König Melchior

Ein eisiger Wind fegt über die Hügel im Appenzeller Hinterland. Melchior Scherrer sitzt am Steuer seines geländegängigen Wagens. Es ist neun Uhr morgens und er ist auf dem Heimweg; er fütterte seine Rinder, die jetzt die Rinder der Familie seiner Tochter sind.

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Ein eisiger Wind fegt über die Hügel im Appenzeller Hinterland. Melchior Scherrer sitzt am Steuer seines geländegängigen Wagens. Es ist neun Uhr morgens und er ist auf dem Heimweg; er fütterte seine Rinder, die jetzt die Rinder der Familie seiner Tochter sind. Er fährt der steilen Nebenstrasse entlang, die über das Dorf Schönengrund führt.

Hier lesen Sie seine Geschichte, die auch eine Geschichte von der harten Bauernarbeit und vom Loslassen ist.

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Später am Küchentisch.

«König Melchior?», fragt Scherrer und sagt dann mit leiser Ironie und einem schmalen Schmunzeln: «Ich war auch einmal ein König.» Melchior Scherrer war ein stolzer Bauer; sein Hof lag über seinem Dorf Schönengrund; seine Tage waren hart und lang; doch war er sein eigener Herr, ein König eben. Vor drei Jahren dann übergab er den ganzen Hof seiner Tochter. Und seither lebt er ein anderes Leben, eins, das ihm nicht immer behagt. «Vielleicht zu schnell» sei man die Übergabe angegangen, sagt Melchior Scherrer heute. Jedoch etwas anderes habe das Gesetz nicht erlaubt: Man müsse einen Hof als Ganzes übergeben, man dürfe einzelne Häuser oder Flächen nicht aus dem Gesamten herauslösen, sagt er. Und: «Wenn man ein Leben lang vor sechs Uhr in der Früh aufgestanden ist, und das jahrein, jahraus, dann ist's nicht einfach, aufzuhören.» Doch genau dies hat er lernen müssen: loslassen.

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Im Mai 1951 kam Melchior Scherrer im Bauernhaus nur 500 Meter weiter oben am Hang zur Welt, als drittes von fünf Geschwistern. Die Schule besuchte er in Schönengrund; jeweils vier Klassen wurden hier in einem grossen Schulzimmer unterrichtet. Melchior Scherrer erinnert sich an den Schulpräsidenten und Pfarrer. Der hiess in seiner Jugendzeit Gerhard Blocher und sorgte jeweils für Ruhe im Schulzimmer, wenn die Lehrerin an die Grenzen stiess bei 35 Schulkindern. Nach der Schulzeit arbeitete Melchior Scherrer fünf Jahre in einer Zimmerei. Die RS absolvierte er als Trainsoldat auf der St. Luzisteig. Dort kaufte er auch sein eigenes Pferd, Sämi. Später half er regelmässig auf dem elterlichen Hof ob dem Dorf Schönengrund: beim Heuen und im Stall. Im Winter holzte er im Akkord im Wald der Eltern: «Es musste vorwärtsgehen, damit man etwas verdiente. Wir waren jung und gingen manches Risiko ein.» Im unwegsamen Gelände kam sein Ross zum Einsatz, um die Stämme aus dem Wald zu rücken. 1975 lernte er Trudi kennen; sie heirateten drei Jahre später – Melchior Scherrer hatte mittlerweile den Hof von seinem Vater übernommen. Gemeinsam arbeiteten Trudi und Melchior Scherrer an der Zukunft, so vergrösserten sie den Hof, pachteten Land hinzu, kauften dieses Jahre später. Auf 32 Hektaren betrieben sie Milchwirtschaft und hielten bald bis zu 70 Stück Vieh; von Juni bis August sömmerte und sömmert Melchior Scherrer noch immer die Kühe und einen Teil des Jungviehs auf der eigenen Alp Laufen, die zur 400 Hektaren grossen Säntisalp gehört. Das Sennen auf der Alp, das sei noch immer seine Welt, sagt er. Schritt für Schritt, das ist Melchior Scherrer ganz wichtig, habe er den Betrieb übernommen und weiter ausgebaut. Ganz anders, als die Betriebsübergabe des gesamten Hofes an die nächste Generation 2009.

Melchior Scherrers Töchter Susanne, Gabriela und Lydia kamen 1980, 1984 und 1992 zur

Welt. Während sechs Jahren sass Melchior Scherrer im Gemeinderat von Schönengrund; daneben war er lange Alpmeister und Präsident der Alpgenossenschaft Säntisalp, er war Mitinitiant der Alpkäserei auf der Schwägalp und der Holzschnitzelverwertungsgenossenschaft in Schönengrund, darüber hinaus wirkte er in verschiedenen Kommissionen mit. Doch nun, mit 62 Jahren, fühlt sich Melchior Scherrer oft als ein «altes Mannli». Dies obwohl er einen Bagger besitzt und damit für Kunden Erdbewegungen ausführt, obwohl er immer wieder auf dem Bau als Zimmermann Arbeit findet und den Sommer über auf der Säntisalp sennt.

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War der biblische Melchior je nach Lesart ein König oder Weiser, so fehlt Melchior Scherrer die Lebensaufgabe, das was ihn einst selbst zum König machte.

Guido Berlinger-Bolt

In der diesjährigen Adventsgeschichte der Appenzeller Zeitung wird das Personal der populären Weihnachtsgeschichte ins Zentrum gestellt. Der Reihe nach porträtieren wir heute lebende Namensvetter der Krippenfiguren.