Appenzeller Kirchen in Zeiten des Coronavirus: Das Vaterunser kommt per Livestream

Kirchliche Veranstaltungen sind grösstenteils untersagt. Künftig werden Gottesdienste via Livestream abgehalten und schriftliche Predigten aufgeschaltet. Die Kirchen rufen auch dazu auf, jeden Donnerstagabend eine Kerze anzuzünden.

Janine Bollhalder
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Wegen der Corona-Krise wird der Gottesdienst gestreamt.

Wegen der Corona-Krise wird der Gottesdienst gestreamt. 

Bild: Alessandro Crinari 

Für fleissige Kirchgänger ist der Gang ins Haus Gottes vorerst nur beschränkt möglich.

Der Bund hat verlauten lassen, dass Gottesdienste, Konfirmationen, Hochzeiten, Taufen und jegliche Zusammenkünfte in der Kirche bis mindestens am 19. April untersagt sind.

Eine Ausnahme gibt es: Beerdigungen im engen Familienkreis dürfen stattfinden.Es werden nun Alternativen zum Gottesdienst vor Ort gesucht.

Koni Bruderer, Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Landeskirche beider Appenzell sagt: «Die Pfarrerinnen und Pfarrer werden nun wöchentlich auf schriftlichem Weg eine Predigt oder eine biblische Besinnung verfassen, welche wir dann auf unserer Website aufschalten.» Die Rubrik nennt sich «Geistliches Wort». Die Seelsorge werde fortan telefonisch geregelt oder über die elektronischen Medien – etwa via E-Mail. «Das Seelsorgegeheimnis wird natürlich aufrechterhalten.»

Social Distancing gilt auch in der Kirche

Die Kirchen dürfen trotz der angespannten Lage offen bleiben. «Man kann dort immer noch beten oder eine Kerze anzünden», sagt Koni Bruderer. Die Kirchgemeinden werden dafür sorgen, dass es keine Versammlungen gibt. «Unser Personal achtet darauf, dass keine Gruppen die Kirche betreten», sagt Bruderer. Der Friedhof stehe offen, allerdings gilt auch hier: Abstand zu den Mitmenschen wahren.

Gar nicht glücklich über die aktuelle Situation ist Irma Giovanoli aus Heiden. «Mein Mann und ich sind fleissige Kirchgänger. Wir haben oft sonntags den Gottesdienst besucht», sagt sie. Dass dies nun nicht mehr möglich ist, stimmt sie nachdenklich. Das Ehepaar sei «schon ein älteres Semester», habe nur Radio und Telefon. Ein kommunaler Gottesdienst via Radio statt vor Ort in der Kirche wäre daher eine Alternative für Irma Giovanoli. Aber alleine in die Kirche gehen, das werde sie nicht: «Wenn, dann gehe ich mit meinem Mann. Und beten kann ich auch zu Hause.»

Auch in Appenzell und Urnäsch wird der kirchliche Alltag dem Corona-Virus angepasst. Pfarrer Mike Lotz von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Appenzell sagt:

«Wir werden Videoübertragungen der Predigten machen.»

Er sei derzeit involviert, den Einkaufsdienst für Senioren zu organisieren, was in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche und in Koordination mit dem Kanton geschehe.

Pfarrer Markus Grieder von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Urnäsch ist ebenfalls mit der Einkaufshilfe beschäftigt. Er setzt sich für gefährdete Menschen ein, die nicht auf Familie oder Nachbarn zurückgreifen können. Er sagt:

«Es ist berührend schön, zu sehen, wie gut die allgemeine Nachbarschaftshilfe funktioniert. »

Erfahrungsgemäss gäbe es aber immer einzelne Menschen, die zwischen den Maschen hindurchfallen und alleine dastehen.

Nachts alleine in der Kirche

Die katholische Pfarrei Teufen-Bühler-Stein hat Anfang Woche ein 24-Stunden-Gebet organisiert. Von Montag- bis Dienstagabend war die Kirche im Stofel Teufen geöffnet und lud zum stillen Gebet, zum Schweigen und zur Meditation ein.

Pfarreileiter und Diakon Stefan Staub berichtet, dass dieses Angebot Anklang gefunden hat: «Wir haben zwischen 60 und 80 Personen in der Kirche begrüssen dürfen.» Ein Teil davon auch nachts. Der Diakon ist fast sicher, dass keine Stunde verging, in der sich niemand in der Kirche aufhielt. Aber: «Soweit ich das beobachten konnte, ist das Social Distancing diszipliniert eingehalten worden.» Die Kirche in Teufen hat 300 Sitzplätze. So hatten die Personen – maximal zehn an der Zahl zur gleichen Zeit – genügend Platz, sich zu verteilen.

Auf das Verbot kirchlicher Zusammenkünfte erlebe Staub verständnisvolle Reaktionen. «Trotzdem haben einige Personen das Bedürfnis, in dieser ausserordentlichen Lage einen spirituellen Raum aufzusuchen.» Das bemerke er am Verbrauch der Gebetskerzen.

Die katholische Kirche suche hat nach alternativen Angeboten. Um ein Zeichen zu setzen, wird die Kirchgemeinde Teufen-Bühler-Stein am kommenden Sonntag um 12 Uhr mit Glockengeläut zur Stille, Gedenken, Innehalten für einen Moment aufrufen. Stefan Staub ist überzeugt:

«Ein solcher Akt verbindet und stärkt die Menschen auf eine besondere Weise.»

Auch Kirchgänger Alfons Angehrn, Hypnotherapeut und Lifecoach aus Teufen, ist angesichts der Lage betroffen. Als Präsident der Kirchverwaltung Teufen-Bühler-Stein Nord will er für die Menschen da sein – auch mit Alternativen zum realen Gottesdienst. «Wir prüfen, was mit digitaler Technik möglich ist. Eine Hotline der Seelsorgenden ist bereits aufgeschaltet worden. Wir denken auch daran, Gedankenimpulse und Gebete in Form von Youtube-Beiträgen zu veröffentlichen. Die Menschen sollen spüren, dass wir in dieser Notsituation für sie da sind.» Angehrn betont: «Beten ist überall möglich – ich zum Beispiel bete gerne beim Spazieren.» Und er fügt an:

«In Gedanken bei betroffenen Menschen sein, ist auch eine Form von beten.»

Gemeinschaftsaktion

Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) sowie die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) rufen alle Menschen dazu auf, jeweils am Donnerstagabend um 20 Uhr eine Kerze anzuzünden und sie sichtbar vor dem Fenster zu platzieren. Dies als Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit in der Zeit des Corona-Virus. Ausserdem sind alle eingeladen, zu beten – für Erkrankte, für deren Angehörige, für Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten und solche, die sich aufgrund der Lage einsam fühlen. Die Aktion soll bis am Gründonnerstag andauern, das ist der 9. April.

Hinweis:
Livestream des Gottesdienstes aus der Kathedrale St. Gallen unter: bistumsg-live.ch

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