Kanton holt Gemeinden ins Boot

Sehr geehrte Dame und Herren Regierungsräte, schön, dass es in Ihrer regierungsrätlichen Arche noch Platz hat, und es bleibt nur zu hoffen, dass das auch in Zukunft so bleiben wird.

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Sehr geehrte Dame und Herren Regierungsräte, schön, dass es in Ihrer regierungsrätlichen Arche noch Platz hat, und es bleibt nur zu hoffen, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Ich habe bis dato stets darauf vertraut, dass zumindest die Appenzeller Regierung noch nicht vom grassierenden Wachstums-Virus angesteckt wäre. Dass unsere Weitsicht es schaffe, den nächsten Generationen ein paar Grünflächen zu erhalten. Traurig genug zu sehen, wie sich die Zürcher, Genfer und Basler zu einem Stadtstaat à la Singapur entwickeln. Ich bin mir bewusst, dass dieses Thema für die Jungen unter uns kein wirkliches Problem bedeutet. Wie könnte es auch? Sie kennen kaum ein anderes Bild unseres Lebensraumes als das heutige. Wir Älteren hingegen (vor allem die Heimkehrer) haben die Veränderungen über Jahrzehnte miterlebt. An Hängen, wo wir noch fröhlich geschlittelt haben, stehen seit langem Blöcke. Auf der Alpsteinstrasse haben wir ganze Winter hindurch Hockey gespielt. Unterbrochen wurden wir höchstens einmal vom Pferdegespann der Kehrichtabfuhr oder vom Elektromobil des Milchmanns. Heute sind stehende Autokolonnen von Waldstatt bis Gossau an der Tagesordnung. Meine Baumhütte auf dem Kapfenböhl wurde ohne Rücksprache mit mir entfernt und Einfamilienhäusern Platz gemacht. Ich würde es gar nicht mehr wagen, mit einem ausländischen Gast von St. Margrethen durchs Mittelland nach Genf zu fahren und dann noch zu behaupten, das wäre jetzt die Schweiz. Alles verbaut und verschandelt. Und überall stehen Kräne wie noch nie zuvor. Bald sieht jede Gemeinde ihre Bauzonen erschöpft, und Wachstumsgläubige aller politischen Couleur schreien nach weiterer Erschliessung. Ich sehe mich absolut nicht als rückwärtsgewandte, aussterbende Spezie. Im Gegenteil, Erfahrung, Um- und Weitsicht, gepaart mit Verantwortung, geben mir die Energie, mich für meine und die Enkelkinder meiner Mitbewohner und Mitbewohnerinnen für eine lebenswerte Schweiz und in unserem Fall für ein lebenswertes Appenzellerland einzusetzen. Übrigens, hochkarätige Wissenschafter haben mit Fakten längst belegt, dass Bevölkerungswachstum dem Land weder mehr Wohlstand noch Lebensqualität beschert. Ganz im Gegenteil, wir sind heute mit Problemen und Kosten konfrontiert, die wir vor 50 Jahren weder kannten noch erahnten. In diesem Sinne teilt Ihnen meine ganz persönliche Ratingagentur mit, dass Ihre ansonsten tadellose Regierungstätigkeit von Tripple-V (V für Verstand, Verantwortung und Vernunft) um einen Drittel herabgestuft wurde. – Nünt för Unguet!

Christoph Neeracher

Schmiedgasse 40, 9100 Herisau