Der Herisauer Marcel Kull arbeitet seit Jahrzehnten akribisch als Goalietrainer

Geburtstagskind Marcel Kull über Herisau, den HC Davos und ein Eishockey-Schriftstück in Nigeria.

Lukas Pfiffner
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Mit einem der Schützlinge der vergangenen Saison: Marcel Kull redet auf Gilles Senn ein.

Mit einem der Schützlinge der vergangenen Saison: Marcel Kull redet auf Gilles Senn ein.

Bild: Hansruedi Camenisch

Der Präsident brachte ihm persönlich eine Torhüterausrüstung. Hans-Rudolf Merz wollte Marcel Kull in den Siebzigerjahren vom EHC Uzwil zum SC Herisau lotsen. Der Rivale gab ihn nicht frei. «Das war weniger eine Frage der Klasse, sondern mehr das Prinzip. Uzwil brauchte einen Goalie», sagt Marcel Kull. Das Verbandsformular verlangte das Einverständnis des abgebenden Clubs. Seine Herisau-Zeit begann mit einer einjährigen Sperre. Mit Verzögerung klappte es doch noch. «Aber ich kam in der ersten Liga an meine Grenzen.»

Als Mühlenbauer im Ausland

Als Mühlenbauer beim Uzwiler Bühler-Konzern hielt er sich in Syrien oder Kolumbien auf. Und in Nigeria, einmal mehrere Monate. «Dort machte ich mir Gedanken über die Arbeit und Philosophie des Goalies.» Kull schrieb von Hand ein Dossier. Womit der Torhütertrainer, Trendsetter und hochgeachtete Ausbilder von Leuten wie Hiller, Genoni oder Berra geboren war. Wer Kulls Akribie kennt, weiss: Das Schriftstück aus Nigeria hat er heute noch. «Ich bin ein Messie, aber ein sauberer.»

Spesen gab es keine

Ihn faszinierte Eishockey generell. Er war Nachwuchstrainer und TK-Chef, und weil im SCH manchmal ein Präsident fehlte, wichtigster Funktionär sowie Vertreter an der Nationalliga-Versammlung. «Wenn es hiess, man treffe sich im Luzerner Hotel Gütsch, habe ich leer geschluckt. Spesen gab es keine.» Generell sei der SCH in der NLB eine Familie gewesen mit Leuten, die unglaublich leidenschaftlich gearbeitet hätten. Man habe aus wenig viel gemacht. «So ginge es heute nicht mehr.» Herisau hatte meist starke Ausländer. «Ich war einer der ersten Scouts, besass früh ein Netzwerk. Ich achtete darauf, ob sie zum Team passen.» Als grösste Figur des SCH bezeichnet er aber einen Einheimischen: Jörg Eberle. «Er hat dem Eishockey hier ein Gesicht gegeben.»

Der Beutel mit fünfstelliger Summe

Kürzlich hat Marcel Kull John Slettvoll mit einem SMS zum 75. Geburtstag gratuliert. Kull zeigt auf dem Handy die Antwort des schwedischen Trainers. «Leider schafften wir in Langnau den Ligaerhalt nicht», schreibt er unter anderem. Das war im Frühling 1998 nach einem Jahr der Abschied aus der NLA. Devin Edgerton zog sich eine jämmerliche Gesichtswunde zu. «Als sich unser Doc Ernst Gähler ans Nähen machte, sah es in der Kabine blutiger aus, als es je ein Herisauer Metzger erlebt hat», erinnert sich Kull. Manche Herisauer Trainer waren unbekannt, machten Karriere. Der Däne Björn Kinding etwa. «Ihn habe ich an der C-WM in Spanien kontaktiert.» Auch Arno Del Curto war wenigen ein Begriff, als er 1990 zum SCH kam. Kull wurde später Schaltstelle bei dessen Transfer in die NLA. Sepp Vögeli, Hallenstadion-Direktor und im Umfeld des ZSC wichtig, meldete sich. Er wolle Del Curto haben. Kull besprach sich mit dem Trainer, traf Vögeli auf einer Autobahnraststätte und brachte abends eine fünfstellige Summe an die Vorstandssitzung. Ob er einen neuen Sponsor habe, wurde er gefragt. «Nein, keinen Trainer mehr.»

