Jazz zu den Leuten bringen

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, schmückt sich mit einem Jazzclub. Das Appenzellerland liegt in Bezug auf improvisierte Musik und musikalische Experimente nahezu brach. Dem will der Gaiser Musiker Patrick Kessler mit einer mobilen Jazzstube abhelfen.

Monica Dörig
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Die Zwillingsbrüder Alexander und Konstantin Wladigeroff bestreiten das «Improvisorium» Nr. 1 im «Schlössli» Steinegg. (Bild: dö)

Die Zwillingsbrüder Alexander und Konstantin Wladigeroff bestreiten das «Improvisorium» Nr. 1 im «Schlössli» Steinegg. (Bild: dö)

GAIS. Die Idee ist noch frisch und wuchert fröhlich in alle Richtungen. Der Bassist Patrick Kessler, der mit namhaften Formationen und internationalen Grössen wie dem Posaunisten Ray Anderson gespielt hat, möchte die Tradition der Stubete – «die nichts anderes sind als Jam-Sessions» – auf die improvisierte zeitgenössische Musik ausweiten, er möchte «magische Momente in intimer Atmosphäre möglich machen», wie er hofft. An lauschigen Örtlichkeiten, verstreut im Appenzeller Hügelland, sollen die Grenzen zwischen Zuhörenden und Interpretierenden durchlässig werden. «An immer wieder andern Orten kann die mobile Jazzstube eingerichtet werden, Klubatmosphäre entstehen und sollen gleichzeitig Schwellenängste abgebaut werden», erklärt der Musiker. Der Jazz kommt zu den Leuten, zu den Liebhabern und zu den Neugierigen.

Flexibles Konzept

Unter dem zweideutigen Titel «Improvisorium» entsteht eine lose Reihe exquisiter improvisierter Jazz-Konstellationen, mit Platz für Spontaneität, für alle Jazz-Stilrichtungen, in improvisierten Konzerträumen: «in historischer Substanz, in Industriebauten, im Stall, in der privaten Stube, im Laden, an Unorten, in der Garage, im Wintergarten, in zeitgenössischer Architektur», zählt Patrick Kessler auf. Die Hörerlebnisse können erweitert werden durch «Art-Verwandtes» – «Art wie Kunst», erklärt der Jazzmusiker. In einem «Improvisorium» kann eine Vernissage stattfinden, Tanz-, Video-, Electronic- oder Wortkunst. «Die Appenzeller Jazz Stube kann durchaus auch einmal mein Atelier sein», sagt Patrick Kessler, «da das Appenzellerland kein Zentrum, vielmehr viele kleine Zentren hat, liegt eine mobile Jazzstube auf der Hand». Er nehme gern Anregungen für Spielorte entgegen. Auch wer Freunde oder Familie im eigenen Heim oder in einem gemieteten Raum mit einem Jazzkonzert beglücken will, kann ihn anfragen.

International vernetzt

Das internationale Netz von Patrick Kessler macht Unerwartetes und Synergien möglich. Er hat in Clubs auf dem Balkan ebenso wie in New York und in Nepal die Basssaiten gezupft oder in Workshops junge Leute unterrichtet, im nahen Ausland und in der ganzen Schweiz sowieso. Er kennt die Ostschweizer Szene und die kosmopolitische. Gut vernetzt ist er auch mit andern regionalen Kulturtätern. Die Zusammenarbeit mit ihnen ist vorgesehen.

Den Anfang machen am Freitag, 30. Oktober, «Import-Export» in der Jazz-erprobten «Schlössli»-Stube in Steinegg. Das internationale Musiker-Kollektiv wurde an renommierte Festivals und in bekannte Clubs in Wien und New York eingeladen. Diesmal kommt es der lauschigen Stube entsprechend «light» daher: ohne Electronics und Videobass. Dafür bringt der bulgarische Ausnahme-Trompeter Alexander «Sascha» Wladigeroff, der Appenzeller Ohren schon ein paar Mal durchgepustet hat, seinen gleichaltrigen Bruder Konstantin mit, den Pianisten. Patrick Kessler erdet das spektakuläre Spiel der beiden am Doppelbass und die «Batteria» bearbeitet der Wahl-Rheintaler Carlo Lorenzi, ebenfalls kein Unbekannter hierzulande.

Sie drehen zusammen bulgarische Tänze durch den «veganen Fleischwolf namens Blue Jazz Dog» wie der Bassist fabuliert, würzen sie mit wilden Improvisationen, einer Prise Melancholie und ein paar Umdrehungen Übermut. Das Ganze wird verpackt in Virtuosität und fertig ist der Direkt-Export mit dem Namen «A Tribute to The Flying Sofa of Sofia». «Auf dass auch die traurigsten Füsse tanzen mögen und die Ohren vor Freude glühen im ersten Improvisorium», freut sich Patrick Kessler.

Improvisorium Nr 1: Import-Export light mit «A Tribute to The Flying Sofa of Sofia», im Restaurant Schlössli Steinegg, Freitag, 30. Oktober, 20.30 Uhr. Essen ab 19 Uhr (Reservation 071 787 54 03). Kontakt, Ideen für Jazzstuben an und bei: www.bassilikum.ch.

Patrick Kessler Gründer mobile Jazzstube (Bild: pd)

Patrick Kessler Gründer mobile Jazzstube (Bild: pd)