Kalt

Toggenburger Adventskalender – Folge 10

Monika Rösinger
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Adi wollte abhauen. Ihn würden sie nicht einschliessen. Sollten sie doch Muran 24 Stunden Einschluss geben, der hatte es verdient. Immer hackte er auf ihm herum.

Dass er nicht der Schnellste war, das wusste Adi selber. Sein Vater hatte nie Zeit, seine Mutter keine Nerven. Die jüngeren Geschwister kamen in der Schule gut voran; nur er war immer der Doofe. Er schloss sich neuen Kumpels an, sie hockten beim Bahnhof. Er erledigte ihre Aufträge, das brachte ihm Ansehen.

Er öffnete das Fenster und stieg ins Freie. Die Kälte biss ihm ins Gesicht. Wenigstens trug er Turnschuhe, aber die Jacke hing in seinem Zimmer. Sch…, es musste auch so gehen. Er schlich hinter die beleuchtete Tanne. Die Kollegen gingen zum Schulhaus. Die Chefin eilte vorüber, ein Betreuer schloss die Fenster. Alles sah ganz heimelig aus.

Adi mochte die Weihnachtsbeleuchtung; sie erinnerte ihn an die Zeit, als er mit seinem Opa die Tanne vor dem Haus geschmückt hatte. Der Opa hatte immer Zeit gehabt und ihn nie angefahren.

In der nieseligen Morgendämmerung machte er sich weg vom Areal zur Hauptstrasse. Dort drückte er sich in einen Geschäftseingang, aber der Blick eines Angestellten vertrieb ihn. Adi fror erbärmlich. Er spürte Hunger und Lust auf warme Milch. Als er sich zum Frühstück hinsetzen wollte, hatte Muran eine Gemeinheit über seine Mutter geflüstert und er hatte zugeschlagen. Muran hatte aufgeheult, seine Nase blutete. Scheibe, scheibe. Seit mehr als drei Stunden hockte er jetzt im Eingang der alten Fabrik. Seine Zähne klapperten. Er versuchte zu pfeifen, wie er es immer tat, wenn er Angst hatte, aber seine Lippen waren starr. Seine Hände waren bläulich.

«He du, komm mit, du erfrierst ja.» Vor ihm stand eine alte Frau und sprach ihn freundlich an.

Sie zog ihn hoch. Wortlos ging Adi mit ins Haus gegenüber, in eine heimelige Stube. Er lehnte sich an den Kachelofen und trank den heissen Tee, den die Frau ihm reichte. Er sah sich in der Stube um. Eine Krippe war schon aufgebaut, nur das Kindlein fehlte noch. Josef und Maria standen da und schienen zu warten.«Ja, gell, die Krippe», sagte die Frau versonnen. Sie deckte den Tisch, schweigend assen sie. Nachher wuschen sie das Geschirr.

«Jä no, dann komm halt. Die da oben werden dich suchen.»

Seltsam getröstet, zog Adi die alte Steppjacke an, die ihm die Frau reichte, und sie machten sich auf den Weg. Ihm schien, als ob über dem silbergrauen Haar der alten Frau ein goldener Schimmer glänzte. Wie ein Heiligenschein, dachte er.

Monika Rösinger

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