Krieg beendete Textilblüte

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges begann für die Ausserrhoder Wirtschaft eine schwere Strukturkrise. Lange hofften die Politiker auf eine Erholung. Doch die einseitige Ausrichtung auf die Stickereiindustrie erwies sich als Klumpenrisiko.

Michael Genova
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Kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise: Arbeiter im Maschinensaal der Herisauer Stickereifabrik Bücheler & Co., im Dezember 1928. (Bilder: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

Kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise: Arbeiter im Maschinensaal der Herisauer Stickereifabrik Bücheler & Co., im Dezember 1928. (Bilder: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

AUSSERRHODEN. Zwei Arbeiter der Herisauer Stickereifabrik Bücheler & Co. bereiten Holzkisten für die Verschiffung vor – Reiseziel: Bombay. Das Foto entstand 1928, damals befand sich die Appenzeller Stickereiindustrie bereits mitten in der Krise. Heute haben Stickereien aus der Ostschweiz lediglich als Nischenprodukt überlebt; sie zieren die Luxusroben von First Lady Michelle Obama und George Clooneys Ehefrau Amal Alamuddin. Wie kam es, dass die Appenzeller vor 100 Jahren ihre einmalige Stellung in der Produktion von Stickereien einbüssten?

Noch im Jahr 1910 waren 53 Prozent aller Beschäftigten in Appenzell Ausserrhoden in der Textilindustrie angestellt. Der Anteil sank bis 1930 auf 36 Prozent und 1950 lag er noch bei 13 Prozent. Dabei lief es für die Ostschweizer Textilwirtschaft bis Ende 1917 relativ gut. Fast schon prophetisch klingt die Aussage,

welche der Ausserrhoder Nationalrat Johannes Eisenhut-Schaefer 1918 über die Zukunft der lokalen Stickereien machte: «Zu Ende des Jahres hatte man die Gewissheit, dass zwar der Krieg mit den Waffen beendet sei, die Nachfrage nach Stickereien jedoch gewaltig abnehme, so dass für unsere Hauptindustrie die schwersten Zeiten noch bevorstünden.»

Ratlosigkeit in der Regierung

Lange Zeit glaubten Teile der wirtschaftlichen und politischen Elite an eine vorübergehende Depression. So sprach der Ausserrhoder Regierungsrat im Rechenschaftsbericht der Jahre 1921/22 von «Begleiterscheinungen der schweren Weltkrisis» – von strukturellen Problemen war damals noch keine Rede. Als Gründe für die Probleme der Textilindustrie nannte er die Verarmung früherer Absatzgebiete, die Zerrüttung vieler Währungen sowie Einfuhrerschwernisse und hohe Schutzzölle.

Nationalrat Eisenhut-Schaefer sah die Schwierigkeiten bereits vor Kriegsende auf lokale Stickereien zukommen. Grund dafür sei das Wachstum der amerikanischen Industrie, schrieb er 1917 in den Appenzeller Jahrbüchern: «Nach der Meinung von Eingeweihten dürfte ein Grossteil der Stickerei-Ausfuhr nach Amerika für uns für immer verloren sein, indem hauptsächlich der Massenartikel, (…) die sogenannten Stapelwaren in Amerika selbst fabriziert werden.» Aber nicht nur die USA, sondern auch die billiger produzierende Konkurrenz im benachbarten Vorarlberg machten sich bemerkbar.

Der Ausserrhoder Regierungsrat blieb passiv und machte wenig, um die Ansiedlung neuer Industrien im Appenzellerland zu fördern. Eine gewisse Ratlosigkeit machte sich breit: «Es muss hier eine Besserung von anderer Seite kommen, die Mode muss der Stickerei wieder günstiger werden, die Finanzkraft der Absatzgebiete muss gestärkt werden», schrieb die Ausserrhoder Regierung 1921. Erst nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1933 gründete Appenzell Ausserrhoden eine Kommission zur Einführung neuer Industrien.

Gefahr der Monokultur

Ab 1921 stieg die Zahl der Arbeitslosen stark an. Weil die Bevölkerung auch nach dem Krieg auf die Hilfe des Staates angewiesen war, wurde der Ausserrhoder Staatshaushalt defizitär. Alleine 1922/23 strichen die Behörden 30 Betriebe aus dem Stickereiverzeichnis. Zwischen 1906 und 1926 sank die Zahl der Ausserrhoder Fabriken von 216 auf 168; in Innerrhoden von 17 auf 14. Die Folge der Arbeitslosigkeit war ein kontinuierlicher Rückgang der Bevölkerungszahlen. Viele Arbeiter verliessen den Kanton oder wanderten aus. Die Not war so gross, dass sich 1922 nach der Ermordung des Säntiswarts und dessen Ehefrau 300 Anwärter für die Nachfolge bewarben.

Bereits 1830 warnte der Kaufmann Johann Caspar Zellweger vor den Gefahren industrieller Monokultur. Doch Ausserrhoden blieb auch nach der Weltwirtschaftskrise von der Textilindustrie geprägt. Erst mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1950er-Jahren diversifizierte sich die Industrie allmählich.

Im Packraum der Stickerei Bücheler und Co. füllen Lagerarbeiter Holzkisten für die Verschiffung ins indische Bombay, 1928.

Im Packraum der Stickerei Bücheler und Co. füllen Lagerarbeiter Holzkisten für die Verschiffung ins indische Bombay, 1928.

Bild: MICHAEL GENOVA

Bild: MICHAEL GENOVA