KATHOLIKEN: «Begeisterung ausgelöst»

Die Pfarrei Herisau-Waldstatt-Schwellbrunn feiert heuer verschiedene Jubiläen. Kirchenverwaltungsratspräsident Walter Bach blickt auf die Anfangszeiten der Pfarrei zurück und zieht eine Zwischenbilanz über das Festjahr.

Patrik Kobler
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Der Brunnen vor der Kirche soll an die Jubiläen erinnern. (Bilder: PD)

Der Brunnen vor der Kirche soll an die Jubiläen erinnern. (Bilder: PD)

Patrik Kobler

patrik.kobler@appenzellerzeitung.ch

Es ist ein ereignisreiches Festjahr für die katholische Pfarrei Herisau-Waldstatt-Schwellbrunn. Sie feiert gleich verschiedene Jubiläen: 150 Jahre Pfarrei, 150 Jahre Kirchenchor, 80 Jahre Kirchenneubau, 70 Jahre Kirche Waldstatt. Die Pfarrei hat zahlreiche Anlässe durchgeführt. Als bisherigen Höhepunkt bezeichnet Kirchenverwaltungsratspräsident Walter Bach das Kirchenfest vom 2. Juli. Der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln, Martin Werlen, hielt in der voll besetzten Kirche eine denkwürdige Festpredigt. Der Chor trug die Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart vor. Werlen habe den Gläubigen zugerufen, dass diese Musik keine musikalische Aufführung sei, sondern ein Bekenntnis zum Glauben, erinnert sich Bach. Der Pater liess den Chor sogar eine Stelle wiederholen, in welcher es übersetzt heisst: «Denn Du allein bist der Heilige. Du allein der Herr. Du allein der Höchste, Jesus Christus. Mit dem Heiligen Geiste in der Herrlichkeit Gottes Vaters.» Nicht nur ihn hätten die Ausführungen und die Art des ehemaligen Abtes beeindruckt, so Bach.

Als zweiten Höhepunkt nennt er das Fest in der Chälblihalle von Anfang September. «Obwohl wir kein Wetterglück hatten, war das Fest sowohl am Samstag als auch am Sonntag gut besucht», sagt Walter Bach. Der Gottesdienst mit der Kinderfeier und dem Sänger Malcolm Green sei für die Besucher ein schönes und unvergessliches Erlebnis gewesen. Der Auftakt der Jubiläumsaktivitäten erfolgte im Januar mit dem Mitarbeiterabend, dann besuchte der Bischof von Arabien, Paul Hinder, Herisau. Er berichtet über eine gelebte Kirche mitten im arabischen Raum. Als nächstes folgte das Projekt Grenzwanderung. Acht Personen legten am 20. Mai die ganze Strecke von circa 38 Kilometern entlang der Pfarreigrenzen zurück, weitere absolvierten Teilstrecken. Am Pfingstsonntag wurde der Brunnen vor der Kirche eingeweiht. Er soll an die Jubiläen erinnern. Finanziert wurde das Projekt aus dem Legat von Marlis Widmer. «Der Vorplatz konnte mit diesem Projekt stark aufgewertet werden. Der Brunnen hat viel Freude und Begeisterung ausgelöst», sagt Walter Bach. Weitere Anlässe waren die Wallfahrt zur Ahornkapelle und «Bier verbindet» bei der Bofo-Brauerei im Mühlebühl.

Als sich Katholiken nicht in Herisau niederlassen konnten

Am Mittwoch, 25. Oktober, steht der nächste Anlass an. Es ist ein Aufeinandertreffen, das bei der Gründung vor 150 Jahren so vielleicht nicht möglich gewesen wäre. Denn am Podiumsgespräch im Pfarreiheim in Herisau nehmen der Bischof des Bistums St. Gallen, Markus Büchel, und der Präsident der Evangelische-reformierten Landeskirche beider Appenzell, Koni Bruderer, teil.

Man erinnere sich an die Folgen der Reformation, die 1597 im Kanton Appenzell zur Landteilung führte. Danach wohnten rund 250 Jahre keine Katholiken mehr in Appenzell Ausserrhoden. Noch in der Verfassung von 1814 hiess es: «Die äusseren Rhoden des Kantons Appenzell bekennen sich sämtliche zur evangelisch-reformierten Religion.» Jede Aufnahme von andersgläubigen Bürgern war unmöglich. Heftige und mehrjährige Diskussionen brachten aber 1832 eine Auflockerung des Niederlassungsgesetzes. In der Volkszählung 1834 wurden sodann 105 Katholiken und 6095 Protestanten in Herisau gezählt.

Mit der Industrialisierung wuchs in der Folge die Bevölkerung stark an. Ausserdem wurde 1848 mit Annahme der Bundesverfassung allen Schweizern, die einer christlichen Konfession angehörten, das Recht zur freien Niederlassung in der Schweiz gewährt. Nach und nach stieg die Zahl der Katholiken in Herisau; 1860 waren es bereits 472. Die Gottesdienste mussten sie aber immer noch in Bruggen und Gossau besuchen – und das in einer Zeit, in welcher die Strassen nicht ausgebaut waren und man meist zu Fuss zu gehen hatte.

