Jammern die Lehrer zu viel?

Jung-Kindergärtnerin Nicole Dietrich, der erfahrene Lehrer Claude Heiniger sowie Matthias Schriebl – notabene ein Aussteiger, der neu nun Schulleiter wird – zeigen Mühe damit, dass Lehrerpersonen häufig über ihren eigenen Beruf klagen.

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Oft heisst es, der Job des Lehrers sei mehr als ein Beruf. Lehrer werde man aus Berufung. Wie ist das bei Ihnen?

Claude Heiniger: Für mich ist mein Beruf ganz klar eine Berufung. Der Job ist einem gegeben oder nicht. Konkret fühle ich mich zu dieser Aufgabe berufen, weil ich zum einen die Kinder und zum andern auch die Menschen generell gerne habe. Meine positive Haltung gegenüber Kindern hilft mir auch beim Unterrichten.

Nicole Dietrich: Bei mir ist es eine Mischung aus beidem. Zum einen ist Kindergärtnerin ein schöner und spannender Beruf, zum andern habe natürlich auch ich gemerkt, dass ich gerne mit Kindern arbeite. Als angehende Lehrperson kann man einiges lernen, fehlt jedoch die Freude an den Kindern, wird es im Berufsalltag schwierig.

Matthias Schriebl: Bei mir ist es wie bei Claude Heiniger eine Berufung. Im Kern kann ich meine Vorredner nur unterstützen. Als Lehrperson sollte man Kinder mögen – und dies auch dann, wenn sie sich einmal nicht so verhalten, wie man es sich wünschte. Es ist wichtig, dass ihnen Lernprozesse zugestanden werden. Als ich vor drei Jahren aus dem Job ausstieg, tat ich dies nicht, weil mir der Lehrerberuf nicht mehr gefiel.

Warum sind Sie dann ausgestiegen?

Schriebl: Ich war zuvor zwölf Jahre lang Lehrer, etliche davon auf der Oberstufe. Dabei hatte ich viel mit der Berufswahl junger Leute zu tun und gemerkt, dass ich Dinge erzähle, von denen ich überhaupt nicht viel weiss. Heute kann ich allen Lehrpersonen nur empfehlen, auch mal einen anderen Beruf auszuüben. Aus meinen Tätigkeiten als Personalberater beim RAV St. Gallen und als Personalleiter bei der Gemeinde Teufen nehme ich mit, dass sich viele schulspezifische Probleme relativieren, wenn man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Beispielsweise wird im Lehrerberuf viel über die Lohnsituation diskutiert. Das ist für mich aber nicht der Kern des Problems, wenn man sieht, auf welchem Lohnniveau sich die meisten Leute bewegen.

Claude Heiniger, Ihnen fehlt offenbar einiges, denn Sie haben nie ausserhalb der Schule gearbeitet.

Heiniger: Ich bin in der heutigen Zeit sicher nicht das ideale Beispiel, das ich vorzeigen würde. Persönlich finde ich es heutzutage nicht gut, aus der Schule direkt wieder in die Schule zu gehen. Hat man immer nur dasselbe Umfeld um sich herum, fehlt etwas. Ich habe dieses «Etwas» zwar nicht durch einen anderen Beruf, aber durch andere Tätigkeiten kennengelernt, beispielsweise als Verantwortlicher für Leistungssport im Schweizerischen Badmintonverband. Auch der Einblick in die politischen Gremien als OK-Präsident hat mir gut getan, um die Schule einmal aus einer anderen Warte zu sehen. Ich empfehle grundsätzlich, dass man nach der Lehrerausbildung ein anderes Berufsfeld kennenlernt, wehre mich aber gegen eine Vereinheitlichung.

Ihr Weg, Nicole Dietrich, wird vom erfahrenen Kollegen Claude Heiniger nicht angepriesen.

Dietrich: Gut, ich habe zwar nie einen anderen Beruf erlernt, habe aber vor meiner Ausbildung an der pädagogischen Hochschule eine Zeit lang als Mikrowellenmonteurin und begleitend zur Schule bei einem Kühlgerätehersteller gearbeitet. Dadurch lernte ich durchaus eine andere Berufswelt kennen. Zudem war ich parallel zur Schule auch bei einem Kühlgerätebauer tätig. Aus jener Zeit nehme ich beispielsweise die Erfahrung mit, dass Eltern mit Migrationshintergrund ihren Kindern bei den Hausaufgaben manchmal nur schwer helfen können. Sei es, weil sie die Sprache nicht verstehen oder weil sie nicht denselben Schulstoff gelernt haben.

Nun wird ja gerade in Lehrerkreisen immer wieder über den eigenen Beruf gejammert mit Stichworten wie wenig Lohn, grosse Bürokratie oder schwierige Schüler und Eltern. So schlimm?

Schriebl: Den Lohn habe ich bereits angesprochen. Es kommt immer darauf an, was man als Vergleichsgrösse nimmt. Wenn man sieht, wie viele Akademiker keinen Job haben oder wie in der Forschung für ein «Butterbrot» Wahnsinniges vollbracht wird, relativiert sich die Sache.

