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JUBILÄEN: Eremiten, Münzmacher, Kleinwüchsige

Die Geschichte des Appenzellerlands ist voller kurioser Ereignisse. Das Interesse an Kleinwüchsigen brachte vor 110 Jahren Touristen nach Oberegg. Vor 180 und 280 Jahren litten Heiden und Innerrhoden an der schludrigen Arbeitsweise zweier Unbelehrbaren.
Simon Roth
Die Druckgrafik von Johann Ulrich Fitzi zeigt Heiden nach dem Brand von 1838. (Bild: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Trogen)

Die Druckgrafik von Johann Ulrich Fitzi zeigt Heiden nach dem Brand von 1838. (Bild: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Trogen)

Simon Roth

simon.roth@appenzellerzeitung.ch

Der Alpstein ist ein Pilgerort für Touristen. Schon im 18. Jahrhundert zog das Bergmassiv Schriftsteller, Maler, Naturforscher und Kurgäste zugleich an. Noch früher, im Jahr 1658, legte der Appenzeller Pfarrer Paul Ulmann den Grundstein für die Pilgerstätte im Wildkirchli. Damals zog der populäre Geistliche als erster Eremit von Appenzell in die Höhlen am Ebenalpstock. Unten im Tal hatte er sich mit den weltlichen Behörden bei seinem Kampf gegen Trunksucht und Sittenzerfall überworfen. Seine Eindrücke und Erlebnisse hielt er auf 83 handgeschriebenen Seiten fest, die im Landesarchiv Appenzell Innerrhoden lagern. Bis kurz vor seinem Tod predigte Ulmann im Alpstein, was bei der Bevölkerung und den Sennen der umliegenden Alpen auf grossen Anklang stiess. Ein Jahr vor seinem Tod gab er die Kapelle und das Eremitenhäuschen mit allen dazugehörigen Gegenständen, «samt 50 Pfund Schilliggelt», in eine Stiftung ein.

Das Geld, das Paul Ulmann der Nachwelt hinterliess, war noch nicht normiert. Erst 1851/52 führte der junge Bundesstaat den Franken als offizielle Währung ein. Auch die beiden Appenzell verfügten über eigene Währungen, wie Stephan Heuscher, ehemaliger Innerrhoder Landesarchivar, in einem Beitrag über zwei Prägestempel aus dem Jahr 1738, die im Museum Appenzell ausgestellt sind, schreibt. Einer diente zur Prägung von 9-Batzen-Münzen, mit dem anderen wurden 4-Kreuzer-Münzen hergestellt. Ersterer trägt die Inschrift «SALVUM FAC POPULUM TUUM» – «Mach deinem Volk Wohlstand». Dazu sollte es aber nicht kommen. Der Innerrhoder Landrat vergab das Prägerecht dem Luzerner Münzmeister Karl Franz Krauer. Trotz Vorbehalten und Warnungen der Mitstände erhielt Krauer die Bewilligung – ohne genauere Vereinbarungen getroffen zu haben oder Kontrollen zu befürchten. Der gewiefte Münzmacher sollte die Behörden einige Male an der Nase herumführen. Statt der gewünschten reinen Silbermünzen stellte Krauer eine Unmenge an Scheidemünzen von geringem Silbergehalt her. Wegen des Protests der Innerrhoder Mitstände musste der Landrat die Münzstätte vorübergehend schliessen, hob das Verbot wieder auf, nachdem Krauer Besserung versprach. Vier Jahre später kursierte die Meldung, Krauer sitze in Österreich in Haft. Er habe seine mindere Ware auch dort verbreitet. Die Innerrhoder Behörden kauften ihn frei. Sie erteilten ihm sogar das Prägerecht erneut. Krauer verstarb 1745 als offizieller Münzmeister des Kantons.

