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«Kein Freisinn, sondern Schwachsinn»

Gastkommentar von Willi Näf zu «No Billag»
Autor Willi Näf. (Bild: APZ)

Autor Willi Näf. (Bild: APZ)

«No Billag» sprengt mir noch den Krawattenknopf. Ein Land, das sich selber einen Landessender verbieten will – so eine Schnapsidee. Wir gehören nicht dem Meistbietenden. Wir gehören uns. Der Meistbietende zeigt nicht, was ist. Der bringt nur, was ihm was bringt.

Gewinnorientierte Medienkonzerne fragen nicht, was sie für die Rätoromanen tun können. Die fragen was die Rätoromanen für sie tun können. Antwort: Nichts. Rätoromanen rentieren nicht. Ticinesi auch nicht. Und Welsche und Auslandschweizer, grosse Biathlon-Fans und kleine Filmemacher, Jazz-Liebhaber und Gehörlose, Kunstbeflissene und Hörspielfans? Solche Randgrüppchen haben dann keine Stimme mehr. Die werden weder abgebildet noch lokal verankert informiert noch kompetent unterhalten. Gewinnorientierte Medien beschallen mit ihren Werbeblöcken nur Ballungsräume mit Einschaltquoten. Die kümmert’s einen Dreck, dass eine Willensnation für ihren geografischen und kulturellen Zusammenhalt Klammern braucht.

Es gilt nur: fleddern und killen

Investoren werden das liquidierte SRF fleddern. Was keine Quote bringt, werden die killen. Das riesige gepflegte audiovisuelle Archiv, Gedächtnis der Schweiz, legen sie still. Journalistische Ausbildung dünnen sie aus. Es bleibt seichtes Dummheitsfernsehen mit soviel Werbung, dass man alle fünf Minuten auf die Toilette kann – darum heisst es ja seicht. Die Landfrauen werden weiter kochen, aber im Bikini. Das Bundeshaus wird präsentiert von Lidl. Aber nur bei Kreischdebatten. Juhui, Kreischdemokratie. Zudem ist NoBillag eine Massenentlassungsinitiative. Allein bei der SRG sind es 6000 Stellen. Plus Zudiener. Der Metzger, der die SRF-Kantinen beliefert. Der Autor, der eine Schweizer Kinderkrimi-Serie für Zambo auf Radio SRF1 und SRF online schreibt. Also ich. Das macht Vergnügen und ist lausig bezahlt. Was ich bei der Abschaffung von SRF verliere, kompensiere ich als Freischaffender locker mit Werbetexten oder Reden. Aber die Entlassenen können das nicht. Und die kommen nicht unter bei Pro7, Sat1, Google oder Facebook, den Profiteuren des Schlamassels.

No Billag wird schlussendlich teuer

Pay-TV und On-Demand-Konsum gehen ins Geld. Für Netflix überweist man jährlich 179 Franken nach Amsterdam, für die Champions League im billigsten Sport-Pay-TV 154 Franken nach England. Den Feuz holt man sich beim (gebührenfinanzierten) ORF, wo sich ein Kommentator mit Wiener Dialekt über Schoerghofers Sieg im Riesentorlauf freut. Den Federer kriegt man bei Teleclub oder UPC MySports – für mehrere Hundert Franken. Da hat man aber noch keine News, keine DOKs, kein Jodlerfest, kein Radio. Die paar überlebenden Radiostationen bringen dann zwischen den Werbeblöcken Beiträge über tiefe Autoabgaswerte bei den neusten Dieselmodellen von BMW; Fallen die Gebührengelder aus, müssen Werbegelder rein.

Journalismus geht anders. Ein dichter Dreiminüter im «Echo der Zeit» oder «Rendez-vous» benötigt bis zu zwei Stunden Tonmaterial, tiefe Recherchen, Fachbücher, drei halbstündige Telefonate mit Experten – zwei Quellen plus Kontrollquelle. Hier kommen keine Fake News durch. Hier erfahren wir, wie wir regiert werden und was faul ist im Land. Es gibt Fachredaktionen für Inland, Ausland, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur. 40 Nachrichtenprofis selektionieren das Relevante für täglich 50 Bulletins plus Teletext. Lokal verankerte Profis berichten in sieben Regionaljournalen von den Rändern des Landes. 22 Korrespondentinnen im In- und Ausland haben Zeit für echte Recherche. Die gehen nah ran. Die können zeigen, was ist.

Wer glaubt, Formate wie «Schweiz aktuell» oder «Rundschau» liessen sich privat finanzieren, hat keine Ahnung von Journalismus. ARD, ZDF und Deutschlandfunk verbraten jährlich 8.4 Milliarden Euro. SRF bedient mit nur 1.6 Milliarden Franken vier Sprachregionen. Ab 2019 sind’s 20 Prozent weniger. SRF muss gewaltig abspecken, damit die Gebühren auf einen Franken pro Tag sinken, also auf eine viertel Tasse Café crème. Unternehmer bezahlen mehr. Das nervt sie. Aber ich entrichte Mediengebühren nicht als Konsument, sondern als Staatsbürger einer Demokratie, zu der auch gehörlose Ticinesi gehören und Lehrerinnen, die im Unterricht Beiträge von SRF MySchool benutzen, zum Beispiel über Berufslehren. Für die zahle ich mit. «Zämehebe». Sharing Switzerland.

Ich sehe selten fern, höre aber häufig Radio SRF und beziehe viele SRF-Leistungen online. Und gerade dort realisiert man oft gar nicht, wie viel ursprünglich von SRF erarbeitet wurde. Schon in den 90ern habe ich als News-Redaktor beim Lokalradio übrigens beim damaligen DRS geklaut. Weil das schon damals die verlässlichste Quelle war. Viele Leistungen von SRF sickern fast unbemerkt ins Volk.

Das Schweizer Radio und Fernsehen killen zu wollen – mit drei neuen Verboten in der Landesverfassung – das ist kein Freisinn, das ist, mit Verlaub, Schwachsinn.

Willi Näf, Autor mit Appenzeller Wurzeln, der heute im Baselbiet lebt.

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