Kantonsgericht
«Es ist vom Wickeltisch gefallen»: Vater des Schütteltraumababys weist vor Ausserrhoder Gericht die Schuld von sich

Der Vater eines schwer verletzten Babys steht vor dem Ausserrhoder Kantonsgericht. Ihm droht eine Haftstrafe von zehn Jahren und neun Monaten. Auch die Mutter muss sich verantworten. Sie habe das Kind bei ihrem Mann gelassen, obwohl sie gemäss Anklage wusste, dass er zu Gewaltausbrüchen neigt.

Astrid Zysset
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Der Beschuldigte bestreitet, seinen kleinen Sohn misshandelt zu haben. Das Urteil wird kommende Woche erwartet.

Der Beschuldigte bestreitet, seinen kleinen Sohn misshandelt zu haben. Das Urteil wird kommende Woche erwartet.

Bild: Archiv

Als der rund acht Wochen alte Säugling am 4. Juni 2018 ins Spital Herisau gebracht wurde, wies er Hämatome, Verbrennungen wie auch einen gebrochenen Ober- und Unterschenkel auf. Das Institut für Rechtsmedizin hält in einem Gutachten fest, dass die Verletzungen durch stumpfe Gewalteinwirkung entstanden sind. Das Schädel-Hirn-Trauma, das ebenfalls beim Kind festgestellt wurde, sei auf massives Schütteln zurückzuführen.

Am Freitag mussten sich die Eltern des kleinen Buben vor dem Ausserrhoder Kantonsgericht verantworten. Hauptbeschuldigter war der 34-jährige Vater. Ihm wurde versuchte vorsätzliche Tötung, Körperverletzung, Gefährdung des Lebens wie auch Verletzung der Fürsorgepflicht vorgeworfen. Die Mutter stand ebenfalls vor Gericht. Sie musste sich wegen schwerer Körperverletzung durch Unterlassen verantworten, da sie das Baby bei ihrem Mann gelassen hatte, obwohl sie gemäss Anklage wusste, dass er zu Gewaltausbrüchen neigt.

Angeschuldigter habe Tod des Kindes in Kauf genommen

Die Staatsanwaltschaft sprach vor Schranken davon, dass das Schädel-Hirn-Trauma lebensbedrohlich gewesen war. Dem 34-Jährigen warf sie vor, den allfälligen Tod des Kindes in Kauf genommen zu haben, da er sich gekränkt fühlte und zum Gegenschlag ausholte, nachdem das Baby nicht aufhörte zu weinen.

Der Beschuldigte selbst gab an, dass die Verletzungen des Babys durch einen Sturz vom Wickeltisch entstanden seien. Auf diesen habe er das Kind gelegt, während er unter die Dusche ging. Misshandelt oder geschlagen habe er seinen Sohn nicht. Die Verteidigung forderte denn auch lediglich einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Körperverletzung und Verletzung der Fürsorgepflicht. Kritisiert wurde, dass seitens Untersuchungsbehörden keine anderen Unfallursachen abgeklärt wurden. Ein Schädel-Hirn-Trauma sei zwar typisch fürs Schütteln, so der Verteidiger, doch könnte es auch entstanden sein, als der Vater nach dem Wickeltischunfall den leblosen Körper seines Sohnes aufhob und aus Überforderung zu impulsiv reagiert habe.

Der Anwalt der Ehefrau forderte für sie einen Freispruch. Die Version mit dem Wickeltisch, die ihr Mann angab, glaube sie. Weiter schilderte sie ihren Mann als sehr fürsorglichen und liebenden Vater.

Eltern hätten nur das Beste für den Sohn gewollt

Die Anklage führt ins Feld, dass die Ehefrau an jenem 4. Juni ihrem Mann, als jener mit dem Säugling alleine war, eine Whatsapp-Nachricht schickte. Diese hatte die Bitte zum Inhalt, dass der 34-Jährige das Kind doch nicht mehr berühren solle. Er sei noch so klein, und «wenn man zu fest etwas mache, sei er weg». Eine Woche vor dem besagten 4. Juni googelte die Frau noch, woran man Kindsmisshandlungen erkennen könne. Vor Schranken verwiesen beide Eheleute darauf, dass dieses Verhalten auf die Überfürsorglichkeit im Zusammenhang mit einem Neugeborenen zurückzuführen sei. Sie hätten immer nur das Beste für ihren Sohn gewollt. Und sie könnten es nicht verstehen, dass jener – wie auch das mittlerweile Zweitgeborene – bei Pflegeeltern aufwachsen müssten.

Die Staatsanwaltschaft sprach in ihrem Plädoyer davon, dass die Frau ihrem Mann hörig sei und ihn schütze, wo es nur gehe. Das psychiatrische Gutachten attestierte ihr einen gewissen Grad an Naivität. Ihm hingegen wird eine narzisstische Persönlichkeitsstörung mit impulsiven Anteilen zugewiesen. Die Staatsanwaltschaft forderte für den Mann eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren und neun Monaten. Die Frau soll zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt werden. Das Urteil wird kommende Woche erwartet. Am Dienstag wird der Prozess fortgeführt.

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