KIRCHBERG: «Der Abschied fällt uns schwer»

Jeremias Treu, Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde, verlässt nach vier Jahren das Toggenburg und kehrt in seine Heimat Deutschland zurück.

Beat Lanzendorfer
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Pfarrer Jeremias Treu sitzt auf der Mauer vor der evangelischen Kirche in Kirchberg. Die Aussicht von hier Richtung Churfirsten und Säntis kann er nicht mehr lange geniessen. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Pfarrer Jeremias Treu sitzt auf der Mauer vor der evangelischen Kirche in Kirchberg. Die Aussicht von hier Richtung Churfirsten und Säntis kann er nicht mehr lange geniessen. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Beat Lanzendorfer

beat.lanzendorfer@

toggenburgmedien.ch

Geboren in der Nähe von Berlin, wuchs Jeremias Treu auf der Insel Rügen auf. Nach seinem Theologiestudium und darauf folgend verschiedenen Stellen im Osten von Deutschland, wurde er 2007 Gemeindepfarrer der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Barcelona. Gleichzeitig bekleidete er das Amt des Religionslehrers an der deutschen Schule in der spanischen Metropole. Seit 2013 ist der heute 55-jährige Gemeindepfarrer in Kirchberg.

Jeremias Treu: Sie sind seit August 2013 evangelischer Pfarrer in Kirchberg. Erklären Sie uns, warum Sie die Gemeinde nach knapp vier Jahren wieder verlassen.

Dafür gibt es nur einen Grund: Wir wollen wieder in der Nähe unserer zwei Töchter Luise und Ulrike und der Enkelkinder Ferdinand und Theodor sein. Die Berufstätigkeit von mir, meiner Frau und die unserer Kinder lässt es nur sehr selten zu, dass wir uns sehen. Auch können wir sie von hier aus schwer unterstützen. Wir sind gern Grosseltern und möchten die Enkel begleiten und unsere Kinder entlasten.

In Kirchberg haben Sie sich wohl gefühlt?

Aber selbstverständlich. Wir fühlen uns sehr wohl und finden die besten Bedingungen vor: eine lebendige Gemeinde und ein unterstützender Kirchenvorstand machen uns den Abschied nicht leicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass ich als Pfarrer in der Gemeinde ersetzbar bin, als Vater, Grossvater und Sohn bin ich es nicht. Wir vermissen den Kontakt zu unseren Kindern und Enkeln und möchten dabei sein, wenn die Enkel heranwachsen. Es macht uns das Herz schwer, so weit weg von allen zu sein, die uns jetzt brauchen. Diese Entwicklung war für uns so nicht absehbar.

Haben Sie die Schweizer auch als relativ zurückhaltend im Umgang mit Fremden empfunden?

Wir wurden hier in Kirchberg mit offenen Armen empfangen. Hier leben sehr viele Menschen aus sehr verschiedenen Ländern der Welt. Es ist ein gutes Miteinander. Unser «Solidarity-Treff» in Bazenheid ist ein lebender Beweis für die Gastfreundschaft und Sensibilität vieler Schweizer für Menschen aus der Fremde.

Was schätzen Sie an der Schweiz und im Besonderen an der Gemeinde Kirchberg?

Die Schweiz ist gut organisiert. Das macht das Leben einfacher. Die Menschen hier sind höflich und zuvorkommend. Das erlebt man nicht überall. Die Gegend hier ist ein Traum. Ich habe sie intensiv mit meinem Lauffreund Peter Künzle erkundet. Es gibt um Kirchberg wohl keinen Weg, den ich nicht joggend kennen gelernt habe. Das Pfarrhaus mit der Aussicht auf den Säntis ist wunderbar. Die Gemeinde Kirchberg ist ein schöner Ort zum Leben.

Sie waren vorher während sechs Jahren als Pfarrer in Barcelona tätig. Wo liegen die grössten Unterschiede in der Mentalität zwischen Spanien und der Schweiz?

In Spanien ist es ungewöhnlich, wenn jemand pünktlich kommt, hier in der Schweiz kann man sich darauf verlassen, dass die Zeit eingehalten wird. Selbst Jugendliche sind pünktlich. Die Schweizer sind zurückhaltender als die Katalanen. Man zeigt sich nicht gleich, verrät nicht alles. Freunde begrüssen sich hier mit drei Küssen, in Spanien küsst man nur zweimal. Das habe ich ein paar Mal falsch gemacht, zu wenig oder zu viel geküsst.

Sie siedeln nach Berlin über. Was übernehmen Sie für eine Stelle?

Im Amt für kirchliche Dienste werde ich die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden der Kirchgemeinden begleiten, werde Weiterbildungen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anbieten, die Arbeit mit jugendlichen Leiterinnen und Leitern fördern und entwickeln und Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit vernetzen. Das ist eine spannende und herausfordernde Arbeit.

Sind Sie eher ein Stadt- oder ein Landmensch, nachdem Sie jetzt beidseits genug Erfahrungen sammeln ­konnten?

Das kann ich gar nicht so klar sagen. Das Leben in der Stadt bietet viel. Man hat unglaubliche Möglichkeiten, aber es ist auch nicht so übersichtlich wie auf dem Land. Hier ist man der Natur viel näher und es wirkt auf dem Land alles etwas entschleunigt. Ich habe beides genossen.

Was werden Sie in Berlin am meisten aus Ihrer Schweizer Zeit vermissen?

Das kann ich jetzt gar nicht so sagen. Ich bin ja schon zehn Jahre aus Deutschland weg. Wenn ich zurückkomme, hat sich vieles verändert. Deutschland ist anders geworden. In vier Jahren sind mir hier viele Menschen vertraut geworden. Diese Vertrautheit muss ich wieder neu finden. Der Blick aus meinem Arbeitszimmer in Kirchberg hin zum Säntis wird mir sicher fehlen.

Wann ist Ihr letzter Arbeitstag und wann starten Sie in der deutschen Hauptstadt?

Wir feiern am 20. August noch einen «Mitenand»-Gottesdienst. Danach nehme ich ein paar Tage Urlaub und beginne in Berlin am 1. September.

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