Kolumne
Brosmete: Martins-Tag und Martini-Gans

In der Brosmete übergeben wir die Schreibfeder an Gastautorinnen und -autoren. Dieses Mal erzählt Esther Ferrari, weshalb sie sich auf eine fein gebratene Martins-Gans freuen würde.

Esther Ferrari
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Martin von Tours soll sich aus Bescheidenheit in einem Gänsestall versteckt haben, als er zum Bischof geweiht werden sollte. Seither gilt er als Schutzpatron der Gänsezucht.

Martin von Tours soll sich aus Bescheidenheit in einem Gänsestall versteckt haben, als er zum Bischof geweiht werden sollte. Seither gilt er als Schutzpatron der Gänsezucht.

Bild: Archiv

Heute ist Martini. Der 11. November ist einer der ältesten und bekanntesten Zinstage. Er wurde gefürchtet und gefeiert. «St.Martin ist ein harter Mann, für den, der nicht bezahlen kann»,«Hat Martin einen weissen Bart, wird der Winter lang und hart», sagt die Bauernregel. Während die Bedeutung um St.Martin, bei uns in kirchlichen, politischen, wie in bäuerlichen Kreisen fast verblasst ist, wird andernorts dieser Tag noch von Bräuchen begleitet: mit Erntedankfesten, dem Trunk von frisch gekeltertem Wein, dem Beginn der Fasnacht, dem Planen von Weihnachten.

Esther Ferrari

Esther Ferrari

Bild: Archiv

Einer meiner Schwiegersöhne heisst Martin. Nun wünscht er sich eine Gans als Festtagsschmaus, wenn nicht an Martini, so doch an den kommenden Festtagen.

In unserer Familie wurden während Jahren im Hühnerhof auch Gänse gehalten. Worte von Nachbarn wie «Hoffentli gets bi eu bald Gänsebroote, denn chönd mer wieder usschloofe», brachten unsere Kinder gelegentlich nach Hause. Gänse sind klug, aber auch laut. Einmal hatten wir ein junges Gänschen aus dem Brutapparat. Als es Anschluss im Hühnerhof suchte, wurde es von den grossen Gänsen abgewiesen, von den Enten und Hühnern verjagt. So kümmerte sich unsere 12-jährige Tochter um das Gänschen. Bald lief es ihr auf Schritt und Tritt nach. Ging sie zur Schule, musste ich es zurückhalten, setzte sie sich im Garten in die Hängematte, wartete das Gänschen geduldig am Boden, bis sie wieder herunterkletterte.

Es kamen die Sommerferien, wir fuhren weg. Meine Mutter hütete Haus und Tiere. Nach unserer Rückkehr erzählte sie, wie sie eines Abends vergeblich versuchte, die Gänse in den Stall zu treiben. Sie hätten im Kreis gestanden, aufgeregt geschnattert, und wie um Hilfe gebeten. Das kleine Gänschen war in ein Loch gefallen. Sie habe es herausgeholt. Darauf hätten die Gänse es beschützend in den Stall begleitet und als ihresgleichen akzeptiert.

Ich habe, nachdem ich einmal an einem Tag sieben Gänse rupft und verarbeitet hatte, keine Lust mehr, welche zu metzgen. Auf eine fein gebratene Martins-Gans und einen gefüllten Gänsehals würde ich mich aber immer noch freuen.