Kacheln und Scherben – eine Sucht

WATTWIL. Am Freitag wurde im Café Abderhalden die Ausstellung «Ofenkacheln» mit Kacheln und Kachelfragmenten des Ofenbauers Paul Rutz eröffnet. Der neue Wirt umschreibt damit auch die künftige kulturelle Ausrichtung seines Begegnungsortes.

Michael Hug
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Kann Geschichten über Ofenkacheln erzählen: Der Toggenburger Ofenbauer Paul Rutz. Ein kleiner Teil seiner Sammlung ist in Wattwil und Ebnat-Kappel zu sehen. (Bild: Michael Hug)

Kann Geschichten über Ofenkacheln erzählen: Der Toggenburger Ofenbauer Paul Rutz. Ein kleiner Teil seiner Sammlung ist in Wattwil und Ebnat-Kappel zu sehen. (Bild: Michael Hug)

«In einem Café, an einem Ort der Begegnung und der Gastfreundschaft, dürfen die Wände etwas Farbe haben.» Der Satz steht in der Ankündigung der Ausstellung und stammt aus der Feder Gregor Menzis, des neuen Wirts im Wattwiler Café Abderhalden.

Zur Eröffnung der Vernissage ging Gregor Menzi noch einen Schritt weiter: «Weisse Wände können zwei Bedeutungen haben: Entweder gelten sie als kulturlos oder sind Ausdruck einer klaren ästhetischen Haltung.» Gregor Menzis ästhetische Haltung ist es offenbar, weissen Wänden Farben zu geben. Und das, was Farbe gibt, Geschichten erzählen zu lassen.

Stumme Ofenkacheln

Die Ausstellungsstücke, die zurzeit im Café an den weissen Wänden hängen, könnten in der Tat viele Geschichten erzählen. Da es sich aber um Ofenkacheln handelt, sind sie stumm und brauchen einen Vermittler.

Vermittler dieser Geschichten hinter den Kacheln ist der Ofenbauer und «Scherbensammler» Paul Rutz aus Lichtensteig. Von Paul Rutz weiss man, dass er den alten Toggenburger Kachelöfen ein spezifisches Interesse gewidmet hat. Es ist sogar mehr: Es ist eine Leidenschaft, «eine Sucht», wie er selbst gesteht. Er könne an keinem Haus vorbeigehen, das sich gerade in Renovation oder Restauration befindet und von dem er weiss, dass es etwa der Altersklasse entspricht, wofür seine Leidenschaft brennt. Häuser aus längst vergangenen Jahrhunderten mit ihren Kachelöfen in den Wohnzimmern.

Riesiger Fundus

In rund 40 Jahren kam so ein riesiger Fundus zusammen, erklärt Paul Rutz: «Ich habe die Kacheln in meinen Lagerräumen gestapelt, grad wo ich noch Platz finde. Zum Teil sind es guterhaltene Stücke, zum Teil nur Scherben.» Der Fundus umfasst älteste Kacheln und Kachelfragmente aus dem 15. Jahrhundert, originelle Kacheln wie solche, die die damals vier bekannten Kontinente des Globus darstellen. «Anhand der Farbe und der Tatsache, dass es nur vier Kontinente sind, schliesse ich, dass sie hergestellt wurden, bevor Australien entdeckt wurde.»

Vielen Kacheln sehe man an, wer sie gemacht habe, teilweise sind die Namen der Ofenbauer bekannt, teilweise aber nicht. Spuren von gleichartigen Kacheln ziehen sich durch das Appenzeller Hinterland oder den Thurgau. Manchmal haben gesamte Talschaften – Beispiel Libingen – ein und denselben wandernden Hafner beschäftigt.

Es sind diese Geschichten, die diese aussergewöhnliche Ausstellung beleben. Nur: Die Kacheln bleiben stumm, solange ihr Sammler nicht anwesend ist. «Gerade mal drei Bücher gibt es über Kachelöfen», sagt Rutz. Das Gebiet sei nicht gut erforscht und dokumentiert. Vieles ist wohl nur in Paul Rutz' Gedächtnis gespeichert. Dass er enorm viel darüber weiss, bewies er in den zehn Minuten seiner Erläuterungen an der Vernissage.

«Nicht ein Zehntel»

Paul Rutz hat die Kacheln in 40 Jahren zusammengetragen, der gelernte Steinbildhauer und Ausstellungsmacher Roman Menzi aus Ebnat-Kappel hat sie ausgelesen. Der Bruder von Wirt Gregor Menzi löste die Aufgabe pragmatisch: «Ich habe ausgesucht, was mir bemerkenswert erschien, und weniger auf die kulturhistorische Bedeutung geachtet.» Somit sind sehr alte und jüngere, sehr farbige und sehr filigrane Kacheln mit unterschiedlichen Herstellungsmethoden zusammengekommen. Roman Menzi meinte aber auch: «Was Sie hier sehen, ist nicht ein Zehntel von dem, was Paul Rutz in seinen Archiven hat!»

Die Ausstellung «Ofenkacheln» im Café Abderhalden ist in Wattwil und im Kafihus in Ebnat-Kappel während der Öffnungszeiten zu sehen und dauert bis Ende Juli 2015. cafe-abderhalden.ch/ ausstellungen