auf die erste Weltcup-Abfahrt in Beaver Creek vor. Mirena Küng wird nicht dabei sein. In der vergangenen Woche habe sie einen Tag lang gekämpft, doch sie sei nie in ein Loch gefallen. «Das bringt doch nichts.» Dann fordert sie den Reporter auf, ihr die Frage über die Zukunft direkt zu stellen: «Nein, aufhören werde ich bestimmt nicht. Ich komme nochmals zurück.»