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KIRCHBERG/LUZERN: Endo Anaconda: «Eigentlich wollte ich Gangster werden»

Er gehört seit rund drei Jahrzehnten zur Schweizer Musikszene und begeistert schweizweit das Publikum mit seinen poetischen Texten. Am Samstag kommen Endo Anaconda und Stiller Has nach Kirchberg in die «Eintracht».
Urs M. Hemm
Endo Anaconda, der Frontmann von Stiller Has, geniesst den Moment. (Bild: Boris Bürgisser)

Endo Anaconda, der Frontmann von Stiller Has, geniesst den Moment. (Bild: Boris Bürgisser)

Er gehört zu den Altgedienten der Schweizer Mundart-Musikszene und prägt seit 30 Jahren mit Stiller Has dieses Genre: Endo Anaconda. Im Interview spricht er über Vergangenes, seine Pläne, seine Motivation und über seine Liebe zum Publikum. Am kommenden Samstag, 20. Januar, tritt er mit einer neuen Formation und ihrem letzten Werk Endosaurusrex in der «Eintracht» in Kirchberg auf.

Sie hatten in der Vergangenheit bereits Auftritte in Mogelsberg, an den Jazztagen Lichtensteig, aber auch in Kirchberg. Was verbindet Sie mit dem Toggenburg?
Es sind schöne, teils aber auch schmerzhafte Erinnerungen. Denn ich bin 185 Zentimeter gross und habe mir schon öfters den Kopf an niedrigen Türrahmen gestossen. Das Toggenburg hat aber etwas Magisches, sodass man beinahe zum Mystiker werden könnte. In der Beziehung hat es eine grosse Ähnlichkeit mit dem Emmental, wo ich lebe.

Wie erleben Sie das Toggenburger Publikum?
Ich mag die Toggenburger gerne. Um beim Vergleich mit dem Emmental zu bleiben: Sie reagieren sicherlich schneller auf unsere Stücke, als die Leute in meiner Heimat.

Haben Sie das Toggenburg einmal privat kennen gelernt?
Früher, als mein Cabrio noch nicht abgewrackt im Keller stand, habe ich damit die schöne Gegend und das gute Essen hier genossen. Es hat viele schöne Kurven, obwohl ich ein vorsichtiger Fahrer bin. Ich mache pro Jahr zwischen 40000 und 50000 Kilometer im Auto. Zudem starb mein Vater bei einem Verkehrsunfall. Daher halte ich mich strikt an die Regeln. Darüber hinaus fuhr ich während vier Jahren ein Behindertentaxi. Dabei fuhr ich teils Menschen mit Glasknochen, was einem das vorsichtige Fahren lehrt, denn der kleinste Unfall hätte verheerend sein können. Heutzutage habe ich ohnehin Respekt im Verkehr, vor allem auf der Autobahn. Mit meinem Skoda bin ich eh kleiner als alle die SUV, die auf der Strasse sind. Den Wagen hatte ich ursprünglich gekauft, um etwas Gutes für die Umwelt zu tun – bis der Dieselskandal kam. Heute nenn ich mein kleines Kohlekraftwerk nicht mehr Oktavia, sondern Stalin.

Bleibt Ihnen während Ihren Aufenthalten, beispielsweise vor dem Konzert, auch mal die Zeit, sich ein wenig im Ort selbst oder Umgebung umzusehen?
Ein Grund, warum ich noch immer selber fahre, ist, dass ich mir die Gegend anschauen kann. In erster Linie bin ich aber vor jedem Auftritt nervös. Die Band lässt mich auch ein paar Stunden vor einem Konzert in Ruhe. Das ist wohl der Altersbonus. Diese Band ist ein richtiger Glücksfall für mich, quasi ein vierter Frühling.

Wie verbringen Sie die Zeit zwischen Soundcheck und Auftritt?
Mit 62 bin ich in einem Alter, in welchem ich zusehen muss, dass ich alle Texte behalten kann. Also nutze ich die Zeit und sehe mir die Lieder des Abends noch einmal durch. Es ist leider einfach so, dass ich mir bestimmte Dinge nicht mehr so gut merken kann, dass man mir Sachen manchmal zweimal sagen muss. Zur Unterstützung habe ich immer Textblätter mit auf der Bühne. Diese geben mir eine gewisse Sicherheit, weil ich nicht mehr zweieinhalb Stunden Konzert singen kann. Zumal die meisten meiner Songs viel Text haben.

Mit Ihrem Album Endosaurusrex füllen Sie wiederum schweizweit die Konzertsäle. Wie wichtig ist Ihnen der Erfolg?
Erfolg ist relativ. Seien es Titel wie «Bestverkauftes Album» oder «Bestes Schweizer Album» – ich bin einfach froh, wenn ich meine laufenden Ausgaben durch die Musik bezahlen kann. So bin ich beispielsweise für drei «Glücksfälle» unterhaltspflichtig. Erfolgreich sein ist für mich keine Frage der Quantität, sondern, wenn das Publikum und die Musiker Freude an der Musik haben. So bin ich auch nicht auf Facebook. Das Publikum an unseren Konzerten ist mein Facebook. An den Liveauftritten hole ich mir meine «Likes». Ich bevorzuge den direkten menschlichen Kontakt, das Eins-zu-Eins Sein mit dem Publikum. So gehe ich auch nicht im Supermarkt an diese elektronischen Kassen, sondern suche den Kontakt mit der Kassierin. Vor allem für ältere Menschen sind solche Entwicklungen kein Fortschritt.

