Jugendliche in der Armutsfalle

Im Kanton St. Gallen sind gemäss neusten Zahlen alleinerziehende und kinderreiche Familien besonders häufig auf Sozialhilfe angewiesen. Spitzenreiter im Toggenburg sind Wattwil und Lichtensteig, wo überdurchschnittlich viele Menschen auf finanzielle Hilfe angewiesen sind.

Jesko Calderara
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TOGGENBURG. Noch immer sind Kinder und Jugendliche im Kanton St. Gallen überdurchschnittlich oft auf finanzielle Unterstützung durch den Staat angewiesen. Dies zeigt der kürzlich veröffentlichte Analysebericht der kantonalen Fachstelle für Statistik zu den bedarfsabhängigen Sozialleistungen. Als Grundlage der Auswertung dienten die Zahlen aus den Jahren 2005 bis 2012. Während die Sozialhilfequote der Gesamtbevölkerung im Kanton St. Gallen 2012 bei 2,2 Prozent lag, lag der entsprechende Wert schweizweit fast ein Prozent höher. «Die Zahl ist ein Indikator für die offene Armut in der Gesellschaft», sagt Esther Gerber, Autorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Volkswirtschaftsdepartement.

Damit sind Lebensverhältnisse gemeint, die aus Sicht des politischen Gemeinwesens unter dem Existenzminimum liegen. Die sogenannte versteckte Armut hingegen wird in der Statistik nicht abgebildet, weil die Betroffenen keinen Sozialhilfeanspruch geltend machen.

Spitzenreiter Wattwil

Im Toggenburg liegt die Sozialhilfequote mit 2,1 Prozent leicht höher als im Jahr davor, jedoch noch immer unter dem kantonalen Durchschnitt. Andere Regionen, etwa das Rheintal oder See-Gaster stehen aufgrund einer stärkeren Wirtschaftskraft und einer anderen Zusammensetzung der Bevölkerung aber besser da. «Als weiterer Grund könnten soziale Komponenten eine Rolle spielen», vermutet Esther Gerber. In ländlich geprägten Gebieten sei aufgrund der weniger ausgeprägten Anonymität die Hemmschwelle grösser, staatliche Leistungen zu beziehen. Spitzenreiter unter den Toggenburger Gemeinden bleibt Wattwil, wo 3,5 von 100 Einwohnerinnen und Einwohnern auf finanzielle Hilfe angewiesen sind. Dies sei angesichts der Grösse des regionalen Hauptortes nichts Aussergewöhnliches, sagt die Fachfrau. «Ein solcher Trend ist bei allen Gemeinden mit Zentrumsfunktion feststellbar. Nicht viel besser da steht Lichtensteig, wo der Quotient bei 3,2 Prozent verharrt. Grund dafür ist die eher städtisch geprägte Zusammensetzung der Einwohnerschaft sowie günstiger Wohnraum in den Aussenquartieren, der eher einkommensschwache Haushalte anlockt. Verhältnismässig wenig Sozialhilfeempfänger weisen dagegen Hemberg, Mosnang oder Wildhaus-Alt St. Johann auf.

Armutsgefährdete Kinder

Zwei Aspekte der Untersuchungen seien besonders augenfällig, betont Esther Gerber. So war 2012 laut dem Bericht knapp jede dritte mit Sozialhilfe unterstützte Person jünger als 18 Jahre. Kinder und Jugendliche haben mit 3,4 Prozent die höchste Sozialhilfequote. Ihr Armutsrisiko liege damit deutlich über demjenigen der Gesamtbevölkerung, sagt Esther Gerber. Diese Tatsache beurteile sie als besorgniserregend. «Die soziale Situation kann Bildungschancen und somit Berufsaussichten stark beeinträchtigen.» Zudem beeinflussen schlechte finanzielle Verhältnisse die soziale und emotionale Entwicklung der Heranwachsenden. Besonders armutsgefährdet sind Kinder und Jugendliche von Alleinerziehenden und aus kinderreichen Familien. Rund 57 Prozent der Betroffenen leben mit einem alleinerziehenden Elternteil zusammen. Mit zunehmendem Alter sinkt gemäss den Erkenntnissen der Wissenschafter die Sozialhilfequote jedoch wieder. Personen im Rentenalter benötigen aufgrund der gut ausgebauten Sozialversicherungsleistungen nur selten Unterstützung durch die Sozialhilfe.

Einfluss der Konjunktur

Ein spezielles Augenmerk wurde in der Analyse auf die Situation jener Menschen gelegt, die im erwerbsfähigen Alter sind. Nur knapp ein Viertel der Unterstützten zwischen 20 und 64 Jahren ging im Vergleichsjahr einer Berufstätigkeit nach. «Dafür gibt es mehrere Gründe», sagt Esther Gerber. Sie nennt in diesem Zusammenhang fehlende Arbeitsplatzangebote, mangelnde Qualifikationen und gesundheitliche Probleme der Betroffenen. Es gebe aber auch Kandidaten, die aufgrund von familiären Betreuungspflichten gar nicht mehr arbeiten könnten.

Ein Vergleich der Zahlen über mehrere Jahre hinweg zeigt ein unterschiedliches Bild. Ab 2005 reduzierte sich die Zahl der Empfänger staatlicher Sozialhilfe über einen längeren Zeitraum, bevor 2008 eine Trendwende einsetzte und wieder mehr Menschen das Sozialamt aufsuchten mussten. Dies hänge grösstenteils mit der Konjunkturlage zusammen, erläutert Esther Gerber. «Sind die wirtschaftlichen Aussichten besser, finden Personen im regulären Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle.»

Das statistisch ausgewertete Material gibt zudem Auskunft über das Ausmass des viel diskutierten Working-Poor-Problems. Jener Haushalte, die trotz einer Vollzeiterwerbstätigkeit kein existenzsicherndes Einkommen erzielen. Gemäss Schätzungen fallen kantonsweit im betrachteten Jahr rund 9 Prozent der unterstützten Privathaushalte darunter.

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