«Keine Welle der Erneuerung»

Mit der Abschaffung der kommunalen Ortsbildschutzzonen will der Kanton einen Anreiz zur Erneuerung der Altbauten geben. Heinz Naef-Stückelberger erklärt, warum es neben einer Beratungspflicht auch gesetzliche Leitplanken braucht.

Michael Genova
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Mit der Abschaffung der kommunalen Ortsbildschutzzonen wollen Kantonsrat und Regierung die Bautätigkeit in den Dörfern ankurbeln. (Bild: mab)

Mit der Abschaffung der kommunalen Ortsbildschutzzonen wollen Kantonsrat und Regierung die Bautätigkeit in den Dörfern ankurbeln. (Bild: mab)

Der Präsident des Ausserrhoder Hauseigentümerverbands hat am Wochenende gesagt, dass eine Abschaffung der kommunalen Ortsbildschutzzonen die Erneuerung der Dorfkerne erleichtern würde. Wie sehen Sie das?

Heinz Naef: Das Grundübel ist nicht die Ortsbildschutzzone, in der die Gebäude stehen, sondern deren Lage (an einer Strasse), das Umfeld oder der Preis. Ich bin nicht überzeugt, dass durch die Abschaffung der Ortsbildschutzzonen in den Dorfkernen plötzlich «schwierige Altbauten» renoviert oder ersetzt werden. Dass in Einzelfällen einzelne Investoren auch abgeschreckt werden, bestreite ich nicht. Wenn man jedoch rechtzeitig mit dem Denkmalpfleger Kontakt aufnimmt, ist vieles möglich. Zudem sind einige Baukommissionen grosszügig und haben in der Vergangenheit Bauten und Renovationen bewilligt, die in anderen Gemeinden nicht möglich wären.

Beinahe zu grosszügig?

Naef: In den vergangenen Jahren sind in Ortsbildschutzzonen Gebäude entstanden, die sich nicht unbedingt gut in die Dorfbilder einfügen. Einige Baukommissionen sind schon heute sehr kulant. Auch weil sie befürchten, dass sich ein Investor zurückzieht oder dass ein Betrieb wieder wegzieht. Deshalb glaube ich nicht, dass die Abschaffung eine Welle der Erneuerung auslösen würde.

Der Kantonsrat will die Ortsbildschutzzonen durch eine Beratungspflicht in Kernzonen ersetzen. Wäre der Schutz also trotzdem gewährleistet?

Naef: Ich finde eine Beratungspflicht für Bauherren sehr gut. Ohne Verbindlichkeit ist jedoch der Schutz nicht gewährleistet. Ich kann mir sogar vorstellen, dass man auch in der gesamten Bauzone eine solche Beratung einführt. Schon heute lassen sich die meisten Baukommissionen durch Denkmalpfleger Fredi Altherr beraten. Nur wurden seine Empfehlungen schon öfters ignoriert.

Sie sehen die rechtlich nicht bindende Beratungspflicht folglich als ein Risiko?

Naef: Wenn die Beratungspflicht keine Verbindlichkeit hat, hängt ein Entscheid von der Gewichtung der örtlichen Baukommission ab. Solange diese eine Empfehlung nicht umsetzen muss, zeigt die Beratung wenig Wirkung.

Ist der politische Wille der Baukommission heute entscheidend?

Naef: Ja, das trifft zu. Dazu kommt: Mit dem gewöhnlichen Baugesetz hat eine Baukommission wenig Möglichkeiten, im ästhetischen Bereich etwas zu bewirken. Der Begriff der Einpassung ins Ortsbild ist nämlich schwammig. Ohne zusätzliche Vorschriften haben kommunale Baubehörden Schwierigkeiten, etwas durchzusetzen. Wenn ein Bauherr genügend Zeit hat, wird er den Weg durch alle Instanzen beschreiten. Er wird sich bei seinem Bauprojekt lediglich auf messbare Vorschriften beschränken: Abstände, maximale First- oder Fassadenhöhen. Ob wir sie nun Ortsbildschutzzonen oder sensible Zonen nennen, spielt keine Rolle. Es braucht in heiklen Gebieten – in den Dorfkernen oder entlang alter Strassenzeilen – zusätzliche Bedingungen, auf welche Baukommissionen zurückgreifen können.

Der Regierungsrat hat die Gemeinden schon vor einigen Jahren vergeblich gebeten, die kommunalen Ortsbildschutzzonen zu verkleinern. Sollte der Kanton weniger, dafür besonders wertvolle Gebäude bewahren?

Naef: Das denke ich nicht. Es ist interessant, dass die Gemeinden die Zonen nicht verkleinert haben. Sie haben sie teilweise sogar erweitert. Das zeigt, dass sie Ausserrhoder Baukultur erhalten wollen.

Aber es gibt ja noch die Ortsbildschutzzonen von nationaler Bedeutung und die geschützten Einzelobjekte.

Naef: Es ist problematisch, wenn wir nur Einzelobjekte schützen. Das Dorfbild lebt vom Ensemble. Wenn um ein geschütztes Haus alles verbaut ist, heisst es schnell einmal: «Das passt nicht mehr hinein». Ein aktuelles Beispiel ist der Brühlhof in Herisau.

Kantonsrat Norbert Näf schlug kürzlich in der Ostschweiz am Sonntag als Kompromiss vor, die Beratungspflicht in den Dörfern von der Kernzone auf das vor 1971 entstandene Siedlungsgebiet auszuweiten. Was halten Sie davon?

Naef: Eine generelle Beratungspflicht begrüsse ich. Dennoch brauchen wir gesetzliche Leitplanken. Es kann nicht sein, dass wir die Beratungspflicht ausweiten und man dann trotzdem alles bauen darf, was man will.

Am Montag, 27. April, um 19 Uhr organisiert die Appenzeller Zeitung unter dem Titel «Ortsbilder – wie bewahren?» im Zeughaus Teufen ein Podium, an dem auch Heinz Naef auftreten wird.

Heinz Naef-Stückelberger Obmann Heimatschutz AR (Bild: pd)

Heinz Naef-Stückelberger Obmann Heimatschutz AR (Bild: pd)