Keine Gretchenfragen, bitte sehr!

So schön haben wir es im Appenzellerland. Die Wiesen sind gemäht, das letzte Heu eingebracht; Postkartenwetter über den Hügeln.

Guido Berlinger-Bolt
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So schön haben wir es im Appenzellerland. Die Wiesen sind gemäht, das letzte Heu eingebracht; Postkartenwetter über den Hügeln. Die Sennen kommen mit ihrem Vieh von den Alpen ins Tal; ihre Viehschauen locken allenthalben ein grosses Publikum auf die Schauplätze: Zauern, Schellen, Kuhschwänze, Brusttücher überall. Bauernmädchen und Geissbuben mittendrin. Die Bilder könnten ebenso gut einem Bildkalender entnommen sein.

Aber ist das alles wahr? – Ja, sagen wir. Natürlich ist das wahr. Hier leben wir schliesslich.

Zum Beispiel in Speicher. Im Gemeindesaal fand am letzten Dienstagabend eine Diskussion zum Thema: «Vernetzt in der Region – Chancen und Grenzen» statt. Speicher hat knapp 4000 Einwohnerinnen und Einwohner; 30 von ihnen interessierten sich dafür. 30, das ist wenig, auch weniger, als die Verantwortlichen von der einladenden Kommission Standortmanagement erwartet hatten. Wo waren die übrigen 3970 Speicherinnen und Speicherer letzten Dienstagabend?

Allein, es soll hier gar nicht nur um Speicher gehen; die Bilder gleichen sich, egal auf welches Dorf wir den Blick richten. Ob Heiden oder Herisau, Steinegg oder Reute: Fragt ein Gemeinde- oder Bezirksrat nach der Meinung der Bevölkerung, initiiert er eine «Zukunftswerkstatt» oder informiert er vor der Budget- oder sonst einer Abstimmung: Es erscheinen «die üblichen Verdächtigen», wie es so schön heisst. Die guten Seelen in den Dörfern suchen ein neues Ratsmitglied. Und suchen und suchen.

Und sollten sie fündig werden und die Person der Wählerschaft vorstellen wollen: Sie können froh sein, wenn sich mehr als zwei Dutzend Bürgerinnen und Bürger für die öffentliche Sache Zeit nehmen. Uns Journalistinnen und Journalisten begegnen die Verantwortlichen meist dann noch mit frohem Mut und den Worten: «Ist halt viel los in diesen Tagen», oder: «Ja, die Grillsaison und das schöne Wetter ...».

Oder das angedachte Dorfzentrum, über das die Wahlberechtigten der insgesamt 854 Einwohnerinnen und Einwohner von Wald morgen ein erstes Mal abstimmen werden. Sage und schreibe drei (3) von ihnen nahmen sich die Zeit und schauten sich die Unterlagen dazu auf der Gemeindekanzlei an. Andererseits muss man – wie Gemeindepräsident und Gemeinderat offen sagen – fast froh sein um das von etwas über 60 weiteren Bürgerinnen und Bürgern ergriffene Referendum gegen die Vergabe eines Studienauftrags.

Auf diesem Weg ist immerhin eine Diskussion um den Dorfkern von Wald in Gang gekommen.

Der Schluss liegt nahe: Es gibt für die Bürgerinnen und Bürger offenbar vieles, was wichtiger ist, als die Entwicklung des eigenen Wohnorts. Fast schon dreist – aber eben auch bezeichnend – ist es, wenn sie am Ende noch das schöne Wetter, den Wunsch nach einem grillierten Steak und die Pflege des eigenen kleinen Gartens als Ausrede nennen müssen. Das sind keine Ausreden mehr; das ist vielmehr Verweigerung.

Das eigene Gärtchen pflegen wir, die Glut im eigenen Ofen liegt uns am Herzen – wie es um die öffentliche Sache steht hingegen, lässt uns kalt? Jeder ist sich selbst der nächste – wo bleibt da noch Raum für das Gemeinsame?

Das wir das, was wir für die Realität halten, nicht mehr vollständig wahrnehmen können – oder wollen – gehört wohl zur Verweigerung dazu.

Speicher eine Agglomerationsgemeinde? Ein austauschbares Dorf wie Abtwil, ein Schlafdorf wie Engelburg oder Wittenbach? – «Gewiss nicht!», wehrten am Dienstagabend die einen ab. «Gewiss noch nicht!», diejenigen, die vielleicht etwas vorsichtiger sind. Übrigens: Statistisch zählen auch Teufen, Herisau und die Waldstatt zu den St. Galler Agglomerationsgemeinden. Schon heute.

Bei Schlatt-Haslen, einigen Vorderländer Dörfern und Trogen dürfte die Aufnahme in diesen Zirkel nur mehr eine Frage von Jahren sein.

Aber, aber: Keine Gretchenfragen, bitte sehr! Es war doch grad so schön hier im Appenzellerland, wo die Wiesen gemäht, das Heu eingebracht, das Vieh wieder im Tal und die Sennen stolz und zufrieden sind.

Nur: Um den Charakter unserer Dörfer zu bewahren, wären Diskussionen nötig. Diskussionen um das Wohin und um das Wie. Dann, und nur dann, kann das Appenzellerland mehr sein als die Summe der kleinen Vorgärten.