Keine Erinnerung an den Unfall

Am Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg werden die Lernenden im Rahmen einer Sonderwoche für die Risiken im Strassenverkehr sensibilisiert. Ein Unfall hat das Leben von Silvia Widmer-Kuratli verändert.

Urs Huwyler
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BÜTSCHWIL. März 1991. Das genaue Datum spielt keine Rolle. «Ich kann mich sowieso nicht mehr an jenen Tag erinnern. Und bin froh darüber», sagt Silvia Widmer-Kuratli aus Grämigen bei Bütschwil. Die Skilehrerin fuhr auch an jenem Wintermorgen mit einem Kollegen von Ebnat-Kappel nach Wildhaus zur Arbeit. «Ich gehöre zu jenen Frauen, die normalerweise den Mann fahren lassen», erzählt sie mit einem Lächeln. «Aber diesmal setzte ich mich ans Steuer.» Die Strassenverhältnisse waren kein Problem. «Ich fuhr nicht zu schnell, soll sogar überholt worden sein. Aber eingangs Alt St. Johann hatte es an einer Stelle Glatteis, das Auto drehte sich, wir flogen in eine Scheune…»

Berüchtigtes Glatteis

Später erfuhr Silvia Widmer, der Kollege habe sie noch vor der berühmt berüchtigten Stelle warnen wollen, es seien noch zwei andere Autos von der Strasse gerutscht, aber in der Wiese gelandet. Sie lag sechs Wochen im Paraplegikerzentrum Nottwil im Koma. «Für die Familie und das Umfeld war die Situation belastend. Die Angehörigen litten mehr.» Sie hatte bereits für eine Skilehrer-Stelle in Kanada zugesagt, tanzte gerne, fuhr Motorrad. Auf einen Schlag war nichts mehr so wie am Morgen jenes Tages im März 1991. Nach sieben Monaten durfte sie Nottwil verlassen, lernte in den USA Englisch, übte verschiedene Tätigkeiten aus und lernte 1999 ihren Mann Stefan kennen.

Gebrochene Nase

Der Beifahrer brach sich nur die Nase. «Wäre es umgekehrt gewesen, ich weiss nicht, wie ich mit dieser Belastung umgegangen wäre.» Silvia Widmer wurde einige Jahre später von einem betrunkenen Lenker abgeschossen, dem der Führerausweis auf der Stelle entzogen wurde. Ein anderer schnitt ihr den Weg ab und sie kam auf einem Bahngleis hinter einem stehenden Zug zum Stehen. Beide Male war sie sofort bewusstlos.

«Der Unfall dürfte im Unterbewusstsein eine Rolle gespielt haben. Einfach sofort abschalten», vermutet die begeisterte Sportlerin. Trotzdem fährt sie weiter Auto. «Kürzlich habe ich einen Schleuderkurs besucht und gesehen, dass ein grosser Unterschied zwischen 50km/h und 55km/h besteht. Dies war mir so nicht bewusst.» An der Unfallstelle in Alt St. Johann verlangsamt sie das Tempo meistens, stellt sich manchmal die Frage, wieso das alles passiert sei. «Aber solche Gedanken versuche ich auszublenden. Ich weiss ja nicht, wie sich mein Leben während der letzten 20 Jahre ohne Unfall entwickelt hätte.»

Die ersten Worte

Nach dem Aufwachen aus dem Koma hörte sie als erstes Dr. Guido Zäch von weit weg sagen, «sie kann die Zehen bewegen.» Silvia Widmer lernte als «inkomplette Querschnittgelähmte» wieder sprechen, mit Hilfe von Stöcken und Schienen zu gehen. Sie falle zwischen Stuhl und Bank, sagte ihr eine Betreuerin. «Sie lag richtig. Ich hätte mich in den Rollstuhl setzen und nicht laufen sollen. Die Abnützung hat zur Folge, dass ich nach einem Knie auch die Hüften operieren muss.»

Mit dem Schicksal hadern mag sie jedoch nicht. «Auch mir geht es nicht immer gleich gut. Es gibt Momente, da ginge ich gerne in die Berge. Aber es ist jetzt halt so. Ich konnte mich 22 Jahre frei bewegen.» Von ihrem am Mittwoch elf Jahre alt gewordenen Sohn Marco wird sie deshalb statt im Freien bei Sport-Computer-Games herausgefordert. Dass meist er nach Tennis- oder Bowling-Partien jubelt, soll jedoch kaum mit dem Rollstuhl zu tun haben. Im Winter ist die neben dem einstigen Girlen-Lift aufgewachsene 42jährige Familienfrau tageweise als Monoski-Rennfahrerin mit nationalem Kaderstatus (Klasse LW 11: Muskelfunktion im oberen Bauchmuskelbereich, ziemlich gute Sitzbalance) unterwegs. Nächste Woche steht ein Gletschertraining in Österreich auf dem Programm.

Sohn als Beispiel

Silvia Widmer-Kuratli begrüsst Sonderwochen wie am BWZ Wattwil. «Vielfach», hat sie festgestellt, «braucht es bei den Jungen einen emotionalen Kontakt, damit sie das Verhalten überdenken.» Marco bestätigt dies. Er achte besser auf den Verkehr, weil seine Mutter im Rollstuhl sitze, sagt der Stürmer der Bütschwiler D-Junioren und Fan von Lionel Messi und Barcelona (und dem FC St. Gallen). Er muss oft die Kreuzung Grämigen-Bütschwil-Lütisburg-Mosnang überqueren. Über jene Kreuzung wird auch schon mal gerast...