KONZERT: «Die Kunst der Schönheit unterthan gemacht»

In der Aula der Kantonsschule Wattwil brachte Pianist Benjamin Engeli Bachs Goldberg-Variationen in ihrer Gesamtheit zur Aufführung.

Peter Küpfer
Merken
Drucken
Teilen
Der Solist bei seiner faszinierenden, mit Tonbeispielen illustrierten Einführung. (Bild: Peter Küpfer)

Der Solist bei seiner faszinierenden, mit Tonbeispielen illustrierten Einführung. (Bild: Peter Küpfer)

Bachs Goldbergvariationen gelten als die Krönung der «Claviermusik» Johann Sebastian Bachs. Sie bilden nach Meinung der Musikwissenschaft den bedeutendsten Klavierzyklus des 18. Jahrhunderts. Er enthält die ganze Kunstfertigkeit, aber auch die ganze Schönheit der vollendeten Musik des Meisters. Davon konnte sich das Publikum am Sonntagabend, es füllte die Aula bis auf den letzten Platz, schnell einmal selbst überzeugen. Solist Benjamin Engeli, ein vielseitiger Pianist der jungen Generation, weltweit solistisch und als Mitglied renommierter Ensembles tätig, ist Wattwil und dem Toggenburger Musikleben seit seinen Anfängen als Musiker verbunden. Vor Beginn des Konzerts führte der Solist auf lebendige Art in Bachs monumentales Werk ein, ein nützliches Unterfangen, es wurde dadurch in seiner ganzen Grösse doch noch fassbarer, nicht nur für musiktheoretisch Bewanderte.

Die genaue Entstehungszeit der Goldberg-Variationen ist unbekannt, sie wurden 1741 in Nürnberg verlegt. Bachs erster Biograf berichtet, Bach habe den Zyklus für seinen Dresdener Gönner Graf Keyserlingk geschrieben. Der Graf habe an Schlaflosigkeit gelitten. Um ihm die Zeit in schlaflosen Nächten zu vertreiben, habe sich Keyserlingk von Bach ein paar Stücke gewünscht «die so sanften und etwas munteren Charakters wären». Der Komponist hat sich an diese Auflage gehalten und ein meisterhaftes Gleichgewicht zwischen seiner grenzenlosen, zuweilen mathematisch anmutenden Kompositionskunst und der Kunst zu gefallen gefunden. Auch der Name «Goldberg-Variationen» stammt aus der Bach-Literatur. Sie seien auf den damaligen Haus-Cembalisten des Grafen, Johann Gottlieb Goldberg, zugeschnitten gewesen, der sie ihm vorspielen sollte. Dies hält Engeli für fragwürdig, war der Hofvirtuose damals doch noch im jugendlichen Alter von 13 Jahren.

Hochwache Musik, die Grenzen auslotet

«Einschlafmusik» sind die Goldberg-Variationen nun definitiv nicht. Der kompositorisch anspruchsvolle Algorithmus besteht aus einem Thema, der Aria, an die sich 30 Variationen anschliessen, teilweise die Grenzen technischer Spielbarkeit auslotend, nach einem komplizierten kontrapunktischen Schlüssel komponiert: eine Art musikalischer «Hyper-Sudoku», wie Engeli sich in der Einführung humoristisch ausdrückte. Die zehn Dreiergruppen der einzelnen Sätze werden mit je einem Kanon abgeschlossen, wobei der Intervall der kanonischen Stimmen stetig wächst, vom Einklang des ersten bis zur None der letzten Dreiergruppe. Der 32-teilige Zyklus wird durch ein finales Da capo abgeschlossen. Dieser komplizierte Aufbau ergibt nun aber unter Bachs Meisterhand keineswegs eine schematische Musik. Alles andere. Unter der stupenden Gestaltungskraft des Solisten erhielt der Zyklus seine ganze atemlos drängende, oft stürmische Farbigkeit und Tiefendimension, abwechselnd mit anmutigen und tief beseligenden Passagen. Wie es der anonyme Autor 1788 in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek formulierte, hat Bach gerade auch in diesem Werk «die Schönheit der Kunst unterthan gemacht». Das arbeitete die ebenso kunstvolle Interpretation Benjamin Engelis, von A bis Z auswendig vorgetragen, minutiös und temperamentvoll im Tatbeweis heraus, im Gesamten wie im Detail. Das Publikum dankte es ihm mit intensivem, stehendem Applaus.