Kooperation, Klang und Einheit

Am Dienstag hatten das Jugendorchester «il mosaico» und Klassen mit dem Schwerpunktfach Musik der Kanti Wattwil die Gelegenheit, die Hauptprobe der Berliner Philharmoniker im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) zu besuchen.

Raffaela Arnold
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Interessierte Zuhörer: Im Weissen Saal des KKL probten die Berliner Philharmoniker für das Konzert am Abend. (Bilder: Raffaela Arnold)

Interessierte Zuhörer: Im Weissen Saal des KKL probten die Berliner Philharmoniker für das Konzert am Abend. (Bilder: Raffaela Arnold)

LUZERN. Im Rahmen des Lucerne Festivals führten die weltbekannten Berliner Philharmoniker Stücke von Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch im KKL in Luzern auf. Schon ein Schüler von Schostakowitsch sagte 1961 nach der Uraufführung der vierten Sinfonie, was die jungen Musikerinnen und Musiker des Jugendorchesters «il mosaico» und Musikstudenten der Kantonsschule Wattwil erfahren durften: Es sei, als habe man das ganze Leben an einem Abend durchlebt.

Anderer Zugang zur Musik

Tatsächlich sorgten die flinken Übergänge, gewaltigen Trommelschläge, feinen Töne und rasenden Läufe bei den Schülern für Bewunderung und Anerkennung. «Durch den Besuch der Probe sollen die Schüler einen anderen Zugang zur Musik bekommen», sagt Hermann Ostendarp, Dirigent von «il mosaico». Zu sehen, wie konzentriert sie proben und mit welchem Klang die Musiker ihr Instrument spielen, sei interessant. Dies fand auch Oliver Rutz, Schlagzeuger im Jugendorchester: «Es war faszinierend, wie viele verschiedene Klangfarben das Orchester erzeugen konnte.»

Den Besuch organisieren konnte Hermann Ostendarp durch den Kontakt zu Pianist Adrian Oetiker, der im Frühjahr ein Klavierkonzert mit «il mosaico» aufführte. Adrian Oetiker spielt zusammen mit einem Schweizer Mitglied der Berliner Philharmoniker, Christoph Streuli, im Feininger Trio. Während des Bildungsurlaubes in Berlin besuchte Hermann Ostendarp ein paarmal die Proben des Weltklasseorchesters unter Dirigent Sir Simon Rattle und hatte die Idee, dies auch seinen Schülern zu ermöglichen. Da das Orchester das Programm bereits aufgeführt hatte, musste in der Hauptprobe nur noch die Akustik, also der Schall des Saals ausprobiert werden. Trotzdem konnten die Schüler sehen, wie das Orchester funktioniert und kooperiert: Was der Dirigent an Verbesserungen vorbringt, wird sofort umgesetzt. Eine Stelle wird also nicht nur leiser, die ganze Stimmung verändert sich.

Tägliches Training

Im Anschluss an die Probe beantworteten der Geiger Christoph Streuli und der Paukist Rainer Seegers die neugierigen Fragen der Schüler. Christoph Streuli erzählte aus seinem Alltag als Berufsmusiker. Pro Woche übt das Orchester ein neues Programm ein, das nach fünf Proben dreimal aufgeführt wird. Ein Raunen geht durch die Schülergruppe – diejenigen aus dem «il mosaico» wissen nur zu gut, dass das viel in sehr kurzer Zeit ist. Um den physischen Apparat am Laufen zu halten, üben die Musiker täglich. «Wie die Sportler auch trainieren müssen, um fit zu bleiben», erklärt Christoph Streuli. Viele Berufsmusiker seien neben dem Orchester noch aktiv, zum Beispiel in der Kammermusik. Christoph Streuli spielt seit bald zwanzig Jahren bei den Berliner Philharmonikern. Früher habe auch er zu diesem Orchester aufgeschaut. «Und dann ist man ganz erstaunt, dass man plötzlich doch da gelandet ist», lacht er.

Das Orchester sei sehr offen und bewegt, das Niveau sehr hoch und die Arbeitsbedingungen gut. «Kollegialität untereinander wird grossgeschrieben.»

Wechsel verändern Orchester

Auch die Zusammenarbeit mit Sir Simon Rattle ist angenehm: Er sei ein zugänglicher Mann mit britischer Höflichkeit, sagt Christoph Streuli. Jeder Wechsel und jeder neue Chefdirigent verändere das Orchester ein wenig. Was jedoch merkwürdig sei und fasziniere, sei, dass der Klangkörper über Jahre hinweg und trotz etlicher Wechsel seine Charakteristik behalte. «Das Ganze ist mehr als nur die Summe aller einzelner.» Dies ist während der Probe auch der Schülerin und Geigerin Cinzia Caracciolo aufgefallen: «Ich war erstaunt, welcher Zusammenhalt in diesem Orchester spürbar ist, alle Stimmen bilden eine Einheit. Ich glaube, dies zeichnet sie als ein Weltorchester aus.» Was sie ebenfalls faszinierte, war die Demokratie, mit der die eingesessenen Musiker ihre Neuzugänge wählen.

Nach der Bewerbung werden Musiker aufgrund ihres Lebenslaufes zu einem Probespiel eingeladen, bei dem sie sich in zwei Runden beweisen müssen. Dabei musiziert der Kandidat nicht hinter einem Vorhang, wie es oft bei Profiorchestern der Fall ist. «Musizieren hat auch mit der Optik zu tun», erklärt Christoph Streuli.

So zählt nicht nur das Können, sondern auch der Charakter. Wird ein Kandidat mit der Mehrheit ins Orchester aufgenommen, hat er maximal zwei Jahre Zeit, sein Können unter Beweis zu stellen. Dabei spielt es keine Rolle, ob er erste oder zweite Geige spielt. Im Orchester gebe es keine feste Sitzordnung. «Wenn jemand bei einem Programm vorne hockt, setzt er sich beim nächsten mehr nach hinten», sagt Christoph Streuli. Dies sei gut für die Atmosphäre und die Flexibilität.

Begabung fördern

Die jungen Schülerinnen und Schüler stehen teils kurz vor dem Sprung ins Arbeits- oder Studentenleben und fragen sich, ob es sich lohnt, eine Karriere im Musikbusiness zu beginnen. «Man weiss nie, wie weit man kommt, aber es zu probieren, lohnt sich», rät Christoph Streuli. Von Hürden soll sich niemand entmutigen lassen.

Christoph Streuli erzählt den Schülern aus seinem Berufsalltag.

Christoph Streuli erzählt den Schülern aus seinem Berufsalltag.

Hermann Ostendarp Violinlehrer und Dirigent des Jugendorchesters «il mosaico»

Hermann Ostendarp Violinlehrer und Dirigent des Jugendorchesters «il mosaico»

Christoph Streuli Violinist bei den Berliner Philharmonikern

Christoph Streuli Violinist bei den Berliner Philharmonikern