Kritik an Lockdown
«Kollateralschäden von Lockdowns sind grösser als der Nutzen»: Ausserrhoder Kantonsarzt muss wegen Kritik an Bundesrat Amt niederlegen

Wegen eines kritischen Leserbriefs musste Rainer Fischbacher seinen Sessel räumen. Der stellvertretende Kantonsarzt kämpft indes nicht gegen die allgemeinen Coronamassnahmen, sondern gegen die Lockdownpolitik.

Karin Erni, Jesko Calderara
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Rainer Fischbacher in seiner Praxis in Herisau.

Rainer Fischbacher in seiner Praxis in Herisau.

Bild: Karin Erni

Sieben Jahre amtete der Herisauer Allgemeinmediziner Rainer Fischbacher gemeinsam mit Vinzenz Müller untadelig als Kantonsarzt von Appenzell Ausserrhoden. Doch vor zwei Wochen legte Rainer Fischbacher sein Amt nieder. Was war passiert? In einem Leserbrief in der Schweizerischen Ärztezeitung hatte Fischbacher das Referendum gegen das Notrecht begrüsst, wie «Die Weltwoche» in ihrer letzten Ausgabe publik machte.

Für Meinungsfreiheit entschieden

In Rainer Fischbachers satirisch verfassten Text wendet sich ein fiktiver «AdG» (Alain der Grosse) im Traum an die Ärzteschaft: «Ich bin auf Ihre Unterstützung angewiesen: Nur wenn wir weiterhin mit aller Macht daran arbeiten, das Angstlevel hochzuhalten, wird es uns gelingen, die Rückkehr zur virologisch absolut unhaltbaren demokratischen Freiheit zu verhindern. Denn es droht grosse Gefahr: Das Referendum gegen das Corona-Notrecht ist zustande gekommen. Da wollen doch Demokratie-Extremisten mich und die Task Force entmachten.» (...)

Keine Freude an diesem Leserbrief hatte der Ausserrhoder Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer. Es gehe nicht, dass er sich in seiner Funktion gegen Regierungsmassnahmen stelle, beschied er Fischbacher und stellte ihn vor die Wahl: Entweder er verzichte künftig auf derlei öffentliche Kritik oder er lege sein Amt nieder. «In diesem Sinne war es kein Rauswurf, sondern meine eigene Entscheidung», sagt Fischbacher rückblickend. Seit dem Amtsantritt von Franziska Kluschke Ende 2019 hatte er die Funktion ohnehin nur noch stellvertretend ausgeübt.

Zu grosse Kollateralschäden

Der Internist legt Wert darauf, kein Coronaskeptiker zu sein. «Es gibt Massnahmen, die durchaus sinnvoll sind.» Der Lockdown im Frühjahr habe ihm aber gezeigt, dass die Kollateralschäden wie soziale Isolation, Depressionen oder Angst grösser seien als der Nutzen. Durch einen Lockdown liessen sich Infektionen nicht verhindern, sondern allenfalls hinauszögern, so Fischbacher. Er vertritt sogar die These, dass die gesellschaftlichen Massnahmen die Mutation des Virus begünstigten.

«Die ursprünglichen Viren werden durch Social Distancing in Schach gehalten, was zu einer Begünstigung und somit Selektion von noch ansteckenderen Mutanten führt.»

Das erkläre, warum sich die hochansteckenden Mutationen derzeit schneller verbreiten. Deshalb sei er froh, dass die Massnahmen nur zögerlich gelockert werden, so der Arzt. «Ich halte die Situation wegen der Mutationen jetzt sogar für schlimmer als im Frühjahr 2020. Es ist sogar denkbar, dass mehr Menschen an Covid-19 sterben, als ohne Lockdown je gestorben wären.» Die mutierten Viren könnten gerade für die besonders schwachen Menschen, die nicht oder kaum mehr auf die Impfung ansprechen, tödlich sein.

Unterstützung aus der Ärzteschaft

Rainer Fischbacher gehört nicht zu den Impfkritikern. Er mache seinen Patienten Mut zur Impfung, zumal diese gemäss seinen bisherigen Erfahrungen keine oder nur leichte Nebenwirkungen gezeigt habe, so der Arzt.

«Wir können nur hoffen, dass wir durch das Impfen die dringend benötigte Herdenimmunität erreichen, bevor die Mutanten losschlagen.»

Von seinen ärztlichen Kollegen fühle er sich in seinen Ansichten mehrheitlich unterstützt, sagt Fischbacher. «Coronabedingt können wir uns zwar nicht mehr so häufig austauschen wie früher.» Aber von acht Berufskollegen, mit denen er in regelmässigem Kontakt stehe, befürworten nur zwei die Lockdowns. «Das zeigt, dass die Politik sich zu stark auf theoretische Modelle verlässt und den Bezug zur Realität zusehends verloren hat.»

Regierungsrat Balmer erwartet Loyalität

Regierungsrat Yves Noël Balmer verteidigt den Entscheid, das Vertragsverhältnis mit Rainer Fischbacher im gegenseitigen Einvernehmen aufzulösen. Als Allgemeinmediziner habe Fischbacher das Recht, nicht hinter den staatlich angeordneten Covid-19-Massnahmen zu stehen, sagt der Vorsteher des Departement Gesundheit und Soziales. «Seine öffentlich geäusserte kritische Haltung ist allerdings nicht vereinbar mit seiner Rolle als stellvertretender Kantonsarzt.» In der kantonalen Verwaltung wird gemäss Balmer zwar eine Kultur gepflegt, in der kritische Meinungen und kontroverse Diskussionen erwünscht sind. Balmer sagt:

«Sind die Beschlüsse aber von den zuständigen Organen wie dem Bund oder dem Regierungsrat gefällt worden, gilt es diese umzusetzen und seinem Arbeitgeber gegenüber loyal mitzutragen.

Balmer ist Anfang Februar von dritter Seite auf die erwähnten Beiträge von Rainer Fischbacher in diversen Medien aufmerksam gemacht worden. In einem persönlichen Gespräch einigte man sich auf die Trennung. Dies bedeutet, dass bald beide Stellvertretungen von Kantonsärztin Franziska Kluschke neu besetzt werden müssen. Denn der erste Stellvertreter, Vinzenz Müller, möchte altershalber kürzertreten. Die Suche nach einer Nachfolgelösung wurde bereits vor der Auflösung der Vereinbarung mit Fischbacher in Angriff genommen. Die Funktionsfähigkeit des kantonsärztlichen Dienstes sei jederzeit sichergestellt, betont Balmer.