Mit Del Curto auf Augenhöhe

Del Curto und Kull fanden Ende 1999 wieder zusammen. Der Trainer teilte mit, seine HCD-Torhüter seien nicht gut genug. Kull machte bei Petter Rönnqvist rasch physische Mängel aus. «Er hatte schon einen roten Kopf, wenn er in die Knie ging, um die Schlittschuhe zu binden.» Kulls Goaliearbeit in Davos begann. Er war eine der Personen, die Del Curto auf Augenhöhe begegneten, als Gesprächspartner akzeptiert waren. Aber im Herbst 2018 gab der HCD die Verpflichtung des Goalies Anders Lindbäck bekannt, überraschte mit der Öffentlichkeit auch Kull. Ist da eine Freundschaft kaputt gegangen?

«Nein. Wir sagten uns auch zuvor ab und zu die Meinung.»

Kull musste mit den jungen Schweizer Goalies Aufbauarbeit betreiben: Senn war verunsichert, van Pottelberghe wurde ausgeliehen. Lindbäck war nicht der Rückhalt, den der HCD gebraucht hätte. «Im Nachhinein weiss Arno: Der Entscheid war falsch.» Sie sind nach wie vor in Verbindung. «Er braucht nach der zwischenzeitlichen Rückkehr zum ZSC Zeit», berichtet Kull Anfang dieser Woche. Am Donnerstag wird Arno Del Curto in La Chaux-de-Fonds als Helfer gesichtet.

Für den Goalienachwuchs zuständig

Kull feiert heute Samstag den 67. Geburtstag. Er hat bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren 100 Prozent gearbeitet, regelmässig stand er um 5 Uhr in seinem Büro. «Damit ich Zeit fürs Hockey hatte.» Mit den Goalies der ersten HCD-Mannschaft arbeitet seit dem Sommer vor allem Peter Mettler. Nun ist Kull primär für die Nachwuchstorhüter zuständig. Was etwa so aussieht, dass er am Dienstag morgens um halb sechs Uhr losfährt, mit Nachwuchsmannschaften für Skills-Training auf dem Eis ist, «Off-Ice»-Einheiten leitet und speziell mit den Goalies arbeitet, hart und herzlich – auch am Mittwoch. Er übernachtet in seiner Davoser Wohnung. Am Donnerstag ist er in Herisau, am Freitag wieder «oben». Am Wochenende besucht er Spiele. Auch jene des National-League-Teams, aber nicht mehr in Genf oder Lausanne wie früher.

Freude am neuen Trainingscenter

Marcel Kull freut sich am Trainingscenter, an dessen Entwicklung er massgeblich beteiligt war. Das Gebäude besitzt ein Trainingsfeld und zwei Galerien. Auf der einen Ebene befinden sich unter anderem eine Schusstrainingsanlage und ein Skating-Platz, die andere ermöglicht Goalies spezifische Trainings, etwa im Bereich der Stabilität und Beweglichkeit. «Für das Mobiliar habe ich selber geschaut und Spender angefragt.» Nach einem Zeitungsbericht meldete sich eine hockeyfremde Person und stiftete eine grosse Summe. Das sei unglaublich, was er da mache, hörte Kull. Er erzählt:

«Das Ende meiner HCD-Zeit ist absehbar. Es werden noch ein, zwei Jahre sein.»

Anzunehmen, dass er sich weiter einmal wöchentlich mit den Kollegen von «Euregio Events» trifft: Die Herisauer Gruppe hat bis vor kurzem sportliche Organisationen finanziell unterstützt, ist nun aber nicht mehr aktiv, was die Durchführung von Anlässen betrifft. «An unserem Stamm reden wir nicht nur über Eishockey.»

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