KOMMENTAR: Selbst am schönsten Ort der Welt wird genörgelt

Der Hype um den «Aescher» treibt seltsame Blüten. Tout le monde muss zurzeit das kleine Berggasthaus im Alpstein besucht haben – schliesslich handelt es sich um den «schönsten Ort der Welt».

Patrik Kobler
Merken
Drucken
Teilen
In den Schlagzeilen: Das Berggasthaus Aescher im Alpstein. (Bild: STEFFEN SCHMIDT (KEYSTONE))

In den Schlagzeilen: Das Berggasthaus Aescher im Alpstein. (Bild: STEFFEN SCHMIDT (KEYSTONE))

Der Hype um den «Aescher» treibt seltsame Blüten. Tout le monde muss zurzeit das kleine Berggasthaus im Alpstein besucht haben – schliesslich handelt es sich um den «schönsten Ort der Welt».

Weil der «Aescher» auf allen Kanälen abgefeiert wird, war es absehbar, dass sich bald einmal Misstöne in den Jubelchor mischen. Selbst am schönsten Ort der Welt gilt: Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Und so echauffiert sich die Internetgemeinde dieser Tage darüber, dass im «Aescher» eine zusätzliche Gabel zwei Franken kostet. In den Kommentarspalten des Internets schimpft man über die «Servicewüste», den «Geizwirt», die «Abzocke». «Macht mal halblang», möchte man den Sportsfreunden zurufen. Weder ist der «Aescher» DER schönste Ort der Welt, noch ist er eine Servicehölle. Das Essen – insbesondere die Rösti – wird weitherum gerühmt, und das Personal gilt als freundlich. Auch die Begründung der Wirtsleute ist nachvollziehbar. Das Gasthaus befindet sich in den Bergen. Das Wasser muss entweder aufbereitet oder im Tal eingekauft werden. Dieser Aufwand kostet.

Es ist das gute Recht der Wirte, für die Dienstleistung etwas zu verlangen. Besonders gastfreundlich ist es trotzdem nicht. Es mag die Geiz-ist-geil-Sparfüchse geben, die für wenig Geld einen der begehrten Plätze in der Wirtschaft besetzen. Die Mehrheit dürfte jedoch ohne böse Absichten einkehren; Familien beispielsweise, die froh sind, wenn sie die Portionen unter den Kindern aufteilen können. Und das einfach darum, weil die Kinder die grossen Portionen nicht aufessen. Selbst in unserer Überflussgesellschaft ist es für manche ein No-Go, Lebensmittel wegzuschmeissen. Freilich könnte ein findiger Wirt eine Rücknahmegebühr verlangen, wenn er den halbvollen Teller entsorgen muss. Schliesslich können die Abfälle nicht einfach in den Bergen entsorgt werden.

Mehr als der Zweifränkler bekümmert allerdings, dass wegen dieser Kleinigkeit im Internet eine geschäftsschädigende Lawine losgetreten wird. Das ist verantwortungslos. Der Wirt hat zwar diese Woche gegenüber unserer Zeitung zu Protokoll gegeben, dass ihn die Kritik nicht stört. Auf die leichte Schulter nehmen kann man die negativen Stimmen aber nicht. Die Schweiz geniesst, was die Gastfreundlichkeit angeht, ohnehin einen schlechten Ruf. In Appenzell Innerrhoden hat der Tourismusverband in diesem Jahr sogar einen Freundlichkeitskurs angeboten. Dabei trifft man in den Gasthäusern im Alpstein schon jetzt fast immer auf nettes Personal.

Aber eben: Selbst am «schönsten Ort der Welt» wird noch wegen Kleinigkeiten genörgelt. Damit bewahrheitet sich, was der Schriftsteller Henry David Thoreau bereits im 19. Jahrhundert gesagt hat: «Der Nörgler wird sogar im Paradies allerlei Fehler finden.» Vielleicht inspiriert das ja das umtriebige Künstlerduo Frank und Patrik Riklin (Null-Stern-Hotel) dereinst zu einer Abgabestelle für Alltagssorgen am Bahnhof Wasserauen. Die Gäste könnten dort ihren persönlichen Kummer deponieren und unbeschwert in die Berge reisen.