Jubiläum
Aus Heimweh entstanden: Der Appenzeller-Verein Basel und Umgebung feiert sein 125-jähriges Bestehen

Beschränkte Verdienst- und Ausbildungsmöglichkeiten nötigten viele junge Appenzellerinnen und Appenzeller, die Heimat zu verlassen. Um ihre Kultur weiterzupflegen, gründeten sie Vereine.

Karin Erni
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Die Theateraufführungen waren fester Bestandteil des Vereinslebens.

Die Theateraufführungen waren fester Bestandteil des Vereinslebens.

Bild: PD

Basel, das bereits im 19. Jahrhundert über eine florierende chemische Industrie verfügte, lockte mit seinen Arbeitsplätzen auch zahlreiche Appenzeller an. Wohl aus Heimweh und dem Bedürfnis nach gemeinsamem Singen sowie gemütlichem Zusammensein beschlossen einige Mannen am 14. März 1897 im Gasthaus zum Ochsen in Riehen, den Appenzeller-Verein Basel und Umgebung zu gründen. Es wurde festgehalten, dass dieser auch eine Gesangssektion erhalten solle.

Bereits zwei Wochen später trat die Kommission in der «Krone» Kleinhüningen zu einer Arbeitssitzung zusammen. An dieser wurden die Statuten des zu gründeten Vereins ausgearbeitet. Am 25. April, dem Tag der Landsgemeinde, wurde der Verein offiziell gegründet und eine fünfköpfige «Regierung» gewählt. Innerrhoder und Ausserrhoder feierten zusammen, wie im Protokollbuch vermerkt wurde.

«Jeder wünschte, dass unsere zwei schönen Halbkantone in nächster Zeit einen Kanton bilden möchten.»

Nach erledigten Geschäften folgte eine Narrengemeinde, die von 50 Personen besucht wurde und «nach appenzellischen Sitten einen schönen Verlauf nahm».

Dem Verein drohte frühes Ende

Der Verein nimmt in der Folge Fahrt auf und leistet 1903 sogar einen finanziellen Beitrag an das neue Denkmal auf der Vögelinsegg. Doch schon ein Jahr später scheint die Luft draussen zu sein und das Protokoll vermeldet: «Der Boden der Kasse lässt sich blicken.» 1906 wird die Situation des Vereins als traurig bezeichnet. Nur zehn Mann beteiligen sich an der Hauptversammlung. Der Verein dümpelt in den Folgejahren vor sich hin. Mehrmals wird das Lokal gewechselt. Ab 1910 geht es – abgesehen von kleineren Einbrüchen während der Kriegszeiten – mit den Mitgliederzahlen steil bergauf. 1990 hat der Verein 279 Mitglieder. Seither ist die Zahl wieder rückläufig und liegt aktuell bei 170. Noch immer ist der Appenzeller-Verein nach dem Tessiner der grösste Heimatverein in Basel und wohl der grösste Appenzeller-Verein der Schweiz.

Ab 1938 durften Damen mittun

Lang ist die Liste bekannter Appenzeller Streichmusiken, die bei den Baslern konzertierten. Eine grosse Bedeutung hatten von Anbeginn weg die Theateraufführungen, welche die vereinseigene Gesangs- und Unterhaltungssektion durchführte. Der Gesangssektion gehörten am Anfang nur Männer an. 1938 wurde in die Statuten eine revolutionäre Neuerung aufgenommen:

«Auch Damen können dem Vorstande angehören, jedoch sollten es nicht mehr als zwei sein.»

1964 löste sich der Chor des Thurgauervereins auf und einige Mitglieder fanden bei den Appenzeller Sängern eine neue Heimat. Während fast 40 Jahren führte der Appenzeller-Verein Basel zudem eine Auskunftsstelle für Ferien im Appenzellerland. Weil sich die Leute aber aufgrund der Hochkonjunktur bald andere Ferienziele leisten konnten, musste die Auskunftsstelle 1967 aufgelöst werden.

Seit 1990 verfügt der Verein mit der «Appenzeller Poscht» über ein eigenes Mitteilungsblatt. Ein Highlight in der Vereinsgeschichte waren die Feierlichkeiten rund ums 500-Jahr-Jubiläum AR°AI im Jahr 2013. So wurden gemeinsam die Bundesfeier auf der Hohen Buche und das Festspiel «Der 13. Ort» in Hundwil besucht.

Aktivitäten im Jubiläumsjahr

Willi Schläpfer, Präsident Appenzeller-Verein Basel und Umgebung

Willi Schläpfer, Präsident Appenzeller-Verein Basel und Umgebung

Bild: PD

Willi Schläpfer ist seit 2014 Präsident des Vereins. In seine Ära fallen die Wiederaufnahme der Appenzeller Konzerte in der Basler Elisabethenkirche. Diese sei mit bis zu 600 Besucherinnen und Besuchern jeweils gestossen voll, so Schläpfer. «Appenzell ist in Basel eben Kult und es kommen immer viele Fans.» Ebenfalls auf Schläpfers Initiative gehen die Vorträge über und von Persönlichkeiten mit Basler- und Appenzeller-Bezug dar. Dieses Jahr werden, so ist es wenigstens angedacht, die in Schwellbrunn heimatberechtigte Präsidentin der nationalen Ethikkommission, Andrea Büchler, und der aus Teufen stammende Staatsrechtler Markus Schefer eingeladen. Vorgesehen sind zudem Auftritte von Bettina Castaño-Sulzer und Philipp Langenegger mit dem Stück Austerlingen. Weiter sind eine Lesung mit Anita Glunk, eine Buchpräsentation von Willi Näf sowie verschiedene Vorträge geplant. Eine neue Website soll dem Verein zudem einen zeitgemässen Auftritt ermöglichen.

Die Planung der Anlässe im Jubiläumsjahr erfolge rollend, so der Präsident. «Es gibt ausser der 125. <Hoptvesammlig> noch wenig Konkretes, weil wir die geltenden Coronamassnahmen berücksichtigen müssen. Die Organisation der Vorstandssitzungen gestaltet sich schwierig, da auch unter den Appenzellern in der Diaspora einige Impfkritiker sind.» Auch das «Worschtmöhli» anlässlich der Landsgemeinde gehöre zum festen Bestandteil des Jahresprogramms, erklärt Willi Schläpfer.

«Seit einigen Jahren achten wir streng darauf, dass die Würste abwechslungsweise von Metzgereien aus Ausserrhoden und Innerrhoden stammen.»

Beiträge aus dem Appenzellerland gesucht

Im Jubiläumsjahr sollen in der viermal jährlich erscheinenden «Appenzeller Poscht» verschiedene Stimmen aus der alten Heimat zu Wort kommen. Das kann in Form eines Essays, einer Glosse oder eines Kurz-Memoires sein. Es soll dabei im weitesten Sinn ums «appenzellische Bewusstsein» gehen. Beiträge sind erbeten an: willi.schlaepfer@balcab.ch