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KINDERBETREUUNG: Tagesstrukturen sind noch spärlich

Regierungsrätin Heidi Hanselmann beantwortet Fragen rund um familien- und schulergänzende Betreuungsangebote. Pädagogisch wertvolle Angebote fördern die Kinder laut ihrer Aussage optimal.
Martina Signer
Regierungsrätin Heidi Hanselmann: «Im letzten Vierteljahrhundert ist der Anteil der erwerbstätigen Mütter um fast 20 Prozentpunkte gestiegen.» (Bild: Urs Bucher)

Regierungsrätin Heidi Hanselmann: «Im letzten Vierteljahrhundert ist der Anteil der erwerbstätigen Mütter um fast 20 Prozentpunkte gestiegen.» (Bild: Urs Bucher)

Martina Signer

martina.signer@toggenburgmedien.ch

Heidi Hanselmann, Sie waren Primarlehrerin und Logo­pädin vor Ihrer Wahl in den Regierungsrat. Gab es damals schon so etwas wie eine Tagesstruktur für Kinder, deren Mütter gearbeitet haben?

Vor zwanzig, dreissig Jahren war noch die klassische Rollenteilung vorherrschend: Der Vater arbeitete, die Mutter kümmerte sich um Kinder und Haushalt. Tagesstrukturen waren nur spärlich und mehrheitlich in städtischen Gebieten vorhanden. Berufstätige Eltern mussten die Kinderbetreuung darum meist mit Grosseltern oder Personen aus dem persönlichen Umfeld sicherstellen. Im letzten Vierteljahrhundert ist der Anteil der erwerbstätigen Mütter um fast 20 Prozentpunkte gestiegen (1991: 59,6 Prozent; 2015: 78,8 Prozent).

Wie sieht es im Kanton St. Gallen diesbezüglich aus? Gibt es genügend Angebote, damit Mütter Vollzeit arbeiten können?

Zahlen aus dem Jahr 2011 zeigen, dass der Versorgungsgrad (Anzahl Betreuungsplätze im Verhältnis zur Anzahl Kinder) im Vorschulbereich im Kanton St. Gallen bei 5 Prozent liegt. Der Kanton Zürich kam 2009 auf ­einen Anteil von 16,5 Prozent und der Kanton Zug sogar auf 17,6 Prozent. Allerdings: Zwischen den einzelnen Gemeinden im Kanton St. Gallen gibt es grosse Unterschiede, doch liegen dazu keine detaillierten Zahlen vor.

Kann man bei Angebot und Nachfrage regionale Unterschiede feststellen?

Der Bedarf ist nicht überall gleich. In Städten ist er höher als in ländlichen Regionen. Aus meiner Sicht muss die Betreuungssituation aber weiter verbessert werden. Ausserdem wird geprüft, wie die Finanzhilfen des Bundes in kantonale Förderprogramme und Projekte einfliessen können. Qualitativ gute Betreuungsplätze motivieren mehr Mütter, ihre Arbeitszeit zu erhöhen. Und je mehr Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, desto eher arbeiten Männer Teilzeit. Das sind Erkenntnisse aus der Studie «Familienergänzende Kinderbetreuung und Gleichstellung» des nationalen Forschungsprogramms.

Die Nachfrage nach ausser­familiärer Kinderbetreuung steigt. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Neue Familienmodelle und der Umstand, dass Frauen nicht auf eine Karriere verzichten möchten. Oft sind es aber auch finanzielle Gründe, dass beide Elternteile arbeiten müssen. Ein weiterer Grund ist sicher auch der Mangel an Teilzeitarbeitsstellen, insbesondere auch für Männer.

Wie wichtig ist eine flächendeckende Betreuungsmöglichkeit für eine Region wie das Toggenburg?

Untersuchungen zeigen, dass ein gut ausgebautes Angebot an familienergänzenden Betreuungsangeboten ein wichtiger Standortvorteil für eine Gemeinde ist, denn Eltern machen die Wohnortwahl ebenfalls vom Angebot an Kindertagesstätten abhängig. Auch für Arbeitgeber sind Gemeinden mit guten Betreuungsmöglichkeiten von Interesse, da an diesen Orten die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften höher ist. Das Verzeichnis der Kindertagesstätten im Kanton St. Gallen zeigt, dass die ­Abdeckung im Toggenburg bedeutend schlechter ist als in städtischen Gebieten oder den Regionen Rheintal, Werdenberg und Sarganserland.

