Keine Kritzelei – pure Schönheit

LICHTENSTEIG. Für Michael Grässli war die Kunst schon als Knabe Lebensinhalt. Der Sohn des Wattwiler Kunstmalers Walter Grässli geht künstlerisch völlig eigene Wege: In seinem Atelier im Lichtensteiger Gewerbezentrum Hof entstehen mit Spraydose und Acryl von Graffiti inspirierte Gemälde.

Hansruedi Kugler
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Michael Grässli mit einem seiner neuen Gemälde in seinem Atelier im Gewerbezentrum Hof in Lichtensteig. (Bild: Hansruedi Kugler)

Michael Grässli mit einem seiner neuen Gemälde in seinem Atelier im Gewerbezentrum Hof in Lichtensteig. (Bild: Hansruedi Kugler)

Ein Künstlerleben ist manchmal voller Ironie. Vor einigen Jahren arbeitete der diplomierte Theatermaler und Kunstlehrer Michael Grässli kurzzeitig mit Ausgesteuerten, übermalte oder entfernte mit ihnen Graffiti an Stadtzürcher Mauern. Heute lässt er sich von Graffiti zu wunderbaren Kunstwerken inspirieren. Mit dieser Episode hätte man eine Geschichte, die einen lockeren und ironischen Zugang zu seinen Gemälden ermöglicht.

Denn schaut der Laie seine Bilder an, fragt er vielleicht: Machen diese grossformatigen Kritzeleien und Farbspuren irgend einen Sinn? Michael Grässli lächelt: «Was Sie auf der Leinwand sehen, ist malerisch vom Farbauftrag her anspruchsvoll und überhaupt nichts Zufälliges. Es folgt einem klaren Konzept.» Dieses Konzept ist aber ein ästhetisches, kein politisches. Auch wenn sich der 43jährige Wattwiler, der heute in Männedorf lebt, von urbanen Graffiti und deren Spuren und Übermalungen inspirieren lässt, sollte man keine Botschaften, nichts versteckt Gegenständliches oder gar Rätseltexte suchen.

Graffitispuren – pure Schönheit

Was man findet, ist womöglich so etwas wie pure Kunstschönheit, so altmodisch der Begriff auch tönen mag. Ein Widerspruch? Mit Graffiti verbindet man schliesslich landläufig eher knalligen Protest, Höhnisch-Aggressives, vielleicht sogar Destruktives. Michael Grässlis aktuelle Gemälde hingegen wirken zurückhaltend, ausgewogen, ruhig und leicht – man ist versucht zu sagen: Hier sucht ein Künstler die klassische Harmonie. Schaut man Michael Grässlis frühere Bilder der Werkserie «Traces. Spuren» an, bestätigt sich dieser Eindruck: Die waren schroff, heftig – aber auch diese waren bereits völlig abstrakt.

Schubladisieren könnte man Michael Grässlis Gemälde mit Begriffen wie Action Painting oder lyrische Abstraktion – und den Toggenburger Künstler damit als Nachahmer Jackson Pollocks abstempeln. Das kümmert ihn aber nicht. Die Reduktion und die kunstvolle Geste beim Malen verbindet ihn zwar mit Vorläufern wie Jackson Pollock, aber auch Cy Twombly oder André Masson. Ausgangspunkt seiner Malerei aber ist die Faszination der urbanen Spuren.

Zuerst den Vater kopiert

Schön malen konnte Michael Grässli schon früh: Fotorealistisch und gegenständlich – so zeichnete er schon als Knabe. Er habe die Zeichnungen seines Vaters, des Wattwiler Kunstmalers Walter Grässli, kopiert: «So gut, dass mein Vater Mühe hatte, das Original von meiner Kopie zu unterscheiden», erzählt er. Am freien Schulnachmittag ging er nicht auf Töfflitour, sondern zeichnete und las schon damals Biographien über Künstler: Van Gogh, Leonardo da Vinci, Michelangelo. Nun, mit 43 Jahren, hat Michael Grässli drei Berufe: Theatermaler, Lehrer und Künstler. Jahrelang malte er am Theater St. Gallen Kulissen – für Aida, Zauberflöte, die Rocky Horror Picture Show. Das ist aber bald 20 Jahre her. Denn als die Bühnenbilder immer minimalistischer wurden, reduzierte sich die Arbeit auf das Streichen von einfarbigen Wänden. Das hatte Grässli bald satt. Er wechselte zur «Stahl- und Traumfabrik» in Zürich, die aufwendige Bauten und Kulissen für Messen, Theaterproduktionen und Filme herstellt. Grässli malte ganze Häuserfassaden als Filmkulissen, zum Beispiel für die Verfilmung der Biographie Thomas Manns, oder malte alte Ölgemälde für die Filmausstattung nach. Entscheidend waren für ihn die Weiterbildungen in Architektur und Denkmalpflege sowie in Kunstvermittlung. Sie hätten sein Schaffen grundlegend in neue Bahnen gelenkt. Fotorealismus und Gegenständliches interessieren ihn nicht mehr. Seit einigen Jahren unterrichtet Michael Grässli, der bald zum zweiten Mal Vater wird, nun an der Oberstufe in Eschenbach. Sein Atelier aber steht in Lichtensteig – im Gewerbezentrum Hof direkt an der Thur.

Nächstes Jahr Einzelausstellung

Das Theatermalen wirkt nach: Grässli legt seine grossformatigen Leinwände zum Malen auf den Fussboden (wie es Theatermaler tun), arbeitet mit Spraydose und lässt Industriefarbe vom Malstock tröpfeln – so entsteht Schicht um Schicht eine suggestive Komposition. Das halb gemalte, halb «geschriebene» Bild lässt Geschichtliches erahnen – was letztlich jeder Betrachter auf eigene Art tut. Vielleicht liest man Michael Grässlis Gemälde am besten, indem man sich an Juan Miró erinnert, den spanischen Maler mit den federleicht gezeichneten, spielerischgeschwungenen Linien, die den Betrachtern jeweils ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Die Bemerkung gefällt ihm. Mit der Ausstellung in Kirchberg tritt Grässli nach Jahren wieder an die Öffentlichkeit. Nächstes Jahr legt er nach: Mit einer Einzelausstellung in der Zürcher Galerie Hohl.

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