Knieprobleme im dritten Lebensjahr

Kein Haustierbesitzer ist glücklich darüber, wenn er mit seinem Vierbeiner den Tierarzt aufsuchen muss. In der Kleintierklinik in Nesslau sind die Tiere aber gut aufgehoben. Ein Augenschein.

Martina Signer
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Der erste Schnitt sitzt. Rahel Wickli assistiert, um die Patellaluxation, das wiederholte Rausspringen der Kniescheibe aus ihrer Grube, zu beheben. (Bild: Martina Signer)

Der erste Schnitt sitzt. Rahel Wickli assistiert, um die Patellaluxation, das wiederholte Rausspringen der Kniescheibe aus ihrer Grube, zu beheben. (Bild: Martina Signer)

«Also Spatz, es geht gleich los», sagt Daniel Leutenegger in Richtung der Mischlingshündin Betty, welche bereits eine Beruhigungsspritze erhalten hat. Die Besitzer haben die Hündin noch keine vier Wochen und haben in dieser Zeit häufiges Hinken festgestellt. Betty stammt aus Rumänien. Einer von tausenden Strassenhunden, die in der Schweiz ein neues Zuhause gefunden haben. Betty ist tapfer. Sie erträgt die Spritze ohne Murren. Ihr Herrchen bleibt bei ihr, bis sie eingeschlafen ist.

Schlingende Bulldogge und unerwartete Probleme

Im Sprechzimmer nebenan wartet eine junge Frau mit ihrer Englischen Bulldogge Lisa auf Daniel Leutenegger, der die Kleintierklinik zusammen mit seiner Frau Carla Leutenegger leitet. Hündin Lisa wird bald vier Jahre alt. Und sie war zu gierig. Sie hat vor einigen Wochen ein Hundespielzeug verschluckt und musste operiert werden. Am Montag dann der Schock. Lisa hatte schon wieder etwas verschlungen: Einen Maiskolben, der vom Grillabend übrig geblieben war. «Dann mussten wir sie natürlich noch einmal operieren und die erst vor kurzem verheilte Wunde erneut öffnen», sagt Leutenegger, der Lisa liebevoll über den Kopf streichelt und ihr ein Leckerli gibt. «Wir haben schon ganz andere Dinge aus Hundemägen entfernt.» Zum Beispiel ein Portemonnaie. «Aber das hat sich nicht gelohnt, es war leer», witzelt der Tierarzt und wendet sich nach der Wundkontrolle gleich wieder an Lisa: «Tschüss Maus. Du warst heute eine ganz Feine.» Daniel Leuten­egger geht mit einer Ruhe an die Tiere heran, die beispielhaft ist. Hund und Katze spüren das und sind deutlich weniger nervös, als es der Normalfall ist. Trotz des Trubels bleibt der Veterinär konzentriert und bedacht. Denn schon um 7 Uhr waren drei Hunde im Wartezimmer und viele weitere Vierbeiner werden ihnen diesen Vormittag noch folgen.

Zurück zu Betty. Der Tierarzt erklärt ihrem Herrchen ganz genau, wo und was operiert werden soll. Schweren Herzens macht sich Bettys Besitzer danach auf den Weg und überlässt seine Hündin dem erfahrenen Team der Kleintierklinik. Sie wird geröngt und Daniel Leutenegger muss feststellen, dass nicht nur die Kniescheibe Probleme bereitet. Ausserdem hat sie am anderen Bein einen Kreuzbandriss, wurde an der Hüfte schon einmal operiert – wovon abgebrochene Nägel und Metalldraht auf dem Röntgenbild zeugen – und ihr Rücken sieht ebenfalls nicht gut aus. Sie ist erst zweieinhalb Jahre alt.

Das Tierheim ist eine Herzensangelegenheit

Nach Rücksprache mit Bettys Besitzer wird die Hündin in Narkose versetzt. Die Operation beginnt nicht wie geplant am rechten Bein mit dem Kreuzbandriss, sondern am linken, wo die Kniescheibe immer wieder aus einer Grube des Oberschenkelknochens springt. Die Operation beginnt und die Hündin wird genaustens überwacht. Was macht die Sauerstoffsättigung, wie hoch ist der Puls und geht der Atem regelmässig? Nicht immer. Als Daniel Leutenegger das mit Knorpel überzogene Gelenk öffnet, geht es Betty schlechter. Ihre Atmung wird unruhig. «Sie spürt nichts bewusst», sagt der erfahrene Tierarzt. Doch die Schmerzimpulse sind trotzdem zu stark. Die Morphiumzufuhr wird leicht erhöht. «Es ist immer eine Gratwanderung. Wir wollen die Narkose so leicht wie möglich, aber so stark wie nötig machen.» Dies, um den Körper der Hündin nicht zu stark zu belasten.

Nach der geglückten Operation warten auf Daniel Leutenegger weitere Patienten. Auch seine Frau sowie Kleintierärztin Nadja Bösch haben heute viel zu tun und häufig sind alle Sprechzimmer besetzt. Zum Beispiel mit einer Hündin, die ungewollt gedeckt wurde und eine Abtreibungsspritze braucht. Oder mit dem kleinen Kater, der sich den Oberschenkel gebrochen und die Hüfte ausgerenkt hat. Auch eine Katze mit Zahnstein will behandelt werden und eine übergewichtige Hündin braucht eine Impfung. Ausserdem hat eine Englische Bulldogge aus der angrenzenden Tierpension gelblichen Ausfluss am Auge. Sie verbringt, wie einige andere Hunde und Katzen, ihre Ferien in Nesslau. «Die Einnahmen der Tierpension sowie der Kleintierklinik helfen uns, das Tierheim mitzufinanzieren. Dennoch wirft das Heim kein Geld ab. Es ist eher ein Verlustgeschäft. Aber es ist eine Herzensangelegenheit von meiner Frau und mir, herrenlose Tiere zu vermitteln.» Es sind dies pro Jahr rund 150 Katzen und 50 Hunde, die geimpft, gechipt und rundum gut versorgt abgegeben werden. «Das Geld, welches wir für die Tiere verlangen, reicht bei weitem nicht aus, um die Kosten zu decken. Deshalb sind wir immer auf Spenden angewiesen.»