Jetzt ist der Frühling da

Ab heute ist Frühling, hochoffiziell. Es beginnt zu blühen, zu grünen, es wird früher Morgen und später Abend. Und auch die Fliegen sind wieder da, über Nacht. Woher kommen die bloss? Die Vögel, bis anhin winterlich verstummt, wagen wieder, ihr Lied vorzutragen.

Susanne Hug-Maag Pfarrerin
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Susanne Hug-Maag Pfarrerin evangelisch-reformiert Krummenau-Ennetbühl (Bild: pd)

Susanne Hug-Maag Pfarrerin evangelisch-reformiert Krummenau-Ennetbühl (Bild: pd)

Ab heute ist Frühling, hochoffiziell. Es beginnt zu blühen, zu grünen, es wird früher Morgen und später Abend. Und auch die Fliegen sind wieder da, über Nacht. Woher kommen die bloss? Die Vögel, bis anhin winterlich verstummt, wagen wieder, ihr Lied vorzutragen. Wie wohltuend, nach der Brachzeit ein erstes Aufleben, und nicht nur ich strecke mein Gesicht voll Genuss der Sonne entgegen. Worte wie «Frühlingsputz», «Frühjahrsmüdigkeit» und «Frühlingsgefühle» tauchen auf. Zu letzterem finden wir in der Bibel eine wunderbare Stelle im Hoheslied Salomos, die direkt zum Aufblühen-Lassen der verschiedensten Gefühle einlädt. «Steh auf, meine Schöne, und komm! Sieh doch, dahin ist der Winter, vorbei, vorüber der Regen. Die Blumen sind im Land zu sehen, die Zeit des Singens ist gekommen, und das Gurren der Taube hört man in unserem Land. Der Feigenbaum lässt seine Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften.» Komm, mein Lieber, meine Liebe, lass dich mitnehmen, habe Mut, neu hinauszuschauen, neu wahrzunehmen, was Sinne, Herz und Seele erfreut. Frühling ist immer wieder die Zeit des Neuanfangs, die ganze Natur hält uns dieses Wunder vor Augen. Dieses Neuwerden berührt uns immer besonders, wie wenn man ins Gesichtlein eines Neugeborenen schaut oder die Zartheit der spriessenden Blättchen bewundert.

Die Schöpfung, die erste grosse Tat Gottes entfaltet sich wieder neu. Weitere grosse Taten Gottes geschehen sozusagen ebenfalls im Frühling. Das jüdische Passahfest, in welchem der Befreiung des Volkes Israels aus der Sklaverei in Ägypten gedacht wird, ist nicht selten ganz nahe bei unsern Kar- und Ostertagen. Zur Zeit eines solchen Passahfests geschah es auch, dass Jesus nach Jerusalem einzog und seinen ihm bestimmten Weg ging, durch den Tod am Kreuz zum neuen Leben. Inmitten der Frühlingsgedichte schätze ich den biblischen Bericht der Auferstehung Jesu am meisten. Sie bettet sich in die Jahreszeiten ein und verspricht uns nach jedem Winter die Kraft des Neuwerdens, die Kraft des besonderen, ewigen Lebens.

Als die Jünger Jesus in sein Felsengrab legten, war für sie und alle, die ihre Hoffnung auf den Rabbi Jesus gesetzt hatten, Winter. Aber am dritten Tag kam die Kraft des neuen Lebens, des unerhörten, unglaublichen Wiederaufstehens des Christus. Dies war der Neuanfang, der allen Neuanfängen vorausgeht und uns Licht und Lebendigkeit zuspricht. Gut, natürlich kommt nach jedem Frühling auch wieder der ganze Reigen der Jahreszeiten und wir wissen: der nächste Winter kommt bestimmt. Vielleicht auch der Winter in unseren Gefühlen, in unserem Innenleben: Kälte, Resignation, Abgestumpftheit, Starre und Angst. Aber die Auferstehung Jesu zeigt uns, dass Gott die Welt, auch unsere eigene, manchmal gar kleine Welt, gehörig auf den Kopf stellen kann.

Und er tut das im besten Sinn: durch Jesus ist die Welt nicht mehr in einem zyklischen Ablauf gefangen, sondern die Menschen in dieser Welt sind eingeladen, grad nach einer – innerlich und äusserlich – struben Winterzeit die eigenen Frühlingsgefühle anzunehmen und auszuloten, welche verändernde Kraft der Liebe und der Zufriedenheit innewohnt.

Frühling: Die Natur erwacht. (Bild: Walter Züst)

Frühling: Die Natur erwacht. (Bild: Walter Züst)