«Jetzt will ich Finnisch lernen»

WATTWIL. Judith Weilenmann arbeitet sich in 36 Jahren von der einfachen Krankenschwester am Spital Wattwil bis zur Leitung Qualitätsmanagement der Spitalregion Fürstenland Toggenburg hoch. Ende Woche geht sie in den Ruhestand.

Urs M. Hemm
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Judith Weilenmann wird es auch nach ihrer Pensionierung nicht langweilig werden: «Ich habe noch viel vor.» (Bild: Urs M. Hemm)

Judith Weilenmann wird es auch nach ihrer Pensionierung nicht langweilig werden: «Ich habe noch viel vor.» (Bild: Urs M. Hemm)

Ursprünglich wollte sie Handarbeitslehrerin werden. «Meine Klasse hat aber unsere damalige Handarbeitslehrerin derart geplagt, dass ich mir das nicht antun wollte», sagt Judith Weilenmann. Da ihr soziales Engagement und der Umgang mit Menschen schon immer wichtig gewesen waren, habe sie sich schliesslich für den Beruf der Krankenschwester entschieden. «Bereut habe ich diesen Entschluss nie. Denn ich habe in meiner beruflichen Laufbahn so viele unterschiedliche Aufgaben übernehmen dürfen, dass es mir nie langweilig wurde, dass mein Beruf immer spannend und überraschend geblieben ist.» Auf Ende Monat – nach 36 Jahren in Diensten des Spitals Wattwil – geht Judith Weilenmann in den Ruhestand.

Dienst am Patienten

Ein Aspekt zieht sich durchs ganze Arbeitsleben der 64-Jährigen hindurch: der Dienst am Patienten – zuletzt als Leiterin Qualitätsmanagement der Spitalregion Fürstenland Toggenburg (SRFT). «In diesem Bereich hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan, insbesondere was die Patientensicherheit, aber auch die Hygiene angeht», sagt die Wattwilerin. Errungenschaften während ihrer Zeit im Qualitätsmanagement sind beispielsweise das Patientenarmband oder das standardisierte, wiederholte Abfragen der Patientendaten vor einem Eingriff. «Denn Verwechslungen, nicht nur bei Eingriffen, sondern auch bei der Verabreichung von Medikamenten, können fatal sein.» Gemäss Judith Weilenmann sollte auch in anderen Bereichen noch vermehrter mit Checklisten gearbeitet werden, um die Qualität noch weiter zu erhöhen. Jedoch nur dort, wo es auch sinnvoll sei. Ein anderer Bereich, der ihr in ihrer Laufbahn im Qualitätsmanagement aber viel Kopfzerbrechen bereitet habe, war das Essen. «Bis vor ein paar Jahren hatten wir oft negative Rückmeldungen, was das Essen im Spital anbetraf. Mittlerweile konnten wir die Qualität auf ein hohes Niveau bringen, so dass sich die Reklamationen der letzten Zeit an einer Hand abzählen lassen», sagt sie. Verbesserungsbedarf sieht Judith Weilenmann vor allem noch im Bereich Patienteninformation. «Wir müssen lernen, den Patienten nicht zu viel Information auf einmal zu vermitteln, und das, was wir ihnen erzählen, in Worten, die von Laien verstanden werden.»

Missionarin in Ruanda

Judith Weilenmann ist in Goldach und Heiden aufgewachsen. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester arbeitete sie in den 1970er-Jahren zuerst am Unispital Zürich, bevor sie für gut drei Jahre im Auftrag einer Freikirche nach Ruanda ging. «Dort leitete ich acht Mädchenschulen – ein Angebot, das von den Mädchen rege genutzt wurde. Denn zu der Zeit durften in Ruanda junge Frauen nur mit einem Abschlusszertifikat einer Mädchenschule heiraten», erzählt sie. Es sei eine Hauswirtschaftstagesschule gewesen, wo die Mädchen unter anderem auch Nähen, Hygiene und Säuglingspflege lernten.

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz Anfang 1978 arbeitete Judith Weilenmann während zweier Jahre in einem Pflegeheim in Wattwil. «Eigentlich wollte ich aber in einem Akutspital in der Pflege arbeiten, so dass ich bald ans damalige Gemeindespital Wattwil wechselte.» Krankenschwester wollte sie aber nicht ein Leben lang bleiben, sondern entweder in der Ausbildung von Pflegepersonal oder in der Leitung Karriere machen. Sie arbeitete sich kontinuierlich hoch, bis man ihr 1982 als Oberschwester die Leitung der medizinischen Klinik übertrug. Diese Position übte sie bis 1988 aus, als man Judith Weilenmann die Leitung Pflegedienst übertrug. «Aus gesundheitlichen Gründen musste ich diesen Posten jedoch 2003 aufgeben, weil ich mein Pensum reduzieren musste – ein Umstand, der mit dieser Position nicht vereinbar war.» Just zu dieser Zeit wurde die Stelle Leitung Qualitätsmanagement für die Spitäler Wattwil und Flawil frei. Im Zuge der Bildung der Spitalregionen war später Wil dazugekommen, Flawil hingegen fiel weg. «Von der Materie her fühlte ich mich von Anfang an wohl in dieser Position, da ich auch als Leitung Pflegedienst schon viel mit Qualitätsmanagement zu tun hatte, auch wenn es damals weitaus weniger professionell gehandhabt wurde», sagt Judith Weilenmann. So sei es beispielsweise heute undenkbar, dass die Leitung Pflegedienst neben allen anderen Aufgaben die Bettendisposition vornehme, wie sie es noch getan habe. Es sei zwar ein gutes Führungsinstrument gewesen, vom Aufwand her heute aber schlichtweg nicht mehr möglich.

Reisen und Kleider nähen

Während der vergangenen 36 Jahre am Spital Wattwil hat Judith Weilenmann viele Veränderungen miterlebt. «Das einschneidendste Erlebnis war sicher 2003, als wir gegen die Schliessung des Spitals Wattwil auf die Strasse gingen», erinnert sie sich. Doch auch jeder Wechsel auf den Positionen des Chefarztes oder des CEO habe immer wieder einen Neubeginn bedeutet. «Dabei änderten sich teils grundlegende Haltungen, weil Schwerpunkte jeweils komplett anders gesetzt wurden», sagt Weilenmann. So sei man zu Zeiten, als das Spital noch zum Teil von der Gemeinde Wattwil finanziert worden war, sehr zurückhaltend mit Investitionen umgegangen. «Dadurch haben wir Entwicklungen verpasst, die nachzuholen uns später teuer zu stehen kamen.» Eindrücklich zu beobachten sei die Entwicklung der medizinischen Möglichkeiten gewesen, seit sie am Spital arbeite. «Wo früher beim gleichen Krankheitsbild Patienten zwei Wochen im Spital liegen mussten, entlassen wir sie heute nach zwei oder drei Tagen.» So, wie sich Aufenthaltsdauer aber reduziert habe, habe der administrative Aufwand massiv zugenommen. «Leider teilweise auch für Statistiken, die meiner Meinung nach unnötig sind», sagt Weilenmann. «Der Zeitpunkt meiner Pensionierung kommt für mich genau richtig», sagt sie, denn sie habe noch viel vor. So wolle sie sich noch mehr für die Freikirche engagieren und sich ihrem Hobby, dem Nähen von Kleidern, widmen. «Zudem will ich Finnisch lernen.» Sie reise sehr gerne in den Norden und war schon öfters in Finnland. «Ich habe also gar nicht den Eindruck, dass es mir ohne die Arbeit langweilig werden wird.»

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