Jeder einzelne Tropfen zählt

Seit einigen Jahren reist Lilian Ebneter ein- bis zweimal pro Jahr nach Südafrika, um den Menschen in Armut zu helfen. Vor einem Jahr gründete sie zu diesem Zweck den Verein «Hand in Hand – Afrika».

Luka Blumer
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Lilian Ebneter engagiert sich mit ihrem Verein «Hand in Hand – Afrika» für die Armen in Kapstadt. (Bild: bei)

Lilian Ebneter engagiert sich mit ihrem Verein «Hand in Hand – Afrika» für die Armen in Kapstadt. (Bild: bei)

Herisau. Lilian Ebneter, von Beruf Hausfrau, gesteht, dass sie wegen des Interviews ganz schön nervös sei. «Mein Herz rast richtig.» Bei der ersten Frage beruhigt sich die 59-Jährige allerdings schnell und erzählt mit bunten Worten die Geschichte ihres Vereins «Hand in Hand – Afrika». Sachlich schildert sie ihre Motivationsgründe und kann ihre Erklärungen dabei immer wieder mit bewegenden Beispielen illustrieren.

Hilfe im Kleinen

Lilian Ebneters Mann, Hans Rudolf Ebneter, lebte und arbeitete beruflich während über eines Jahrzehnts in Südafrika. Jahre später bereiste er das Land mit seiner Frau Lilian. Sie war fasziniert von der Landschaft und der Kultur, jedoch auch schockiert über die bittere Armut, die immer noch viele Menschen betrifft. «Einmal pro Woche kommt in Kapstadt die Müllabfuhr», erzählt die 59-Jährige. «Am Abend vorher stellen die Leute ihre Abfallsäcke raus. Am nächsten Morgen sind diese auf einen Zehntel geschrumpft. Die armen Leute kommen und nehmen sich daraus alles, was sie brauchen können, auch ihr Essen. Man nennt sie deshalb <Trash people>» – Abfallmenschen.

Diese und andere Szenarien brachten Lilian Ebneter dazu, jedes Mal, wenn sie nach Südafrika reiste, Kleider und Spielzeug mitzunehmen und in den Slums von Kapstadt an die Kinder zu verteilen. Doch das Ergebnis war unbefriedigend, «man sieht das Resultat nicht.»

Gezielte Unterstützung

So begann Lilian Ebneter vor drei Jahren an ihren Geburtstagsfesten und an Weihnachten ein Kässeli aufzustellen und um Spenden anstatt Geschenke zu bitten. Gleichzeitig erstellte sie eine Homepage und machte ihr Engagement publik. Zwei Jahre später gründete sie, auf den Vorschlag ihres Mannes hin, den Verein «Hand in Hand – Afrika». Dieser ist als gemeinnützig anerkannt und beim Kanton registriert. Die Spenden und Gönnerbeiträge sind zudem steuerbefreit.

«Hand in Hand – Afrika» ist mit 67 Mitgliedern aus der Schweiz, Deutschland und Österreich ein kleiner Verein. Auch wenn alle Vorstandsmitglieder Freiwilligenarbeit leisten, kann der Verein nicht irgendein Projekt unterstützen. «Wir werden immer wieder um Hilfe ersucht», berichtet Lilian Ebneter. «Wenn uns ein Projekt zusagt, geht jemand vor Ort und macht sich ein Bild, damit wir dann unsere Mittel zielgerichtet und effizient einsetzen können.»

Mittagsschlaf auf dem Boden

Aktuell läuft das Projekt «Wings of Hope». Dies ist eine Kinder- und Tagesstätte im Slum Du Noon ausserhalb von Kapstadt. Durch ein neues Gesetz der Regierung werden viele solche Einrichtungen geschlossen, da sie die Vorgaben (fliessend Wasser, Strom und sanitäre Infrastrukturen) nicht erfüllen. Um zu verhindern, dass noch mehr Kinder auf der Strasse landen, hat «Hand in Hand – Afrika» beschlossen, die Container-Anlage des «Wings of Hope» zu sanieren. Fenster und Türen müssen eingebaut und die Wände isoliert werden. Für die Kinder, die ihren Mittagsschlaf bisher auf dem Fussboden machten, sind Matratzen organisiert worden. Dem Schulzimmer stellt der Verein neue Tische und Bänke und Material für den Unterricht zur Verfügung. In einen anderen, bis jetzt unbenutzten Container werden in der einen Hälfte eine Küche, in der anderen Hälfte sanitäre Anlagen für die Kinder eingebaut. Baubeginn ist im August, geleitet wird das Projekt von der südafrikanischen Non-Profit-Organisation «Grassroots», und von «Hand in Hand – Afrika» wird es kontrolliert und überwacht. Lilian Ebneter rührt nun kräftig die Werbetrommel, damit so viel Geld wie möglich für das Projekt zusammenkommt. Sie plant, noch einmal einen Stand aufzustellen, so zum Beispiel am Weihnachtsmarkt im Dezember. Mit einem Stand habe sie bereits am Tag des afrikanischen Kindes, am 16. Juni, gute Erfahrungen gemacht. Damals konnte sie mit vielen Leuten neue Kontakte knüpfen und viele kleinere Spenden sammeln, erklärt Lilian Ebneter ihre Pläne. Ausserdem hat sie Ideen für ein Musical und ein Benefizkonzert im nächsten Jahr.

Für den Einzelnen lohnt es sich

Was sie den Skeptikern gegenüber, die Spenden für einen Tropfen auf den heissen Stein halten, für Argumente habe? Sie schmunzelt und erzählt eine kleine Geschichte: «Ein Mädchen spielt am Strand. Das Meer spült immer mehr Seesterne ans Ufer, und das Mädchen läuft hin und her, sammelt sie ein und bringt sie zurück ins Wasser. Ein Fischer, der dies beobachtet, geht zu dem Mädchen hin und meint: <Gib auf, Du kannst niemals alle retten.> Doch das Mädchen antwortet ihm: <Das stimmt. Aber für den einen, den ich gerettet habe, hat es sich gelohnt.>»

www.handinhand-afrika.ch

Bild: Luka Blumer

Bild: Luka Blumer