Kontrollen und Aufklärung

TOGGENBURG. Winterwanderer, Schneeschuhläufer oder Freerider – Wintersport spielt sich immer öfter abseits der markierten Pisten ab. Dabei dringen die Wintersportler immer wieder in Wildruhezonen vor und stören die im Winter besonders empfindlichen Wildtiere in ihrem Rückzugsraum.

Urs M. Hemm
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Oft werden Wildtiere – wie hier Rehe – in Wildruhezonen von Wintersportlern gestört. Werden diese erwischt, drohen hohe Bussen. (Bild: Fotolia)

Oft werden Wildtiere – wie hier Rehe – in Wildruhezonen von Wintersportlern gestört. Werden diese erwischt, drohen hohe Bussen. (Bild: Fotolia)

Stress oder Flucht kosten Energie. Energie, die Wildtiere während der Wintermonate aber dringend benötigen, um die Zeit der kalten Temperaturen und der Futterknappheit überhaupt überleben zu können. Um diesen Tieren eine Rückzugsmöglichkeit zu bieten, werden daher von den Kantonen Ruhezonen ausgeschieden, die jedoch von Wintersportlern wie Schneeschuhläufern oder Freeridern oft – wenn auch unbewusst – verletzt werden. «Wir sind immer wieder mal damit konfrontiert, dass Wintersportler die Verbote ignorieren», sagt der verantwortliche Wildhüter Urs Büchler. Dennoch möchte er für das obere Toggenburg nicht von einem Problem reden. «Die Akzeptanz für Wildruhezonen ist in der Bevölkerung grundsätzlich gross. Diejenigen, die dennoch Wildruhezonen befahren oder betreten, wüssten oft einfach nicht, was sie den Tieren damit antun können», erläutert er. Daher seien regelmässige Kontrollen und Aufklärung die wirksamsten Mittel, um die Ruhegebiete der Wildtiere zu schützen.

Hohe Geldstrafen

Während des letzten Winters und auch in der bisherigen Saison 2014/15 habe es praktisch keine Übertritte gegeben, sagt Urs Büchler. Die Erklärung dafür sei der wenige Schnee. «Damit Skifahrer abseits der markierten Pisten fahren, braucht es einerseits eine gute Unterlage. Andererseits reizt die Freerider frischer Pulverschnee.» Diese Bedingungen waren in den letzten zwei Jahren kaum gegeben. Sollten sich die Verhältnisse dafür jedoch bessern, ist Wildhüter Büchler – falls nötig mit Unterstützung von Mitarbeitern der Bergbahnen, des Forstes und der Jagd – auf Kontrollgang. «Es gibt neuralgische Punkte, die sich besonders gut eignen, beispielsweise in ein bestimmtes Waldstück einzufahren. Diese beobachten wir natürlich genau», sagt Büchler. Dennoch lasse man die Schneesportler nicht einfach ins Messer laufen. Denn gerade an diesen Stellen sind die Wildruhezonen speziell durch Schilder und Absperrungen gekennzeichnet. Wer dennoch in eine Ruhezone einfährt, muss mit empfindlichen Strafen von mehreren hundert Franken rechnen.

Doch die Gebiete sind nicht nur vor Ort gekennzeichnet. In Skigebieten sind an Tal- und Bergstationen die Wildruhezonen klar ausgeschildert. Zudem gehöre es zu jeder Vorbereitung einer Skitour, zu wissen, wo sich die ausgewiesenen Wildruhezonen befinden, um die Route entsprechend planen zu können. «Diese Informationspflicht gilt jedoch nicht nur für Tourenfahrer. Sie gilt genauso für Schneeschuhwanderer oder andere Wintersportler» sagt Urs Büchler.

Operativ keinen Einfluss

Im oberen Toggenburg befinden sich alleine sechs Wildruhezonen im Gebiet der Bergbahnen Toggenburg. «Für uns stellen die ausgeschiedenen Gebiete kein Problem dar», sagt Jürg Schustereit, Leiter Marketing der Bergbahnen Wildhaus AG. Wenn man die Ausgrenzungen genau betrachte, seien sie seines Erachtens berechtigt und würden das operative Geschäft nicht beeinträchtigen. Zudem habe es auf dem Gebiet der Bergbahnen Wildhaus kaum attraktive Alternativen abseits der markierten Pisten. Dennoch gebe es Wintersportler, welche die Pisten – vor allem nach ausgiebigen Schneefällen – verlassen. An solchen Tagen würden sie den Wildhüter nach Möglichkeit bei Kontrollen unterstützen. Finden im Gebiet der Bergbahnen Wildhaus spezielle Events statt, werden die Gäste durch zusätzliche Hinweistafeln auf die Wildruhezonen aufmerksam gemacht, sagt Jürg Schustereit.

Auch die Mitarbeiter der Toggenburg Bergbahnen AG helfen bei Kontrollen mit. «Da wir jedoch keine Amtspersonen sind, können wir keine Bussen verteilen», sagt Simon Meier, stellvertretender Pistenchef. Was sie aber tun können, sei Aufklärungsarbeit zu leisten, indem sie den fehlbaren Wintersportlern erklären, welchen negativen Einfluss sie auf die Wildtiere durch ihr Verhalten haben können. Dabei seien es aber weniger die Touristen, die abseits der Pisten fahren, sondern eher diejenigen, die das Gebiet gut kennen.

Unnötig Energie verbrennen

Im Gebiet des oberen Toggenburgs sind es vor allem Gemsen, Rehe, Hirsche, Hasen sowie Schnee- oder Auerhühner, die in den ausgeschiedenen Gebieten während des Winters Ruhe suchen. «Damit die Tiere die kalten Monate gut überstehen, müssen sie haushälterisch mit ihren Fett-, sprich Energiereserven umgehen», erläutert Urs Büchler. Wenn sie aber dauernd im Stress sind oder gar vor Hunden fliehen müssten, würden sie zu viel Fett verbrennen, um den Winter überstehen zu können. Problematisch werde es vor allem auch bei Muttertieren, die trächtig sind. «Um im Frühling gesunde Jungtiere auf die Welt bringen zu können, müssen sie zuerst einmal selber gesund bleiben und mit genügend Reserven durch den Winter kommen.» Gelinge dies in vermehrtem Masse nicht, könne es einen nachhaltig negativen Einfluss auf die Population haben. «Werden Tiere in einem Gebiet immer wieder gestört, kann es sogar sein, dass sie ganz auf andere Gebiete ausweichen, die in der Regel aber – was beispielsweise die Futtersituation angeht – schlechter sind.»