KIRCHBERG: Mit Herz, Hirn und Bauch

Der Flawiler Liedermacher Wolfgang Egli ist Richter, in der Freizeit Musiker. Am Samstag war er mit seinem Kreisrichterkollegen Daniel Weniger bei Open Ohr zu Besuch.

Michael Hug
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Als Kabarett-Duo Weniger Egli mehr Erfolg als in 35 Jahren als Musiker: Wolfgang Egli und Daniel Weniger (von links). (Bild: Michael Hug)

Als Kabarett-Duo Weniger Egli mehr Erfolg als in 35 Jahren als Musiker: Wolfgang Egli und Daniel Weniger (von links). (Bild: Michael Hug)

Michael Hug

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Im Rehwald – der Naherholungszone seiner Wohngemeinde Flawil – hat Wolfgang Egli noch nie Rehe gesehen. Obwohl sie da sind, oder da waren, denn aus irgendeinem Grund hat ja irgendjemand dem Wald seinen Namen gegeben. Das Problem, lange als keines gesehen, manifestiere sich nun in der Folgegeneration. Seinen Kindern beizubringen, dass der Wald, in dem es nebst den vermissten Rehen auch einen Waldkindergarten gibt. Dass die Tiere, die an guten Tagen in hoher Zahl herumrennen, Hunde sind, fällt ihm schwer. Für die Kinder sind die Hunde im Rehwald Rehe, was zu Problemen ausserhalb des Waldes führt. Auch am Hirschberg in Gais: «Ich habe da noch nie Hirsche gesehen, dafür viele Hunde», singen Weniger Egli. Eine verdrehte Welt. In Hundwil stehe man wenigstens dazu, meinen Wolfgang Egli und Daniel Weniger.

In Mallorca auf der faulen Haut

Weniger Egli aus Flawil singen vom Alltag und seinen bisweilen skurrilen Erscheinungen. Manchem ist da nur mit Ironie zu begegnen, siehe Beispiel «Rehwald». Oder mit Sarkasmus im Song «Dä Böni». Der Böni, sein Chef, kann es sich leisten, in Mallorca auf der faulen Haut zu liegen: «... und i laufe do em Tag hinedrii ...». Derweil Böni sich mit Freundin und Porsche verlustiert, putzt er, Egli, den Mercedes von Bönis Frau. Und selbst dann, als Böni «sich d Kugle gitt», hat er es besser, denn er liegt ja jetzt wieder auf der faulen Haut. Wolfgang Egli, der Teil des Duos, der die Texte macht, beobachtet seine Umwelt gut. Selten hebt er jedoch den Zeigefinger. Im Song «Änderige» meint er dennoch zuerst: «Die Änderig vo de Änderig, wommer gänderet hegi do – heg mer nomoll gänderet bi de Änderig öbernooh.» Doch dann: «Obwohl er alles änderet, äs änderet nüt er Chälber – wenn er so gern änderet, änderet doch eu sälber!»

36 Jahre Mundartkarriere

Als Piggnigg begründeten Egli und Weniger ihre nun schon 36 Jahre anhaltende Mundartkarriere. Als Duo Er & i unterhielten sie Hochzeitsgesellschaften. «Fliegen oder abstürzen war die Wahl», sagte Wolfgang Egli 2006, als Piggnigg vorläufig gestorben und Er & i neu erfunden war, «wir wählten das Prinzip Blauwal: abtauchen und immer wieder an die Oberfläche kommen.» Vor zwei Jahren kamen sie als Weniger Egli an die Oberfläche und machten gleich einen Sprung über das Wasser. Weniger Egli scheint die Form zu sein, die erst jahrelang reifen musste, bis sich das Substrat, der Kern, herausbildete. Entdeckt wurde dieser Kern jedoch nicht in Flawil, nicht in der Ostschweiz, deren Dialekt die beiden so liebevoll vertreten, sondern in der Nordwestschweiz, am Oltner Kabarett-Casting. «Macht doch aus eurem Musikprogramm ein Kabarettprogramm!», lautete da der Rat der weisen Kabarettmacher.

So entstand das Bühnenprogramm von Weniger Egli. Ein Liederprogramm, durchsetzt von kabarettistischen Elementen, böser Ironie bis hin zur Satire. Es ist der tägliche Wahnsinn, das Absurde und Widersprüchliche, das der Mensch nicht aussprechen mag – oder an das er sich schon längst gewöhnt hat. Wolfgang Egli und Daniel Weniger nehmen es auf, tragen es auf die Bühne – und lösen damit auch ein Ventil in ihnen selbst. Beide Flawiler sind Freunde seit dem Sandkasten, durchliefen die gleiche Berufslaufbahn, wohnen mit ihren Familien im gleichen Haus und arbeiten heute als Kreisrichter Büro an Büro. Obwohl im Berufsalltag oft mit menschlichen Abgründen konfrontiert, fliessen aus dem Gerichtsaal – ausser im Umgang mit Worten und Texten (siehe Kasten) – keine Inspirationen in ihre Liedertexte. Diese holt der Songschreiber Egli aus seinem privaten Alltag. Da macht er die Beobachtungen, die eigentlich jeder machen kann, wenn er oder sie einen Schritt zurücksteht: «Ab und zue ä Spüürli Schliim isch absolut legitim – do bisch du no lang kain Schliimer – anderi sind do no vill schlimmer!»

Herr Weniger, wie bringen Sie Beruf und ihre Musikerkarriere aneinander vorbei?

Als Richter haben wir einen Anstellungsgrad von 80 Prozent und können unsere Termine und Arbeitszeit recht frei einteilen. Öfters arbeiten wir dafür halt auch am Sonntag oder in der Nacht. Bei Terminproblemen müssen wir manchmal auch auf Auftritte verzichten.

Wie ist es, vor Publikum aufzutreten, das Sie auch als Richter kennen könnte?

Wir wollen keine abgehobenen Richterfiguren sein. Wir haben Achtung vor unserem Publikum und auch vor unseren Kunden am Gericht. Auch wir sind Menschen, aus Fleisch und Blut, mit Herz, Hirn und Bauch.

Wie kommen Ihre Texte zustande oder wer macht sie?

Die Texte macht Wolfgang Egli. Er geht mit offenen Augen und wachem Geist durchs Leben. Die Geschichten finden sich dann von selbst. Diese in Texte umzusetzen, ist allerdings harte Arbeit.

Beeinflusst Ihr Beruf Ihre Texte?

Juristen haben eine Affinität zum Wort. Es ist ihr Hauptwerkzeug. Es gibt und gab immer Juristen, die dieses Werkzeug nicht nur in ihrem Beruf, sondern auch zum Spass gebrauchen/gebrauchten. Das berühmteste Beispiel in der Schweiz ist Mani Matter. Als Richter schärft man naturgemäss den Blick für die menschlichen Eigenarten, die positiven wie auch die negativen, und vor allem auch die skurrilen. Aus dieser Optik können schon Texte entstehen.