Kanton delegiert Weiterbildung

Lokale Weiterbildungsangebote in Appenzell Ausserrhoden sind in Bedrängnis. Gründe dafür sind der Spardruck und das mangelnde Interesse der Bevölkerung. Ohne öffentliche Unterstützung werden es private Anbieter schwer haben.

Michael Genova
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Der Verein Weiterbildung Appenzeller Vorderland löst sich per Ende März 2016 auf – er fand für sein Kursangebot nicht genügend Teilnehmer. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Der Verein Weiterbildung Appenzeller Vorderland löst sich per Ende März 2016 auf – er fand für sein Kursangebot nicht genügend Teilnehmer. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

AUSSERRHODEN. Ab nächstem Jahr wird das Berufsbildungszentrum (BBZ) in Herisau keine Kurse für Erwachsene mehr anbieten. Aus Spargründen. Und per Ende März 2016 wird der Verein Weiterbildung Appenzeller Vorderland seine Tätigkeit einstellen. Mangels Interesse. Die Erwachsenenbildung in Appenzell Ausserrhoden ist unter Druck – die Angebotsvielfalt wird deutlich abnehmen. Im Ausserrhoder Kantonsrat führte diese Entwicklung kürzlich zu heftigen Diskussionen: Nicht nur die SP, sondern auch die FDP setzte sich mit je einem Antrag für die Rettung des BBZ-Angebots in Herisau ein.

«Wir-Gefühl wird leiden»

Umstritten im Rat war, wie stark sich der Kanton laut Verfassung und Berufsbildungsgesetz in der Erwachsenenbildung engagieren muss. Wegen des laufenden Sparprogramms beharrt der Regierungsrat auf einer wortgetreuen Auslegung. Nach dem geltenden Recht sei einzig die Koordination respektive die Förderung eine zwingende kantonale Aufgabe, sagt Bildungsdirektor Alfred Stricker. «Darüber hinaus kann der Kanton selber Kurse führen, er muss aber nicht.»

Für Kantonsrätin Johanna Federer (SP, Herisau) ist dies zu wenig: «Der Gesetzestext wird zwar eingehalten, aber das ist doch eine sehr bescheidene Haltung.» Im Namen der SP-Fraktion setzte sie sich im Kantonsrat für einen Erhalt der Erwachsenenbildung am BBZ ein und scheiterte. Mit dem Verlust verschwinde ein Angebot, das die Gemeinschaft belebe. «Das Wir-Gefühl in Herisau wird leiden», sagt Federer. Zudem gebe es ältere Kursteilnehmende, die abends nicht nach St. Gallen fahren wollten, um einen Kurs zu besuchen. Die SP-Kantonsrätin akzeptiert, wenn Weiterbildungsangebote laut Gesetz kostendeckend sein müssen. «Ich finde es aber störend, dass das Bildungsdepartement die vergangenen Jahre nicht nutzte, um eine Lösung zu finden.»

Regionale Bedürfnisse

In den vergangenen zehn Jahren schrieb die Erwachsenenbildung am BBZ jährlich einen Verlust zwischen 70 000 und 100 000 Franken. Darüber hinaus zahlt der Kanton jährlich eine Entschädigung von 7000 Franken an den Verband Weiterbildung Appenzell Ausserrhoden (WebAR). Dessen Aufgabe ist es, über Weiterbildungsangebote zu informieren und die Koordination unter den Anbietern zu fördern. Mitglieder von WebAR sind neben dem BBZ auch die Vereine Weiterbildung Appenzeller Mittelland und Weiterbildung Appenzeller Vorderland, die 2006 gegründet wurden. Während die Kursangebote des Mittelländer Vereins rege genutzt werden, befinden sich die Vorderländer schon länger in Schwierigkeiten. Ende November beschlossen die Vorderländer Gemeinden, den Verein aufzulösen. «Das Bedürfnis in der Bevölkerung ist nicht mehr da», sagt Präsidentin Karin Solenthaler. Einen Zusammenhang sieht sie mit der geographischen Lage. Die Vorderländer orientierten sich eher Richtung Rheintal, Rorschach oder St. Gallen, so Solenthaler. Ein weiterer Grund für das geschwundene Interesse seien die veränderten Familienstrukturen. «Mütter bleiben berufstätig oder steigen früher wieder in den Beruf ein, und Männer besuchen Kurse direkt über den Arbeitgeber.»

Schwierig ohne Unterstützung

Der Regierungsrat geht davon aus, dass Interessierte auf dem freien Markt genügend Kurse finden werden. «Die Erwachsenenbildung kann durchaus von privaten Anbietern durchgeführt werden», sagt Regierungsrat Alfred Stricker. Die Regierung werde das Gespräch mit möglichen privaten Trägern suchen, welche bereit sein könnten, am Standort Herisau ein solches Angebot weiterzuführen.

Involviert in die Gespräche ist auch Bernhard Eugster, Präsident von WebAR. Aus seiner Sicht könnte sowohl ein Verein als auch ein kommerzieller Anbieter die BBZ-Weiterbildung weiterführen. Mit einer Einschränkung: «Es ist eher unwahrscheinlich, dass es ganz ohne Unterstützung geht», sagt Eugster. So hätten Mitglieder von WebAR teilweise Leistungsvereinbarungen mit Gemeinden geschlossen, welche etwa Schulräume zur Verfügung stellen.

Johanna Federer-Fabjan Kantonsrätin SP, Herisau (Bild: pd)

Johanna Federer-Fabjan Kantonsrätin SP, Herisau (Bild: pd)

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