KONZERT: Musikalische «Landstreicher» heizten ein

Mit einem gemischten Programm spielte die Landstreichmusik in der Webstube Bühl ob Nesslau auf. Die Gruppierung verband dabei Authentizität mit Moderne.

Peter Küpfer
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Die Landstreichmusik heizte ein: Dide Marfurt, Matthias Linke, Elias Menzi, Matthias Härtel, Christine Lauterburg (von links). (Bild: Peter Küpfer)

Die Landstreichmusik heizte ein: Dide Marfurt, Matthias Linke, Elias Menzi, Matthias Härtel, Christine Lauterburg (von links). (Bild: Peter Küpfer)

Peter Küpfer

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@toggenburgmedien.ch

Seit Jahren zieht die Landstreichmusik, eine Gemeinschaft von Wandermusikanten rund um «Giigämaa» Matthias Lincke, von Ort zu Ort, wie seinerzeit die Wandergeiger und Spielleute von Chilbi zu Stubete. Dabei befinden sich die spielfreudigen «Landstreicher» in den Fussstapfen einer langen Tradition, die sie gleichzeitig authentisch und modern-experimentell interpretieren. Die Gruppierung gab auch Titel aus ihrem neuen Programm «Altfrentsch unterwägs» zum Besten, zum Beispiel den «Walzerprozess», ein Stück Altfrentsch in der Gontener Art. Violinist Matthias Lincke hat für entsprechende Archiv- und Wiederentdeckungsarbeit an den zum Teil bis in die Renaissance zurückgehenden alpenländischen Tänzen viel Arbeit aufgewendet. Dass draussen der Föhn mit beunruhigend massiven Böen um die alte Webstube brauste, passte durchaus zu dieser Tradition. Nicht umsonst hat die Kirche früher zeitweise Einhalt geboten, wo für damalige Begriffe derart aufpeitschende und ausgelassene Musik aufgespielt wurde, wie Lincke anmerkte.

Individuelle Persönlichkeiten

Jedes Mitglied der «Landstreicher» repräsentiert wesentliche Elemente der von ihnen gepflegten Tradition. Der in seinen Ansagen etwas wortkarge und desto spielfreudigere Matthias Lincke bewegte sich mit seiner entfesselten Tanzgeige zweifellos im Zentrum des musikalischen Geschehens, hin und wieder mit seinen hörbar gut beschlagenen Stiefeln das Tempo steigernd. Feuer im Blut hatten auch seine Kollegen und Sängerin Christine Lauterburg. Dide Marfurt war nicht nur mit seiner Laute verwachsen, er führte auch historische Instrumente vor, wie die uralte Maultrommel mit ihrem geheimnisvollen Raunen und die orgelnde Drehleier, ein Instrument, das die Kreuzritter mit nach Europa zurückbrachten, wie Marfurt erklärte. Im Konzert präsentierten sich auch die beiden jüngeren Mitglieder der Formation. Am Hackbrett beugte sich Elias Menzi mit wirbelnden Klöppeln über seine Chöre wie ein Hexenmeister über seinen Zaubertrank. Wie nach dem Konzert kommentiert wurde, hat der junge Musiker mit Toggenburger Wurzeln bereits einen eigenen Stil entwickelt. Neben ihm Matthias Härtel, meistens am Kontrabass, hin und wieder aber auch seine urtümlich wirkende Schlüsselfiedel umhängend. Wie Lincke in der Begrüssung sagte, bringt Härtel die österreichisch-alpenländische Tradition in die Gruppe, eine ihnen höchst willkommene Ergänzung.

Eine eigene Dimension

Eine markante Figur des Programms war zweifellos Christine Lauterburg, Schauspielerin, Sängerin und Jodlerin, im Konzert als Partnerin zum «Giigämaa» Matthias Lincke auch bei vielen Titeln eben die «Giigäfrou». Mit ihrer klaren, ohne Schnörkel auf die Botschaft hin zentrierten, tragenden Stimme intonierte die Bernerin Naturjodel und Lieder. Da war Platz für Ergreifendes, wie bei ihrer Interpretation des bis zur Schmerzgrenze tragischen «Vreneli abem Guggisberg», Witziges wie bei der im Jodellied ausgedrückten Freude eines jungen Meitschi, einen unwillkommenen Liebhaber gekonnt abzuwimmeln. Schliesslich auch harte Realität, wie sie im Jodellied vom «Ruedeli» zum Ausdruck kam, der immer schon «das Knechtli» war und es auch bleiben wird. Wie Dide Marfurt augenzwinkernd kommentierte: das einzige ihm bekannte Jodellied «mit sozialkritischem Hintergrund», ein Lied, das er prompt mit Blues-Akkorden durchsetzte.