Die Kinder, die eine ausser­familiäre Kinderbetreuung benötigen, werden immer jünger. Die Mütter warten die Babypause ab und wollen danach gleich wieder in ihren Beruf einsteigen, damit sie beim Arbeitgeber nicht in Vergessenheit geraten. Wie sehen Sie als Frau und ­Gesundheitschefin diese Entwicklung? ?

Ein nicht allzu langes Aussetzen verbessert sicher die persönliche Ausgangslage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, denn ihr berufliches Wissen bleibt erhalten. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist es auch für die Arbeitgeber positiv, wenn eine Frau nach der Babypause wieder in die Arbeitswelt einsteigen will. Ein Wiedereinstieg entspricht oft auch den Bedürfnissen der Frauen, da sie Familie und Beruf kombinieren möchten.

Was tut der Staat, um alleinerziehende Mütter bei der ausserfamiliären Kinder­betreuung finanziell zu unterstützen?

Die Kindertagesstätten im Kanton St. Gallen werden in der Regel von Vereinen oder von Gemeinden geführt und von der öffentlichen Hand subventioniert. Die Beiträge für die Eltern sind oft auf die Höhe der Einkommen abgestimmt. Eltern, welche ein kleines Einkommen haben, bezahlen beispielsweise günstigere Tarife

Ist es überhaupt lohnend, im Arbeitsmarkt Geld zu verdienen, und dies dann wieder für Kinderkrippen und ähnliches auszugeben?

Aus der finanziellen Perspektive betrachtet ist diese Frage berechtigt, denn eine Ganztagesbetreuung kostet pro Monat gut und gerne 2400 Franken. Das heisst, dass das verdiente Geld häufig von den ausserfamiliären Betreuungskosten aufgefressen wird. Es gibt aber auch die individuelle Perspektive, bei der Fragen wie Karriereplanung, persönliche Entwicklung und Zukunftspläne eine Rolle spielen. Somit kann der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt als Investition in die persönliche Unabhängigkeit betrachtet werden. Ganz grundsätzlich sollte sich Arbeit für die Frau genauso lohnen wie für den Mann. Zudem würde sich der Fachkräftemangel ohne den Wiedereinstieg der Frauen nochmals verschärfen. Darum müssen die Strukturen und die Finanzierung der Kinderbetreuung dringend angepasst werden. Bund und Kantone sollten beispielsweise höhere Steuerabzüge gewähren oder Betreuungsangebote stärker subventionieren. Verglichen mit anderen europäischen Ländern hat die Schweiz in diesem Bereich noch Luft nach oben.

Inwiefern fördern Angebote wie Kita, Tagesfamilien und Co. die Sozialkompetenz der Kinder?

Oft wachsen Kinder heute in einem Einelternhaushalt oder als Einzelkind auf. Kitas ermöglichen Kindern frühzeitig, sich in Gruppen einzuordnen und sich mit anderen Kindern auseinanderzusetzen. Familienergänzende Betreuungsangebote von guter pädagogischer Qualität haben positive Auswirkungen auf die Bildung, Sozialisation und Inte­gration der Kinder. Gut geförderte Kinder haben in der Schule Vorteile. Das kann dazu beitragen, dass später weniger Folgekosten für Förder- oder Interventionsmassnahmen anfallen.

Was halten Sie von einem Vaterschaftsurlaub? Könnte das den Druck auf junge Mütter verringern?

Junge Männer und Frauen wollen sich die Betreuungs- und Erziehungsarbeit gleichberechtigt aufteilen. In diesem Bereich hat die Schweiz noch viel Aufholbedarf, denn sie hat als einziges Land Europas keinen Vaterschaftsurlaub. Die Schweiz könnte sich einen Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen denn auch leisten. Das würde die Sozialversicherungen monatlich nur gerade mal so viel kosten wie einen Kaffee. Meine Vision geht aber noch weiter: Ich wünsche mir eine ausgedehnte, flexible Elternzeit, die sich beide Elternteile nach Bedarf aufteilen können. Ein solches Modell ist aus gleichstellungs-, wirtschafts-, familien- und gesellschaftspolitischen Überlegungen sinnvoll und zeitgemäss. Der Kanton St. Gallen als Arbeitgeber zeigt sich hier fortschrittlich: Väter haben nach der Geburt Anrecht auf fünf Tage bezahlten Urlaub innerhalb von vier Monaten. Ausserdem kann der 13. Monatslohn in Familienzeit umgewandelt werden.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

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