Jetzt geht's erst richtig los!

Nach der Diplomübergabe ist vor der nächsten Prüfung. Wer dieser Tage das Maturazeugnis überreicht bekommt oder den Fähigkeitsausweis nach abgeschlossener Lehre in Händen hält, sei daran gemahnt: Jetzt geht's erst richtig los! Das lebenslange Lernen ist Realität geworden.

Guido Berlinger-Bolt
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Nach der Diplomübergabe ist vor der nächsten Prüfung. Wer dieser Tage das Maturazeugnis überreicht bekommt oder den Fähigkeitsausweis nach abgeschlossener Lehre in Händen hält, sei daran gemahnt: Jetzt geht's erst richtig los! Das lebenslange Lernen ist Realität geworden. Grundlage dafür, dass dieses sinnvolle Lebensentwürfe ermöglicht, ist die Durchlässigkeit im Bildungssystem Schweiz und die bedingungslose Anerkennung der Matura als Reifezeugnis und Leistungsausweis.

Alljährlich wiederholen sich während der Wochen vor den Sommerferien in den Berufs- und an den Mittelschulen dieselben Szenen: Fähigkeitsausweise, Diplome, Maturazeugnisse werden an die Schülerinnen und jungen Berufsleute überreicht. Für wenige Tage werden sie zu Absolventinnen, maturi, Schulabgängerinnen – um sich schon kurz darauf in einem neuen Schulhaus, an einer Uni oder an einer neuen Arbeitsstelle zurechtfinden zu müssen.

Vor Wochenfrist riet alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz anlässlich der Diplomfeier den nunmehr Ehemaligen der Kantonsschule Trogen, sie sollten sich eine Strategie für ihr Leben zurechtlegen. Er riet ihnen, sich Ziele zu setzen und Wege dorthin zu finden und neugierig zu bleiben. Wie wahr! Nur: Neugierde und Ziele allein werden den jungen Erwachsenen nicht reichen.

Entscheidend für das Gelingen einer Bildungskarriere ist die Durchlässigkeit des Bildungssystems; diese erst ermöglicht überhaupt einen Weg, wie ihn Merz letzte Woche forderte. Wer eine Lehre absolviert, muss zu einem späteren Zeitpunkt darauf aufbauen können: Berufsmaturität, Fachhochschule, Universität – das ist ein möglicher Weg. Wessen Neigungen sich im Verlauf eines Erwachsenenlebens verändern, muss die Chance haben, sich auf ein anderes Berufsfeld zu begeben: vom Säger oder Mechaniker zum Sozialarbeiter – das ist ein möglicher Weg. Wessen Körper die physisch strenge Arbeit oder die psychische Belastung am Arbeitsplatz nicht mehr aushält, muss darauf angemessen reagieren können: Umschulung, Neuanfang. Das ist ein möglicher Weg. Und im übrigen kein Luxus, den sich unsere postmoderne Gesellschaft leistet, sondern ihr zentrales Wesensmerkmal: die Bewegung, die Beweglichkeit (auch Flexibilität), die Bewegungslust.

In Europa, in der Schweiz, im Appenzellerland leben wir längst in einer Wissensgesellschaft; in dieser ist es hilfreich und persönlich befriedigend, wenn man Veränderungen als etwas durchaus Lustvolles versteht, zumindest keine Angst davor haben muss. Deshalb dieses Lob auf die Bildung: Sie hilft, sie befähigt, sie macht stark. Und das Schönste daran: Sie ist nie zu Ende. Und so ist denn nach der Diplomübergabe vor der nächsten Prüfung. Meine eigene Biographie legt davon Zeugnis ab (ist aber natürlich nur ein Beispiel neben anderen): Ich startete ins Berufsleben als Bodenleger-Lehrling; ab dem zweiten Lehrjahr absolvierte ich parallel zur Lehre die Berufsmaturitätsschule; nach einigen Jahren Praxis, eins davon in der Romandie, entschloss ich mich, die Zweitwegmatura zu absolvieren, gleichzeitig verliess ich den gelernten Beruf (aus Neugierde übrigens) und arbeitete als Volontär, später als Redaktor bei der Zeitung; nach der Maturafeier war sodann vor der Immatrikulation an der Universität; denn seither studiere ich Germanistik und Geschichte – parallel zur Arbeit in dieser Redaktion.

Den Wert dieses Lebenswegs nehme ich als mehr wahr als nur die Summe verschiedener Diplome und Fähigkeitsausweise. Aber Hans-Rudolf Merz hatte recht in seiner Festrede vergangene Woche: Ein solcher Lebensweg bedarf der Planung. Voraussetzung dafür ist die Planbarkeit, ist auch die Verlässlichkeit des Werts der Diplome, insbesondere des Maturitätszeugnisses. Die Leistung unserer Mittelschulen, auch und gerade im Bereich der Fremdsprachen muss an den Fachhochschulen und Universitäten gewürdigt werden. Die Fähigkeitsausweise, Diplome und Maturitätszeugnisse müssen unter allen Umständen den Wert eines Eintrittsbilletts in weiterführende Bildungsinstitutionen behalten. Nur dann sind sie nicht allein Belohnung, sondern auch Ansporn für Höchstleistungen.

Nun denn: Weiter geht's!

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