Konzentriert auf Speed-Disziplinen

Nach intensiven Trainingswochen in Argentinien und Zermatt bereitet sich Skirennfahrerin Marianne Abderhalden einige Tage zu Hause auf die Saison vor. Bisher läuft fast alles perfekt.

Urs Huwyler
Merken
Drucken
Teilen

SKISPORT. Sich mit Marianne Abderhalden (Wattwil) über die persönlichen Ziele für den Winter 2014/15 unterhalten zu wollen, wäre etwa so überflüssig wie die Frage, ob sie künftig wieder vermehrt Slalom trainiere. Der Saisonhöhepunkt findet bei den Alpinen Anfang Februar im amerikanischen Vail mit der WM statt, und auf die technischen Disziplinen wird die Weltcupsiegerin und Olympiateilnehmerin wegen chronischer Knieprobleme verzichten.

Einen wegweisenden Entscheid hat die – nach dem Rücktritt des brüderlichen Schwinger-Eidgenossen Urs – letzte Abderhalden-Mohikanerin bereits gefällt. «Ich fahre künftig keine Superkombinationen mehr», lässt sie das Skivolk wissen. Dabei würde sie in der fünften Disziplin im Schweizer Team zu den Fixstarterinnen gehören. In Méribel verfehlte die Head-Pilotin die Top 10 nur um einen Hundertstel. Fünfmal klassierte sie sich in den Punkterängen.

Doch die Vernunft siegt über die heimliche Liebe zu den Kippstangenl-Läufen. «Es macht keinen Sinn, das lädierte rechte Knie durch Slalomtrainings zusätzlich zu belasten», weiss Marianne Abderhalden und konzentriert sich auf Abfahrt und Super-G. Wobei die Betonung auf «…und Super-G» liegt. In der Vergangenheit wurde die einzige Toggenburger Skirennfahrerin mit Kaderstatus wegen ihrer fünf Podestplätze (ein Sieg, je zwei zweite und dritte Ränge) eher als Abfahrtsspezialistin betitelt.

Therapie und Aufbau

Im April wurde nach Kreuzband- und Knorpelschaden-Operationen wieder ein Meniskus-Eingriff nötig. Wegen der unendlichen Knieprobleme blieb die gelernte Hotelfachassistentin gegen Ende der letzten Saison (auch bei Olympia in Sotschi) nach einem perfekten Saisonstart unter ihren Möglichkeiten. Um die extreme Belastung in den Kurven und bei den Sprüngen überstehen zu können, braucht es die Stabilisierung der Problemzone und einen dauernden Kraftaufbau. Viele Spitzensportler, fügt sie an, würden unter einem schmerzenden Körperteil leiden. Das gehöre fast dazu.

So ist die Aussage, «Marianne Abderhalden ist einige Tage zu Hause», nicht ganz richtig. Einen Grossteil der Freizeit verbringt sie in der Orthopädie St. Gallen, wo sie von Doktor Pierre Hofer und dem Physiotherapieteam betreut wird. Rund 70 Minuten dauert die Fahrt auf den verschiedensten Strecken hin und zurück. «Je nach Tageszeit wechsle ich die Route. Ich kenne inzwischen fast jede Strasse nach St. Gallen», erklärt sie lachend, zieht wie in grauer Vorzeit einen Strassenatlas hervor und beweist ihrer ehemaligen Nachbarin, dass einer ihrer Wege (Umfahrung Herisau) über Oberhelfenschwil nach Wattwil führt.

Ein weiterer Nachmittag war nach dem Schwimmtraining in Bütschwil und der Müesli-Verpflegung wieder mit Therapie ausgefüllt. «Ihr Wille und Einsatz, der Kampfgeist, die Konsequenz, mit der sie die Trainings durchzieht, sind absolut bewundernswert. Andere Sportlerinnen hätten in ihrer Situation längst aufgegeben», sagt Physiotherapeut Christian Gutgsell stellvertretend für alle, die mit der Weltklasse-Abfahrerin zu tun haben. «Und», fügt er beeindruckt an, «Marianne ist für alles dankbar, was für sie getan wird.» Zuletzt liess Marianne Abderhalden einzelne Trainingstage aus, um sich und das Knie schonen zu können. Im Sommertraining von Argentinien war sie jedoch nicht nur dabei, sondern mittendrin. «Dieses Jahr hatten wir Glück mit dem Wetter und den Bedingungen, konnten ausgezeichnet trainieren. Der Aufwand für den Abstecher nach Südamerika hat sich im Gegensatz zu 2013 gelohnt.»

Vorteile dank Gisin

Die Testläufe gaben ihr die Gewissheit, international vorne dabei zu sein. «Das Niveau ist teamintern sehr hoch», hat sie festgestellt. «Wer bei uns mithalten kann, sollte auch im Weltcup bestehen können.» Ein Gradmesser bleibt Dominique Gisin. Hat sich die Hierarchie wegen der Engelberger Olympiasiegerin intern verändert? «Die Hierarchie nicht, aber in gewissen Fällen ist es erkennbar, dass bei uns die Olympiasiegerin dabei ist. Wir konnten im Training dank ihr einige Dinge tun, die sonst so nicht möglich gewesen wären.»

So wurde beispielsweise in Zermatt das Material (nur für die Frauen) an den Start geflogen, nachdem sich Dominique Gisin etwas wünschen konnte. Sie dachte nicht nur an sich, sondern stellte das Team ins Zentrum. «Für uns Athletinnen», so die manchmal kniesteife Nummer sechs der FIS-Weltrangliste (Abfahrt), «stellte dies keine entscheidende Verbesserung dar, doch wir konnten mehr Material mitnehmen und das Training dadurch optimieren.»

Am Start stehen wird im WM-Winter auch wieder die Amerikanerin Lindsey Vonn. Marianne Abderhalden bleibt wegen der Kampfansage von jenseits des grossen Teichs gelassen. «Ende Oktober beginnt die Saison in Sölden, Anfang November reisen wir wie jedes Jahr zur Übersee-Tournée. Danach wissen wir mehr.» Vonn weiss nach der Knieoperation nun auch, dass ihre Aussage, gut trainierte Athletinnen seien nicht verletzt, problematisch ist.