Klangkultur und Innigkeit

Das deutsche Minguet-Streichquartett präsentierte zum 10-Jahr-Jubiläum der «Herzogenberg-Musiktage» in Heiden ein beeindruckendes romantisch-klassisches Programm.

Ferdinand Ortner
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heiden. Ein Kammermusikprogramm mit Klasse bot das renommierte deutsche Minguet-Streichquartett am Samstag in Heiden bei den international etablierten «Schumann- und Herzogenberg-Tage», die heuer vom 12. bis 16. Mai stattfanden.

Die Vortragsfolge umfasste natürlich auch ein Werk des Komponisten Heinrich von Herzogenberg (1843–1900), der Ende des 19.

Jahrhunderts in Heiden ein Ferienhaus besass und dessen Kompositionen – lange Zeit in Vergessenheit geraten – seit etwa einem Jahrzehnt auf Initiative von Andres Stehli zu Recht wieder entdeckt und aufgeführt werden.

Beim Konzert im historischen Biedermeiersaal des Hotels «Linde» kamen auch Streichquartette von Joseph Haydn (1732–1809) und Robert Schumann (1810– 1856), dessen 200. Geburtsjahr die Musikwelt heuer feiert, zur Aufführung

Das Minguet-Quartett zeigte sich in bester Verfassung, agierte sehr engagiert, musikalisch kompetent und erfreute mit empfindsamer Spielkultur, rhythmischer Homogenität und Präzision. Der souveräne Primgeiger Ulrich Isfort führte das feinnervige Ensemble behutsam und brillierte mit weichem tragfähigen Ton. Er korrespondierte mit dem versierten Cellisten Matthias Diener, der Violinpartnerin Annette Reisinger und der Bratschistin Aroa Sorin optimal.

Die Streicherinnen brachten sich mit fraulichem Gefühl ein und trugen wesentlich zur ausgewogenen Klangbalance bei.

Das Quartett erfüllte die anspruchsvollen Kompositionen mit pulsierendem Leben – nicht nur die Haydn- und Schumann-Quartette –, sondern vor allem auch das Streichquartett in G-Dur, op. 42 Nr. 3 von Heinrich von Herzogenberg, das den Konzertabend beschloss.

Spielerisch-natürliche Dialoge

Mit dem erfrischend lebendigem Vortrag von Joseph Haydns Streichquartett in D-Dur, op. 64/5 («Lerchenquartett») gelang ein bezaubernder Konzertauftakt. Im einzigartigen Allegro-Kopfsatz faszinierte die wunderschöne Melodie der ersten Violine, die sich wie ein Vogelruf erhob und dann jubilierend entfaltete. Beeindruckend die leichtfüssig strömende Melodik, die spielerisch-natürlichen Dialoge und die Transparenz des Ausdrucks!

Die ariose Kantilene des Adagio – ein inniges Liebeslied – blühte voll auf. Das neckische Menuett, ein Kabinettstück eleganter motivischer und kontrapunktischer Arbeit, liess auch ernstere Töne anklingen. Das brillante Finale bestach durch graziöse Leichtigkeit und Virtuosität.

Emotionales Feuerwerk

Mit Sensibilität, Klangsinnlichkeit und Virtuosität konnte das Minguet-Quartett dann vor allem auch beim Streichquartett in A-Dur von Robert Schumann beeindrucken, dem mitreissendsten seiner drei Streichquartette op.

41. Auf den dynamisch und aussagekräftig musizierten ersten Satz – mit prägnantem Allegro-Hauptthema und kontrastierendem gesanglichen zweiten Thema – folgten ein dynamisch gespieltes figurenreiches Scherzo mit vier kunstvollen Variationen und ein rondoartiger kantabler Adagio-molto-Satz – poetisch in reizende Klangfarben gekleidet. Im schwungvollen tänzerischen Finale zündete das Quartett mit spielerischer Eleganz ein emotionales Feuerwerk.

Herzogenberg gerecht geworden

Das Streichquartett in G-Dur von Heinrich von Herzogenberg – das er dem befreundeten Johannes Brahms zugeeignet hatte – erwies sich als hochkarätige romantische Kammermusik von hohem künstlerischen Anspruch. Diesem wurde auch das Minguet-Quartett, dem Herzogenbergs Kammermusik durch Einspielungen bestens vertraut ist, überzeugend gerecht.

Spannungsgeladen und vital musiziert, leuchteten die wunderschönen Kantilenen und lebendigen Dialoge auf. Aufwühlende Crescendi und stürmische Ausbrüche zogen die animierten Zuhörer in ihren Bann. Der harmonisch dichte Kopfsatz erstrahlte in volksnaher Melodik. Im schwelgerisch klangschönen Andantino berührten melodische Schlichtheit und poetischer Zauber, während das galante Menuett durch spielerische Leichtigkeit beeindruckte.

Zum krönenden Höhepunkt gestaltete das Minguet-Quartett den grandiosen Finalsatz mit seiner reichen musikalischen Substanz und den virtuosen Effekten. Mit der träumerischen «Kavatine» von Erwin Schulhoff als Zugabe klang der Abend aus.