Deshalb stieg das Bedürfnis nach einer Möglichkeit, in Herisau eine Gottesdienstgelegenheit zu schaffen. Zu den treibenden Kräften gehörten der in Gossau wirkenden Pfarrer Theodor Ruggle, der Apotheker Josef Stork, der Papierfabrikant Heinrich Zeller sowie der Kaufmann Peter Hubatka. Dieser war 1821 in Prag geboren. Als junger Mann reiste er auf der Suche nach Arbeit zu Fuss durch Europa. Wie in den Aufzeichnungen seines Sohnes nachzulesen ist, schlug er sich dabei auch mit Fechten durch. Er sei stets darauf bedacht gewesen, zuerst ein Stück Brot zu fechten. Seine Reise führte Hubatka 1842 auch nach Herisau, wo man den Formenstecher nicht mehr ziehen lassen wollte. Als Katholik konnte er sich allerdings nicht in der Gemeinde niederlassen. Erst elf Jahre später bezog er mit seiner Familie eine Wohnung in der Mühle. Ein Jahr später, 1854, wurde er Schweizerbürger. Als die Katholiken im März 1867 ihre erste Versammlung abhielten, leitete Peter Hubatka die Geschäfte. Ingesamt war er 26 Jahre lang Präsident der Kirchenverwaltung. Er war auch die treibende Kraft bei der Gründung des Kirchenchors vor 150 Jahren.

Ab 1867 wurde in der eigenen Kirche Gottesdienst gefeiert

Der erste Gottesdienst wurde am 2. August 1867 gefeiert – damals noch im «Schlössli» im Kreuzberg-Quartier. Wie die «Appenzeller Zeitung» berichtete, war der Saal übervoll besetzt. Die Platzknappheit machte einen Kirchenbau nötig – ein teures Unterfangen. Rund 100000 Franken wurden gemäss Kostenvoranschlag benötigt. Obwohl noch keine Kirchensteuern erhoben wurden, konnten die finanziellen Mittel aufgetrieben werden und die Kirche just 350 Jahre, nachdem in Herisau letztmals die Heilige Messe gelesen worden war, am Peter- und Paulustag 1879 (29. Juni) geweiht werden. Gemäss «Appenzeller Zeitung» war die Quintessenz des Kanzelvortrags des Festpredigers der Ausdruck echter Toleranz und die Mahnung zu konfessionellem Frieden und christlicher Eintracht. Wobei aus den Schriften hervorgeht, dass Protestanten und Katholiken bereits zu dieser Zeit eine friedliche Koexistenz pflegten.

Schon acht Jahre nach der Weihe waren am Bau der Kirche grössere Reparaturen vorzunehmen, weil der ganze Chor gesunken war. Im Laufe ihres 57-jährigen Bestehens musste die Kirche mehrfach Restaurationen unterzogen werden. Dies war dem schlechten Untergrund, der scheinbar nicht sehr soliden Ausführung sowie der exponierten Lage zuzuschreiben. Schliesslich ersetzte man sie durch einen Neubau. Weihe der neuen Kirche war vor 80 Jahren am 5. September 1937. «Es war der grossen Spendenfreundlichkeit der Herisauer Katholiken zu verdanken, dass dieser Kirchenbau möglich wurde», sagt Walter Bach. Beiträge kamen aber auch von aussen.

Bach ist in Heiden aufgewachsen und hat als Ministrant den Bau der dortigen Kirche miterlebt. «Unser Pfarrer war viele Sonntage auf Betteltour, um die Finanzierung der Kirche zu bewerkstelligen», sagt er. Ihn habe sein Elternhaus sowie die damalige Situation der Katholiken in seinem Glauben stark geprägt. Dass heute viele Gläubige den Glauben aufgeben und sich von der Kirche abwenden, bedauert er. «Ich bin überzeugt, dass es eine Institution Kirche braucht, welche die Geschicke führt und sich auch immer wieder mit Stellungnahmen äussert», so Bach. Seiner Einschätzung nach ist der Apparat in Rom an der Misere schuld. «Hier muss ausgemistet werden, was ja Papst Franziskus auch tut», sagt er.

In Herisau lebten Ende 2016 gut 4800 Katholiken und 5600 Protestanten. Das Jubiläumsjahr hat gemäss Walter Bach geholfen, das Pfarreileben zu aktivieren. Viele Leute haben sich engagiert, und die Anlässe wurden auch von Leuten besucht, die sonst selten in der Kirche anzutreffen sind. Er hofft, dass dieser Schwung in die Zukunft mitgenommen werden kann. Den Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten bildet der Vortrag von Hildegard Aepli am Mittwoch, 29. November, 19.30 Uhr, im Pfarreiheim. Sie ist Theologin im Pastoralamt und berichtet von ihrer über 5000 Kilometer langen Pilgerreise ins Heilige Land nach Jerusalem. Wie einst Pfarreigründer Peter Hubatka war sie dabei zu Fuss unterwegs.