Der zündende Funke, der ein Dorf in Brand steckte

Ähnlich schludrig verhielt sich Johannes Frehner am 7. September 1838, mit verheerenden Folgen. Aus seiner Schmiede stammte der Funke, der den Dorfbrand von Heiden auslöste. Er missachtete alle Vorsichtsmassnahmen und Ermahnungen der Feuerpolizei, wie der Historiker Hanspeter Strebel in einem Beitrag über den Vorfall schreibt. Der Ziegelmantel um das Kamin fehlte, zudem war dieses so eng, dass kein Kaminfeger es reinigen konnte. Schnell breitete sich das Feuer über die mit Holzschindeln gedeckten Dächer aus. 75 Wohnhäuser, 42 Ställe und 11 Nebengebäude fielen den Flammen zum Opfer. 403 Personen verloren ihr Dach über dem Kopf. Glücklicherweise forderte der Brand keine Toten in der Bevölkerung. Der Föhnwind trug die Flammen über die Dorfgrenzen hinaus. Thal und Wolfhalden fürchteten, ebenfalls vom Flammenmeer erfasst zu werden. Heute zeugen zwei Gegenstände vom Brand: eine Druckgrafik von Johann Ulrich Fitzi und ein Feuereimer aus Leder der Gemeinde Lindau. Letzterer ist im Museum Heiden zu besichtigen. Die Lindauer hatten das Feuer gesehen und eilten zu Hilfe. Fünf Eimer sind zurückgeblieben, wie eine Ausschreibung der Gemeinde Heiden in der «Neuen Appenzeller Zeitung» bezeugt. Diese wollte die Eimer den Lindauern zurückgeben. Doch auch die Hilfe aus Deutschland kam zu spät: Die Lindauer brauchten vier Stunden und trafen mit den Kollegen aus Thal ein. Wegen eines Patzers kamen auch die Feuerwehrleute aus Goldach zu spät – sie hatten mit ihrer Feuerspritze den falschen Weg nach Heiden eingeschlagen. Nach dem Brand wurde Heiden wieder aufgebaut und gilt seither als Biedermeister-Juwel.

Schüler schrieb Aufsatz über Kleinwüchsigen

Während Heiden für seine Architektur als Attraktion gilt, war es in Oberegg ein Mann mit besonderer Statur, der Aufmerksamkeit erregte. Josef Anton Leuch, genannt Seppetoni, ist auf einer Postkarte aus dem Jahr 1908 vor dem Hotel Bären zu sehen. Er war 103 Zentimeter gross. Neben Seppetoni gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitere kleinwüchsige Menschen im Bezirk Oberegg. Ein Schüler verfasste einen Aufsatz über einen, den man Seppetöneli nannte. Dessen Körpergrösse betrug laut Erzählung des 15-Jährigen 70 Zentimeter im Alter von 57 Jahren. Jener betrieb eine Wirtschaft mit seinen Geschwistern. «Lustig ist’s wie der kleine Wirt seine Gäste bedient», schreibt der Schüler. «Um beim Jassen in gleicher Höhe mit seinen Partnern zu sein, stellt er einen Schemel auf den Stuhl und setzt sich darauf.» Mindestens sieben Kleinwüchsige lebten damals im äusseren Landesteil des Kanton Innerrhoden. Wie diese Häufung zustande kam, ist bis heute nicht geklärt.

Die Ereignisse der Landestrennung von 1597 wirken noch immer nach. In den Köpfen der Bevölkerung besteht auch heute eine Rivalität zwischen Ausser- und Innerrhoden. Ein Schreiben aus dem Jahr 1938, das im Innerrhoder Landesarchiv liegt, klärt jedoch die Rangordnung zwischen den beiden Halbkantonen. Sandro Frefel, Innerrhoder Landesarchivar, beschreibt den Brief des damaligen Sekretärs der Bundesversammlung, Fritz Gygax, worin er dem Innerrhoder Ratsschreiber Albert Koller die Entscheidung des Bundeskanzlers George Bovet mitteilt, dass bei der Aufzählung Ausserrhoden vor Innerrhoden genannt wird. So zu sehen etwa in der heutigen Bundesverfassung, wo im Artikel 1 zuerst die Vororte der Alten Eidgenossenschaft, Zürich, Bern, Luzern genannt werden. Anschliessend folgen die Kantone in der Reihenfolge ihres Beitritts zur Eidgenossenschaft. Die beiden Appenzell sind aber zeitgleich, im Jahr 1513, dem Bund beigetreten. Auch die Ausführungen des damaligen Innerrhoder Ratsschreibers vermochten den Bundeskanzler nicht von der angeblichen Innerrhoder Vormachtstellung zu überzeugen. Und so muss Innerrhoden diesen Entschluss wohl oder übel akzeptieren.

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