Krisenland, Ferienland, Griechenland

SPEERSPITZ Eigentlich ist es keine grosse Sache. Dennoch ruft es meist eine Mischung aus Bedauern, Verwunderung und Amüsement hervor, wenn ich davon erzähle: Ich gehe in gut einer Woche nach Griechenland in die Ferien. «Ausgerechnet Griechenland.

Urs M. Hemm
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Bild: Urs M. Hemm

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SPEERSPITZ

Eigentlich ist es keine grosse Sache. Dennoch ruft es meist eine Mischung aus Bedauern, Verwunderung und Amüsement hervor, wenn ich davon erzähle: Ich gehe in gut einer Woche nach Griechenland in die Ferien. «Ausgerechnet Griechenland. Bist du sicher, dass du dort noch etwas zu essen bekommst?» oder «Pass auf, dass du wieder gesund nach Hause zurückkehrst», sind nur zwei Beispiele von Bemerkungen, die ich dann jeweils zu hören bekomme. Zugegeben, Griechenland ging es schon mal besser. Dennoch beschleicht mich bei derartigen Äusserungen doch irgendwie langsam das Gefühl, dass ich mich auf einen Abenteuerurlaub einlasse und in potenzielle Lebensgefahr begebe. Ein Blick auf die Homepage des EDA, des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, beruhigt mich jedoch. Gemäss der aktuellen Reisehinweise muss ich in Griechenland weder mit maritimer Piraterie, Terrorismus und Entführung, Gefährdung durch Radioaktivität noch mit Ebola rechnen. Gemäss der Ostschweizer Infostelle für Reisemedizin brauche ich mich auch nicht gegen Hepatitis A, Gelbfieber, Typhus oder Cholera impfen zu lassen. Zudem scheint Griechenland von Malaria frei zu sein. Warum sollte also eine Reise nach Griechenland Verwunderung oder gar Bedauern auslösen? Zugegeben, das Land macht schwierige Zeit durch. Die Ursachen dafür scheinen mir jedoch zum grossen Teil hausgemacht. Es mag zwar verlockend klingen, nur dann Steuern zu bezahlen, wenn einem gerade danach ist, oder eben gar keine Steuern zu bezahlen. Schliesslich fällt es ja niemandem auf, weil es offenbar auch niemand kontrolliert. Dass ein solches System früher oder später kollabieren muss, war wohl voraussehbar. Die Griechen haben zwar durch die ganzen Sparmassnahmen grosse Einbussen hinnehmen müssen. Was sie aber grösstenteils (noch) nicht verloren haben, sind ihre Herzlichkeit und ihre Gastfreundschaft. Und gerade die Tourismusbranche scheint zurzeit die einzige Industrie des Landes zu sein, die nicht zu sehr unter den schwierigen Umständen gelitten hat. Damit es so bleibt, braucht Griechenland Touristen, die sich nicht durch politische Querelen und wirtschaftliche Schwierigkeiten abschrecken lassen.

Ich jedenfalls freue mich auf diese Ferien. Trotzdem nehme ich aber als Notnagel ein paar Militärguezli, eine Angelschnur und mein Taschenmesser mit – denn, man kann ja nie wissen...

urs.hemm@toggenburgmedien.ch