Heiniger: Warum wird immer vom Lohn oder fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten gesprochen? Das mag stimmen, aber ich finde den Lehrerberuf dennoch nach wie vor enorm attraktiv und herausfordernd. Und ich wehre mich, wenn es immer nur heisst, die Schule, Kinder und Eltern seien schwieriger geworden. Das stimmt einfach nicht. Es gab zwar einige Veränderungen und man ist heute mit unterschiedlichen Wertvorstellungen konfrontiert, hat mehr mit Integration zu tun oder muss mit mehr Fachlehrkräften kooperieren; das darf man aber nicht negativ sehen. Lehrer zu sein, ist weder härter noch schwieriger als früher, sondern nur teilweise anders.

Dietrich: Was ich extrem schön finde am Lehrer- oder Kindergärtnerinnenberuf sind die vielen Freiheiten und dass man eigene Ideen umsetzen kann. Auch ist es möglich, die Arbeit ein Stück weit selbst einzuteilen. Besonders motivierend finde ich, wenn man morgens auf die Kinder wartet, diese das Zimmer betreten und aufgestellt hereinkommen. Bislang gab es keinen Tag, an dem ich mich gelangweilt hätte.

Schriebl: Wenn man eine Zeit lang vom Lehrerberuf Abstand nimmt, dann lernt man zu schätzen, was man eigentlich daran gehabt hat. Ich beginne nun als Schulleiter in Oberegg, weil ich einfach merkte, dass in diesem Metier meine Berufung liegt. In der Schule wird das Leben kreiert, was gibt es Spannenderes?

Das alles tönt nun doch sehr überschwenglich. Als Lehrer opfert man sich aber auch täglich für Kinder, Eltern und die Gesellschaft auf. Sich selbst kann man nicht mehr verwirklichen.

Heiniger: Man muss lernen, sich die Räume für sich selbst zu nehmen. Es ist aber in der Tat im Lehrerberuf nicht sonderlich einfach, auch mal abschalten zu können.

Schriebl: Ich denke nicht, dass es ein tägliches Aufopfern für die anderen ist. Das ist ein völlig falsches Bild. Durchaus besteht aber die Gefahr, sich selbst zugunsten der Problemlösung für ein Kind zu vergessen. Daraus entstehen dann auch die bekannten Krankheiten wie Burn-out.

Dietrich: Ich mache die Erfahrung, dass es manchmal schon schwierig ist, abends abzuschalten. Was mir hilft, ist das Setzen von Fixpunkten. Das heisst, bewusst den Computer nicht einzuschalten oder den Abend mit Kolleginnen zu verbringen.

Heiniger: Einmal sagen zu können, jetzt ist Schluss, ist zehnmal wichtiger, als die ganze Nacht durchzuackern und dann unausgeruht zur Schule zu gehen. Ein erholter, aufgestellter Lehrer am Morgen ist viel mehr wert als einer, der immer bis ins letzte Detail vorbereitet ist. Die geistige und körperliche Frische, die es tagsüber braucht, hat man nur, wenn man loslassen kann. Wie man dies tut, muss jede und jeder für sich selbst herausfinden.

Besonders aktuell sind im Moment Diskussionen um die Schulformen. Grossraum-Schulzimmer liegen im Trend. Was halten Sie davon?

Heiniger: In den letzten 35 Jahren gab es immer wieder Veränderungen. Der aktuelle Trend hin zu offeneren Schulen bringt viel Interessantes mit sich, und auch ich würde offen darauf reagieren. Allerdings wehre ich mich, wenn nur noch ein einziges Modell verherrlicht wird. Wir müssen vielmehr wieder gute Mischungen von traditionellen und modernen Unterrichtsformen hinkriegen. Dadurch wird man auch den Schülern gerechter, profitieren doch die einen mehr von traditionellen Methoden, andere mehr durch individuelle Lernformen.

Dietrich: Die Lernformen im Kindergarten sind schon seit Jahren sehr vielseitig. Das Spielen – in der Schule würde man von offenen Lernangeboten sprechen – gibt es schon lange. Ich finde, es braucht mehrere Formen nebeneinander.

Schriebl: Wichtig zu wissen ist, dass es bei den neuen Schulformen grundsätzlich darum geht, den Schülern mehr Verantwortung für ihren eigenen Lernfortschritt zu übertragen. Auch können sie ihren Stärken entsprechend eine Materie vertiefen, was sich positiv auf die Motivation auswirkt.

Sorgen Sie mit dieser Überzeugung als neuer Schulleiter von Oberegg dort also bald für Veränderungen?

Schriebl: Oberegg hat eine integrative Schule. Sicher werde ich nicht gleich alle Wände herausreissen lassen. Letztlich ist aber auch nicht der Raum das Entscheidende, sondern der Inhalt.

In die Zukunft blickend, wie könnte der Lehrerberuf noch attraktiver gemacht werden?

Dietrich: Ich finde ihn bereits attraktiv. Auch die heutigen Möglichkeiten des Quereinstiegs sehe ich als Chance.

Schriebl: Ich denke, die Lehrpersonen sollten wieder mehr das Selbstbewusstsein zurückgewinnen, dass sie pädagogische Fachpersonen sind. Dadurch könnte auch mit Kritik anders umgegangen werden. Zudem wünsche ich mir, dass die Gesellschaft der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer positiver und vertrauensvoller begegnen würde.

Heiniger: Wir haben einen Job wie andere auch, anspruchsvoll und attraktiv. Über den Lohn kann man immer streiten. Ich finde jedoch, die Lehrer selbst sollten beginnen, wieder positiver über ihren Beruf zu sprechen.

Interview: Roger Fuchs