Was bedeuten Ihnen Liveauftritte?
Wenn ich zwei Wochen lang nicht auftrete, werde ich depressiv. Oder zumindest Proben brauche ich. Ich spiele wirklich sehr gerne und geniesse die Interaktion mit dem Publikum.

Wie viele Liveauftritte haben Sie bisher mit den Songs von Endosaurusrex gehabt?
Insgesamt waren es rund 50 und 20 stehen uns bevor. Ich hoffe aber, dass im Sommer noch ein paar Auftritte an kleineren Openair-Festivals dazu kommen. Mit den grossen Anlässen kann ich mich immer weniger identifizieren. Denn das heutige Publikum kommt weniger wegen der Musik, sondern um Party zu machen, sich zu treffen und eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Da würde es manchmal reichen, einen DJ anzustellen.

Wie schwierig war es in der Anfangszeit, in der Schweizer Szene Fuss zu fassen?
Es war immens schwierig. Wir haben die ersten zehn Jahre vor etwa 20 Leuten gespielt. Durch einen Trick spielten wir gleich nach der Wende sogar in der DDR. Da sassen teils im Publikum sieben Zuschauer. Ich dachte nie daran, mit der Musik Geld verdienen zu können – in diesem Alter wollte ich eigentlich Gangster werden. Insofern hat mich am Schluss die Musik vor einer schiefen Laufbahn gerettet. Aber es brauchte viel Durchhaltevermögen – viele Weggefährten haben auch aufgegeben. Dennoch zweifle ich noch heute an mir, denn ich kann weder ein Instrument spielen noch singen. Zum Glück habe ich jeweils eine gute Band.

Dann war es aber ein mutiger Entscheid, für Endosaurusrex die Band komplett neu zu formieren…
Todessmutig war es. Es war ein Glücksfall. Als es mit der alten Band auseinanderfiel, habe ich wie ein Hund gelitten. Es war wie in einer Beziehung. Wenn man sich derart geliebt hat, verrennt man sich plötzlich in Eifersucht, Besitzansprüche und Verletzlichkeit, dass von beiden Seiten her kein Schritt mehr aufeinander zugegangen wird. Alles ist falsch. Eigentlich will niemand, dass es auseinandergeht, aber es funktioniert so einfach nicht mehr, weil jeder Satz, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Wenn die Freude nicht mehr da ist, dann geht es nicht mehr. Letztendlich geht es beim Projekt Stiller Has aber darum, dass ich der Chef bin. Eine neue Band zu formieren war sicher ein Risiko, aber mit diesen grossartigen, individuellen Musikern läuft es wieder sehr gut. Dennoch verfolgt neben «Stiller Has» jeder auch seine eigenen Karriere.

Ihre Texte sind poetisch, manchmal verzweifelt, manchmal ironisch-anklagend. Was genau suchen Sie, was Sie jedoch bisher noch nicht gefunden haben?
Das Ziel ist der Weg. Ich bin ein gesellschaftlicher und ein politischer Mensch – die Entwicklungen auf der Welt lassen mich nicht kalt. Speziell das Album Endosaurusrex hat für mich fast etwas Chronistisches, indem ich mich mit solchen Themen auseinandersetze.

In welchen Situationen haben Sie die Ideen für Ihre Songs?
Es gibt Sternstunden, in denen Texte von selbst kommen. Im Gegenteil dazu habe ich ein ganzes Dossier mit Ideen, die ich einfach noch nicht auf den Punkt bringen kann. Denn es muss bei mir immer eine gewisse Portion Humor, vor allem aber Sarkasmus beinhalten, sonst wird es unerträglich. Dennoch müssen die Texte geerdet sein, damit sie nicht verletzend sind.

Sie sind 62 Jahre alt und könnten den Ruhestand nach bald 30 Jahren Bühnenpräsenz geniessen. Was treibt Sie dennoch an, haben Sie nicht schon alles in Ihren Stücken verarbeitet?
Ruhestand bedeutet Altersarmut. Ich bleibe auf der Bühne, so lange ich kann, ausser, es würde peinlich werden. Auf jeden Fall aber möchte ich nicht wie Jopie Heesters mit 104 noch auf der Bühne stehen, – das wirkt unglaubwürdig.

Passen Sie für Ihre Auftritte die Sets je nach Spielort an oder spielen fix Ihr Programm durch?
Wir haben einen geplanten Ablauf. Aber je nach Aktualität passen wir die Auswahl der Stücke und die Reihenfolge an. Dass Donald Trump in die Schweiz kommt, spielt mir in die Hände, um ein paar bissige Bemerkungen loszuwerden. Auch gibt es Stücke, die gut zur Thematik und wie die Faust aufs Auge passen.

Wo tanken Sie neben der Bühne Ihre Kraft?
Vor allem im Bett. Nach zwei Auftritten wie jetzt in Luzern schlafe ich zwei Tage. Dies ist vor allem meiner körperlichen Konstitution nach meiner Tumoroperation geschuldet.

Machen Sie Pläne für die Zukunft?
Die Tournee geht noch bis Mitte 2019 und ein neues Album ist in Arbeit. Vor allem aber lebe ich den Moment. Insbesondere nachdem zwei alte Weggefährten, Polo Hofer und Hanery Amman, von uns gegangen sind.

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