«Jede Geburt ist einmalig»

Nach 27 Jahren als Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Spital Herisau geht Andreas Ehrsam Ende Monat in den Ruhestand. Wohin sein Weg ihn führt, weiss er noch nicht.

Martina Brassel
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Wie viele Kinder Andreas Ehrsam auf die Welt geholt hat, weiss er nicht. Der Chefarzt tritt Ende November in den Ruhestand. (Bild: pd)

Wie viele Kinder Andreas Ehrsam auf die Welt geholt hat, weiss er nicht. Der Chefarzt tritt Ende November in den Ruhestand. (Bild: pd)

HERISAU. Eigentlich, so Chefarzt Andreas Ehrsam zu Beginn des Gesprächs, bringe es nichts, zurückzuschauen. «Schliesslich läuft das Leben weiter, wir müssen in die Zukunft blicken.» Dann aber redet er doch über all die Jahre, die er am Spital in Herisau gearbeitet hat. Insgesamt sind es 27. 27 Jahre, in denen sich einiges verändert hat. Auch dank ihm.

Vieles revolutioniert

Damals, also vor 27 Jahren, habe er als Oberarzt in der Frauenklinik St. Gallen mit Professor Haller gearbeitet. Dieser habe ihn denn auch motiviert, sich für die Chefarztstelle im Regionalspital Herisau zu bewerben. «Als ich hier angefangen habe, war die Geburtenzahl rückläufig, die Hebammen wegen der fehlenden Fachunterstützung überfordert, vieles veraltet», erinnert sich der Chefarzt. Aus diesem Grund hatte sich die Leitung des damaligen Regionalspitals dazu entschlossen, einen Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe einzustellen. Kaum im Amt, setzte sich Ehrsam dafür ein, dass die frisch gebackenen Mütter ihre Kinder wann immer sie wollten auf dem Zimmer haben dürfen (Rooming-In). Früher, so der Chefarzt, war es üblich, dass die Babies in einem abgeschlossenen Kinderzimmer untergebracht wurden, zu dem nur die Schwestern Zutritt hatten. «Ein völliger Unsinn. Ziel muss es sein, dass sich Mutter und Kind aneinander gewöhnen, aber trotzdem beide erholt nach Hause gehen.» Vieles hat sich unter Ehrsam auf der Wochenbettstation im Laufe der Jahre verändert, alles aufzuzählen, würde wohl mehr als eine Zeitungsseite füllen. Für ihn ist im nachhinein eines besonders wichtig: «Wir sind im Laufe der Jahre zu einem guten Team zusammengewachsen.» Und auch die Tatsache, dass die Anzahl der Geburten stets zugenommen hat, die Kaiserschnitt-Quote mit knapp 20 Prozent weit unter dem schweizerischen Durchschnitt von über 30 Prozent liegt, spricht für das unter Ehrsam und seinem Team erarbeitete Konzept.

Bei unzähligen Geburten dabei

Wie viele Kinder er auf die Welt geholt hat, weiss Ehrsam nicht. Allein in diesem Jahr werden es über 550 sein, welche in Herisau zur Welt kommen. «Jede Geburt ist einmalig», sagt der Chefarzt, der auch bei seinen drei Töchtern Geburtshelfer sein durfte. «Viele Mütter erinnern sich daran, was ich im Moment, als ihr Kind das Licht der Welt erblickte, gesagt habe. Im nachhinein hätte ich manchmal vielleicht etwas mehr überlegen sollen, als einfach zu sagen <läck, ist das ein Fetzen> oder so ähnlich», erklärt er lachend.

Auf die Welt kommen Kinder heute noch genauso wie vor 27 Jahren. In Sachen Technik hat sich im Bereich der Geburtshilfe nicht viel verändert. Ganz im Gegensatz zur Gynäkologie. «Hier wurden immense Fortschritte gemacht. So wird heute meist eine Bauchspiegelung durchgeführt und nur noch als allerletztes Mittel die Bauchdecke aufgeschnitten», weiss Ehrsam. Erst vor kurzem, so der Chefarzt, habe er im belgischen Lüttich einen Workshop zum Thema Inkontinenz und neuer Techniken zu deren operativer Behebung besucht. Immer wieder tausche er sich auch mit seinen Kollegen aus, wenn es darum gehe, Lösungen für Patientinnen mit Beckenbodenschwächen zu besprechen.

Zukunft in Laos?

Wenn Ehrsam über chirurgische Möglichkeiten zu Behebung verschiedener Beschwerden spricht, wenn er Bücher aus dem Schrank holt, Bilder auf dem PC zur Veranschaulichung komplexer Probleme hervorsucht, ist es schwer vorstellbar, dass er nach all den Jahren im Dienste seiner Patientinnen und Patienten schon bald in den Ruhestand tritt – und diesen auch geniessen kann. Pläne hat er bereits. Vielleicht gehe er für vier bis sechs Wochen nach Laos, weg von unserer Konsumgesellschaft. «Im Swiss Hospital von Urs Lauper wird mit wenig extrem viel bewegt. Diese medizinischen Probleme mit einfachen Mitteln zu beheben, ist auch für mich eine Herausforderung.» Was danach komme, wisse er noch nicht. «Ich werde mir wohl ein Hobby suchen, vielleicht wieder zu musizieren anfangen und mich vermehrt um meinen Enkel kümmern.» Sagt's, verlässt das Büro und macht sich auf den Weg in den Gebärsaal.