Kein Fleisch am Werktag

Die Steintaler Bäuerin Emmi Wagner wurde 1926 geboren. In ihrem Buch «Rosenquarz und Amethyst» verarbeitete sie ihre Kindheitserinnerungen.

Fabian Brändle
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Das Haus auf dem Schmidberg war ganz geräumig.

Das Haus auf dem Schmidberg war ganz geräumig.

Fabian Brändle

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@toggenburgmedien.ch

Emmi Wagner erlebte nach eigenen Worten «Sonnenschein und manches Gewitter im Leben». Tatsächlich waren die Jahre ihrer Kindheit unter anderem geprägt von der gravierenden Weltwirtschaftskrise, die breite Teile der Bevölkerung in die Armut und in die Arme politischer Fanatiker trieb. Auch das Toggenburg als Textilexporteur war von der Krise stark betroffen. Die Bauern mussten auch untendurch, hatten aber immerhin genug zu ­essen.

Als Emmi als neuntes Kind der Familie Hartmann 1926 zur Welt kam, war die Mutter bereits 40-jährig. Vater Hulreich Hartmann war ein armer Bergbauer und mit Susette «Seta» Wittenwiler aus einer Handstickerfamilie in zweiter Ehe verheiratet. Seine erste Frau, die Nesslauerin Marie Bösch, war im Alter von nur 28 Jahren als Wöchnerin verstorben. Hartmann hatte innert kürzester Zeit drei Todesfälle zu verarbeiten. Zudem war ein Sohn geistig behindert. Das Elternhaus am Schmidberg war umgeben von Wiesland. Es war durchaus geräumig, hatte eine Stube, eine Nebenstube, eine Küche, einen Gang, eine Küchenkammer, eine Stubenkammer, eine Nebenstubenkammer, eine Firstkammer sowie die im Winter besonders kalte, von den Brüdern bewohnte hintere Firstkammer. Mutter Seta verfügte über einen grünen Daumen. «Im Sommer genossen wir das frische Gemüse. Im Winter zehrten wir von den nach alter Manier eingelagerten Kohlköpfen, Kabis, Rüben und Lauch. Gerne erinnere ich mich an die süssen Mais­gerichte, Griesmahlzeiten oder die selbstgemachten Knöpflispeisen.», schrieb die inzwischen Verstorbene.

Der Sonntag gehörte dem Familienleben

In den krisenhaften 30er-Jahren teilten die Eltern die Nahrungsmittel noch genauer ein. Das Brot wurde zuerst zwei Tage aufbewahrt, bevor es auf den Tisch kam, denn so war es ergiebiger. Fleisch war werktags gestrichen.

Die Kinder erlebten den Vater als streng, aber gerecht. Die Mutter war eine feinfühlige Person, die schnell merkte, wenn ein Kind Sorgen hatte. Leider litt sie schon früh unter starken körperlichen Schmerzen wie Herzasthma und Venenentzündungen. Viele Schmidberger suchten sie auf, um ihren Rat zu hören Der Sonntag gehörte sozusagen dem Familienleben. Man spielte gemeinsam Gesellschaftsspiele wie «Eile mit Weile»oder das «Hütchen-Spiel». Manchmal sang die Mutter oder erzählte von früheren Zeiten. Am Sonntagnachmittag begaben sich die Hartmann-Kinder jeweils ins alte Sticklokal im Haus. Dort stand ein Grammofon, und die Dorfjugend traf sich zum Tanz. Mutter buk einen Kuchen und kochte Tee. Nicht immer ging es indessen so harmonisch zu. Die «Schmidbergler» waren zum Beispiel ver­feindet mit den «Ulisbächlern». «Kaum zum Schulhaus raus, waren wir verfeindete Gruppen. Im Winter lieferten wir uns hals­brecherische Schlittelrennen auf der Schmidbergstrasse. Nebenbei gesagt, zogen die Ulisbächler vielfach den Kürzeren.»

Im Sommer spielten die Kinder gerne Völkerball. Emmi aber konnte oft nur zuschauen, denn die Arbeit in Haus und Hof rief sie unerbittlich. Zudem hatten die Hartmann-Kinder Heidelbeeren zu sammeln und hatten Zeitungen auszutragen sowie Botengänge ins Dorf zu verrichten. Einmal wurde die Familie Opfer eines Betrugs. Ein Zürcher Gärtner suchte in der Zeitung gegen gute Entlöhnung Tannenzapfen und Moos für seine Gestecke. «Wir schickten dem Zürcher manch ein Paket, ohne jemals einen Rappen gesehen zu haben. Das war vielleicht eine Enttäuschung! Seither nahmen wir die Inserate genauer unter die Lupe.»

Emmi Wagner, Rosenquarz und Amethyst. Aus dem Erfahrungsschatz einer Steintaler Bäuerin. 2005, antiquarisch.